Seit langem war keiner besser als er: Comiczeichner Simone Bianchi steigert sich von Heft zu Heft und macht aus dem profanen Zweck ein Kunsthandwerk. Foto links: Don S., Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Panini-Verlages.

Comiczeichner Simone Bianchi hat sich auf ein beachtliches Niveau gesteigert. Foto linke Seite: Don S., Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Panini-Verlages.

„Frisches Blut aus Europa”, habe ich gedacht, als ich den Namen Simone Bianchi gelesen und seine Zeichnungen gesehen habe. Der Mann lebt in Italien, hat aber einen Vertrag mit Marvel Amerika unterzeichnet.

Lange habe ich darauf gewartet, dass sich endlich ein neuer, spannender Comic-Zeichner etabliert. Denn die Storys vieler Comics, gerade des Superhelden-Genre, sind oft nicht der Rede Wert – ein außergewöhnlicher Zeichner kann das rausreißen und Interesse wecken, das Heft durchzuschauen und reinzulesen. Den Vertrag mit Marvel-Comics hat er 2006 unterschrieben, ein Jahr später kam die Fünf-Heft Colloboration „Wolverine“ mit Starautor Jeph Loeb auf den Markt, dann folgte „Astonishing X-Men“ mit Warren Ellis.

Mimikry: Amerikanischer als die Amerikaner
Für amerikanische Superheldenverlage arbeiten jede Menge Zeichner aus aller Welt, aber nicht so viele Festland-Europäer. Bianchi kann sich also auf sein Engagement etwas einbilden, zumal er den Roland-Emmerich-Effekt für sich nutzt: Er ist amerikanischer als jeder Amerikaner. Sein Art-Style ist zwar gar nicht typisch amerikanisch aber der aggressive Ausdruck seiner Sprechblasengewalttäter haut einen glatt um. Denn das müssen Superheldencomics liefern: Durchchoreografierte Kämpfe. Die haben auch Frank Miller, den in den letzten zwei Jahrzehnten wohl erfolgreichsten amerikanischen Comicschöpfer mit seinem Daredevil groß gemacht. Selten hat ein Zeichner fast wie mit einer Hochgeschwindigkeitskamera Agression und Gewalt so in der Bewegung eingefangen wie Bianchi.

Schnee von gestern: Das Prinzip der Arbeitsteilung
Er gehört zum Typus Comiczeichner, der das arbeitsteilige Prinzip, das in der amerikanischen Comicindustrie immer noch vorherrschend ist, wie inzwischen einige andere Zeichner auch, durchbrochen hat. Normalerweise gibt es einen Bleistift- oder Vorzeichner, einen Tuschzeichner (inzwischen auch digital) und einen Coloristen, der für die Farbgebung sorgt. Bianchi ist alles in einem und steht damit in der Tradition von Szenegrößen wie z.B. Barry Windsor-Smith, dem Briten, der in Amerika Karriere gemacht hat. Sich die Ausarbeitung der eigenen Entwürfe aus Zeitgründen nicht aus der Hand nehmen zu lassen, ist im „land of the free” aber noch lange nicht selbstverständlich, in Europa ist es Tradition.

Konturierung: Zeichnerische Akzente durch gekonnte Linienführung
Bianchi arbeitet auf der einen Seite mit deutlichen Konturen, die den Körpern und vielen Details eine teils ornamentale Note geben und in ihrer Anmutung von Altmeister Bill Sienkiewicz beeinflußt sein könnten, der das Prinzip der abstrahierenden Konturenbetonung zur Blüte geführt hatte und seinerseits von Künstlern wie Gustav Klimt, Egon Schiele (oder Horst Janssen?) beeinflußt worden war. Bianchi vermeidet damit einen Fehler vieler grafisch wenig origineller Comics, die zwar manchmal auch „gemalt” sind bzw. verschwenderisch mit Farben umgehen, um der Grafik Tiefendimension und Realismus zu verleihen, aber Klarheit und Akzentuierung vermissen lassen.

Kreative Seitenaufteilung: Panelkunst wie zu Zeiten Neal Adams
Ein darüber hinaus gehendes Charakteristikum sind Bianchis sehr ausgefeilte aber nie zu verspielte Seitengestaltungen, die so lange nicht mehr zu sehen waren. Sam Kieth würde mir da vielleicht noch einfallen. Ich würde sogar bis in die 70er zurückgehen zur Neal Adams-Version der „Green Lantern”. Man vergisst zu oft, dass Comic-Zeichnen nicht nur die Kreation von Charakteren ist, sondern dass es auf Gestaltung und Konzeption der Doppelseiten ankommt. Hier zeigt Bianchi sein kreatives Potenzial.

