Brigitte Kronauer: Im Tiefgang der Sprache ist sie die Kapitänin

Brigitte Kronauer: Im Tiefgang der Sprache ist sie die Kapitänin

Möchte man einen Autor als im Besitz der Fähigkeit beschreiben, mit seinem Handwerkszeug – der Sprache, den Worten – auch in seiner Fülle und seiner Variationsfähigkeit umgehen zu können, nennt man ihn kurz „sprachgewaltig“.

Das wurde beispielsweise heute Abend über Herta Müller gesagt. Gesagt wurde es auch schon über Wolfgang Hilbig oder Martin Walser, über Günther Grass oder Thomas Mann. Und jetzt steht es in der Literaturbeilage der „Zeit“ über Brigitte Kronauer.

Auf einen Beweis braucht man nicht zu warten. Auf dem Titel des Heftes schreibt sie als atmosphärische Einstimmung auf das Buchmessethema „China“ ein paar Zeilen als schräge Interpretation einer chinesischen Porzellanfigur, die über dem Text auf dem Titelblatt abgebildet ist.

Sie macht das in den 26 Zeilen so gut, dass Ijoma Mangold, der sie im Innenteil dann sprachmächtig nennt, tatsächlich Recht behält. So treffend komprimiert und zugleich kunstvoll poetisch ist diese Textminiatur in ihrer Reduktion, dass man vermuten könnte, Brigitte Kronauer könnte bestimmt auch sehr gut twittern.

In den 140 Zeichen, die so eine Twitter-Nachricht lang ist (bzw. eigentlich 120 Zeichen, damit man den Tweet komfortabel – versehen mit dem eigenen Namen, der auch Platz beansprucht – weiterleiten kann) würde sie all ihre diesmal verkürzte Sprachmacht stecken können.

Doch wie würde Brigitte Kronauer das machen? Ohne die spannungsreiche Vielschichtigkeit und Rythmus erzeugende Satzverschachtelung, ohne die exakte Beschreibung mittels treffender Adjektive, die jedoch nur Platz kosten? Ohne Aufzählungen oder die Aneinanderreihung bildhafter Substantive? Was bleiben würde, wären ihre Frage-/Antwort-Kurzsätze. Die lassen sich am besten twittern.