Popfestival? Hääää? Wasndas? Mir persönlich sind Rockkonzerte bekannt, auch Jazzfestivals, vor denen es hier nur so wimmelt: Moers, Geldern, Viersen, Leverkusen. Aber Pop? Wer soll das sein? (Vielleicht Iggy Pop?) Madonna oder ein Flock-of-Seagulls-Revival? Sowas in der Art? Nein. Gar nicht. Anders, ganz anders.
In Haldern spielen nur Gruppen, von denen ich noch nie gehört habe. “Aha”, denke ich. “Nachwuchskünstler von nebenan.” Aber: Wieder daneben.
Ich hätte dran denken sollen, dass schon die Beatles Popmusik zur Kunstform erhoben haben. Warum heißt nun das Haldern Pop Festival 2009 “Pop”-Festival? Wo ist die Abgrenzung zum Rock? Es geht hier schon etwas sanfter und melodischer zu als bei Rockfestivals. Den musikalischen Konzepten vieler Bands, die hier am vergangenen Wochenende aufgetreten sind, liegt eine Ähnlichkeit mit Coldplay zugrunde. Und es gibt zahlreiche Anleihen bei Popbands der 80er, offenbar die letzte Hochphase der Popmusik.
Thomas legt Wert darauf, dass Coldplay auch nur abgekupfert haben, bei U2, so D-Dur-mäßig. Weißichnich das D-Dur-Zeugs. Jedenfalls hat er Recht. Einschmeichelnd, hymnenhaft, melodisch, teils zuckersüß mit Halleffekten. Insgesamt: Eher konsumierbar, wenig aneckend. Aber loben wir den Tag nicht vor dem Abend.

Manche Leute werden rot, die Halderner Bäume erstrahlen am Abend blau. Dabei sind sie vermutlich die Einzigen, die nichts getrunken haben.
Denn es kam noch anders. Wer am Freitag gegen Abend die Thermals hörte, bei denen es schon etwas mehr zur Sache ging als beispielsweise bei Patrick Watson, durfte ahnen oder sogar hoffen – je nachdem –, dass noch anderes bevorstand. Der letzte Act des Haldern Pop Festivals 2009 – Health – gemahnte sogar an die besten Zeiten der Einstürzenden Neubauten. Wie fanden die in das Programm? Was war geschehen?
Sollten die Programm-Macher fremd gegangen sein? In gewisser Weise ja. Ich erkläre mir das so: Der vorletzte Act waren Fettes Brot, die hip-hoppten die Massen nach Strich und Faden. Irgendwie lag in diesem Auftritt, der dermaßen abging, ein gleichzeitiges Scheitern. War doch Fettes Brot durch und durch kommerzialisierter, unterhaltsamer Deutsch-Hip-Hop, gegen den die Fanta4 noch richtig ungeschliffen wirken.
Da werden sich die Anspruchsvollen unter den Initiatoren des Festivals gesagt haben: Setzen wir mal einen krassen Kontrapunkt gegen den Kommerz, holen wir sozusagen den Antichrist ins Kirchenschiff. Verlassen wir den Pop und bringen wir harten wenn auch ebenso kalkulierten Dekonstruktions-Rock.

Haben sich die Leute verkleidet? Sehen ja aus wie in Woodstock. Kaum zu glauben, was so eine kleine Kameraunschärfe ausmacht.
Mit diesen Sätzen habe ich auch schon beschrieben, dass der Spannungsbogen letztlich – gemessen an einzelnen Acts – doch weiter gespannt war als vorher gesagt. Dennoch war der Kern des Festivals musikalisch weniger aufmümpfig als die gute alte Rockmusik. Jens schüttelt den Kopf und murmelt etwas davon, was für einen Popbegriff ich hätte.
Es gab noch andere Überraschungen. Damit meine ich Bands, die nicht Falsett singen sondern richtige Stimmen haben. Kaum zu glauben z.B. die Band “The Soundtrack of Our Lives”, die die 70er denkbar simpel und vorhersehbar wieder aufleben ließen. Auch hier ahnt man das Bestreben der Festivalmacher, Bandbreite zu erzeugen, obwohl im Vorwort des Programmheftes von der Kunst des Weglassen die Rede ist. Dann doch lieber Chris Martin.
Im Übrigen nichts gegen Coldplay. Die zelebrieren ja unter der Oberfläche der anscheinenden Ereignislosigkeit einen kleinteiligen Grundrhythmus, den offenbar Brian Eno anno dazumal U2 beim unforgeteblen Fire verordnet hatte. Dieser durchgehende aber nicht überbetonte Rhythmus, der sich leise und hintergründig vollzieht, ist bei vielen Bands zu finden, auch Gesang und Phrasierung lassen Chris Martins Schatten länger werden.
Ich war überrascht, so viele gute Musik zu hören, die ich vorher gar nicht kannte. Anna Ternheim, eine die mir bekannt war, fand ich beim Konzert eher etwas langweilig. Alexander Tucker & The Decomposed Orchestra: Sehr interessant. Ein Bandleader, der den ganzen Fußboden mit Effektgeräten vollgestellt hat, Loops, Rückkopplungen erzeugt und quasi mit sich selbst spielt, Stimme auf Stimme schichtet, im Duett mit sich selbst. Sehr eindrucksvoll.
Das erinnert mich an Minimal Music, wie sie z.B. Steve Reich gemacht hat, an Robert Fripp mit seinen Frippertronics oder an seine Kolloborationen wie die Gitarrensachen mit Andy Summers, letztlich wieder an den Ambient-Sound von Brian Eno – so schließt sich der Kreis. Übrigens habe ich vor vielen Jahren eigentlich permanent “Music for Airports” von Eno gehört. Das hat aber einen sanfteren und organischeren Ursprung als das Tucker-Material. Der ist zugleich rockig und meditativ.