Geschliffene Monströsitäten aus der Hand des Zeichners Simone Bianchi.

Geschliffene Monströsitäten aus der Hand des Zeichners Simone Bianchi. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Panini-Verlages.

Comiczeichner am Abgrund: Die Besten verbrennen am schnellsten
Wer im harten, kräftezehrenden Umfeld der Comics die Kraft aufbringt, solche Qualität wie Bianchi zu liefern, zeigt seinen Willen, die engen Fesseln der kommerziellen Comicproduktion zu sprengen. Jedenfalls: Bianchi setzt Akzente in einer Zeit, in der die Innovatoren der Generation um Frank Miller, Bill Sienkiewicz, Ted McKeever, Sam Kieth und andere nicht mehr viel Neues bringen.

Neue Impulse aus dem Land der schwächelnden Comic-Helden-Schöpfer?
Auch die Zeichner-Helden der Imagecomics, einer Art New Wave im amerikanischen Comicverlagswesen, sind kreativ längst abgestürzt – man betrachte nur mal das schreckliche Artwork von Jim Lee bei der Batman Miniserie mit Autor Frank Miller. Was ist mit Todd McFarlane? Hat er seine Millionen noch nicht ausgegeben? Wann fängt er wieder an zu zeichnen? Aber er ist wohl mehr mit den Vorbereitungen für einen zweiten Spawn-Film beschäftigt. Wer gibt Frank Miller einen Tritt, damit er dem Filmbusiness schnell wieder den Rücken kehrt, nachdem der Spirit-Film enttäuscht hat wie auch seine weitschweifigen, dramaturgisch schwachen letzten Comic-Werke. Howard Chaykin ist vom Film zurückgekehrt und zeichnet wieder. Eine Bereicherung immerhin, aber auch bei ihm wenig Neues. Simone Bianchi, ein Lichtblick im Dunkel des Superhelden-Durchschnitts. Die von ihm kreierten „Monster” zum Beispiel hätten durchaus dem Kopf Max Ernsts entstiegen sein können.

Eine weite Reise: Vom Comic zum Film – und zurück
Eine kleine Reise in die Vergangenheit: Die goldenen Zeiten der Superheldencomics liegen in den 1960er Jahren. In dieser Zeit wurden von relativ wenigen Illustratoren und Autoren bei Marvelcomics eine Herrschar an Charakteren entwickelt, wie Spiderman, Hulk, Fantastic Four, „Iron-Man, X-Men und viele andere. Dies sind Figuren, die noch heute in neuen Interpretationen und natürlich immer mehr in filmischen Adaptionen präsent sind.

Comics: Vom Kindermedium zur infantilen Erwachsenenlektüre
Ein Comic ist ein visuelles Medium. Man muß noch nicht sehr gut lesen können und kann die Handlung dennoch einigermaßen nachvollziehen und verstehen. Dies ist der Eingängigkeit der Zeichnungen geschuldet. Comics gegenüber gab es von Anfang an große Vorbehalte. Gerade Superheldencomics als äußerst platte Identifikationsplattformen meist für Jungen verkörperten das Dümmliche und Klischeehafte an diesem Medium in besonderer Weise. Dennoch gab es auch erste zaghafte Ansatzpunkte für ältere Leser, ihre intellektuelle Neugier zu befriedigen. Das war die Abgedrehtheit mancher Storys wie der des lebenden Planeten in der Comicserie „Der gewaltige Thor” geschuldet, die von Science-Fiction-Literatur á la Isaac Asimov beeinflußt war. Da gab es verschlungene Charaktere á la „Doctor Strange” oder „Swamp Thing”, da waren die kühnen grafischen Gestaltungen eines Neal Adams in den Heften der „Grünen Laterne” in den 70er Jahren und da war generell die schöpferische Kraft mancher Autoren und Zeichner, die fantastische Superhelden und Sujets gebaren.

Comiczeichnen als allumfassende Könnensprobe
Einen Comic zu zeichnen, ist ein vielschichtiger Designauftrag: Seiten sind aufzuteilen, Menschen zu zeichnen, Architektur abzubilden, Kostüme zu entwerfen. Es gab es immer wieder Zeichner, die über viele Hefte hinweg einen neuen eigenen Zeichenstil entwickelten. Grundsätzlich sind Superheldencomics gewalttätig, ihr dramaturgischer Höhepunkt ist meist ein brutaler Kampf. Deshalb sind Anforderungen an einen Zeichner hervorragende Anatomiekenntnisse, eine dynamisierende Zeichenstilistik aber auch Kenntnisse in Kameraführung, Perspektive, visueller Dramatisierung – komplexe Anforderungen, die nur die wenigsten leisten können.