Tucker gebeamt: Die Aussenprojektionen wurden gut aufgenommen und von vielen beim schönen Wetter draußen genutzt.
Dabei wollte ich nur ein paar persönliche Impressionen zum Besten geben. Die Details findet man sowieso woanders, bei den Kennern.
Haldern war für mich eine interessante Erfahrung, wenn ich mir auch eine engeres Konzept gewünscht hätte. Das klug geschriebene Vorwort im Begleitheft formuliert es so: “Der Spruch ist alt, aber er wird immer wahrer: Weniger ist mehr. Und von diesem Wenigen bieten wir Euch in diesem Jahr ganz besonders viel.”
Ob das so stimmt? Ich habe die Spreizung der Musikstile als zu breit empfunden. Einiges Marginales hätte man weglassen, dafür anderes vertiefen können. Aber das ist so eine Sache: Wem muß man eher gerecht werden? Den Zielgruppen oder der Reinheit des eigenen Konzeptes?
Mehr Bilder in unserer Flickr-Galerie.





















August 20th, 2009 at 14:18
>Einer von mehreren Kartons hinter dem Pressezelt: Ein Back-Office für betrunkene Journalisten?
Nein – die Transportverpackung der IMacs natürlich.
August 20th, 2009 at 21:01
Oh, dann habe ich was verpasst. Ich wußte nicht, dass es jetzt Elefantitis-I-Macs gibt. Die Kartons da sind groß wie ein Haus. Zumindest könnte da eine siebenköpfige Zwergenfamilie drin wohnen. Inkl. Schneewuttchen.
August 21st, 2009 at 00:14
Prima Bilder! Das war noch ein unverhoffter schöner später Flashback.
Wg. Health: Wie ich heute erst hörte war die Band ne Art Geschenk, bzw. einer aus der Festival-Crew durfte sich eine Band aussuchen. Von der P.A.-Crew? Hm.
August 21st, 2009 at 00:19
Hat etwas gedauert. Ich hatte, glaube ich, über 1.000 Bilder gemacht. Da eine Auswahl hinzukriegen, hat ein paar Tage gedauert.
Health hat zwar nicht zum Konzept gepasst, andererseits fand ichs nach Fettes Brot heilsam. Was meinst Du?
August 21st, 2009 at 13:23
Der Bildeffekt der alles wie gemalt aussehen läßt kommt super! War ja fast alles auch ein bisschen weicher
August 21st, 2009 at 16:12
Endoplast ist ja sowieso reine Kunst
deshalb passt das Gemalte ganz gut.
August 21st, 2009 at 17:34
jau jau – schön mal wieder fast alle Photoshop-Filter vereint zu sehen
August 21st, 2009 at 18:17
Es sind zwei Filter zum Einsatz gekommen
August 21st, 2009 at 19:17
>Es sind zwei Filter zum Einsatz gekommen.
Und zwar als bedeutungssteigernde Maßnahme, deren ästethischer Mehrwert sich mir nicht erschließt.
Der Bildautor sollte auch darauf achten, seine Ablichtungswerke als JPG, also nicht als GIF mit 72 dpi und max 70 KB hier zu veröfentlichen.
Mir scheint eh, er verwechselt Print-Layout mit Webdesign. (-:
August 22nd, 2009 at 04:00
Seit wann arbeitet man bei Print mit 72dpi-GIFs. Der Kommentator scheint vom Druck keine Ahnung zu haben.