Jack Kirby, Joe Sinnott, John Buscema: Die Gründerzeit der Superheldencomics
In den Anfangstagen der Superhelden-Comichefte von Marvel und DC waren viele aufregende Entdeckungen zu machen. Ob dies Jack Kirby mit seinen Hyperdynamisierungen, verformten Körpern und realistisch anmutenden Fantasie-Maschinen war oder der geniale Tuscher Joe Sinnott, der die Heftserien „Die fantastischen Vier”, „Thor” oder „Silver Surfer” grafisch verfeinerte. Ob Chic Stone seinen satten Pinselstrich einsetzte, der originelle Stilist Barry Windsor-Smith bei den „Avengers/Rächern” seine ersten zaghaften Gehversuche als Zeichner vorweisen konnte, um später mit „Canon, dem Barbar” einen stilbildenden Klassiker zu prägen und einer der bedeutendsten Illustratoren der Fantasy zu werden, oder ob John Buscema mit einfachen Mitteln und körperorientiert wie Burne Hogarth zu seiner Klarheit der Linie fand – all dies war in den 60er und 70er Jahren mizuerleben.

Comichandwerk wie am Fließband
Diese Zeichner waren zu ihrer Zeit durchaus revolutionär und formten unter enormem Zeitdruck ihren unverwechselbaren Stil, der Generationen beeinflußen sollte. Nur von der Druckqualität her waren amerikanische Superheldencomics über Jahrzehnte hinweg minderwertig. Sieht man sich an, wie der Panini-Verlag seit langem publiziert und mit welcher redaktionellen und produktionstechnischen Qualität er dies tut, müsste man meinen, wir lebten jetzt im goldenen Zeitalter der Superhelden-Comics – nur hinkt die schöpferische Qualität von Autoren und Zeichnern oftmals hinterher. Denn die Kreation ist traditionell in Wirklichkeit ein quasi-industrieller Fertigungsprozess, bei dem Termine und Abgabeschlüsse im Vordergrund stehen, nicht der große künstlerische Entwurf.

Zeichnerverschleiß: Burn Out im Comic-Wunderland
Harmonieren die beiden grundlegenden Glieder in der grafischen Produktionskette – Vorzeichner und Tuscher – nicht miteinander oder ist der Tuscher einfach nicht gut genug, bleibt von der guten Vorzeichnung nur wenig mehr als Durchschnitt übrig. So gesehen beim innovativen Stilist Humberto Ramos, der sein Meisterstück mit einem längeren Spiderman-Zyklus abgeliefert hatte. Im September-Heft X-Men Nr. 105 ist eine der 4 Geschichten von ihm gezeichnet aber nicht schwungvoll genug von Carlos Cuevas getuscht. Ramos scheint seinen Zenit schon wieder überschritten zu haben, seine Zeichnungen wirken nicht mehr so ausgearbeitet und spritzig wie in vergangenen Tagen. Das passiert vielen. Es hat wenig mit mangelndem Talent zu tun und mehr damit, die eigenen Kräfte einzuschätzen und sich nicht dem Produktionsdruck zu unterwerfen. Dass sich in diesen einschränkenden Rahmenbedingungen überhaupt so etwas wie ein Stil oder eine Kunsthandwerks-Form entwickeln konnte, spricht im Ausnahmefall für das Talent des jeweiligen Zeichners. Das Gros der Superhelden-Comics aus Amerika aber auch der Mangas aus Japan ist zeichnerisch Durchschnittsware. Wer dennoch Besonderes schaffen will, muß ein übergroßes Talent sein – das ist selten, kommt aber vor. Wer schließlich einen besonderen Status als Zeichner erreicht hat, muß aufpassen, dass er nicht vorzeitig ausbrennt, weil viele amerikanische Zeichner auch aufgrund der Arbeitsteilung im Gegensatz zu europäischen Verhältnissen einen schier unglaublichen Output haben. Bedenkt man, dass ein Zeichner im Monat hunderte von Bildern abliefern muß, nimmt es nicht Wunder, dass die Qualität im Laufe der Zeit nachlässt. Die Motivation des Zeichners, Ambitioniertes zu schaffen, wird vom Produktions-Prozess torpediert. Simone Bianchi bleibt zu wünschen, dass er ein waches Auge dafür hat, mit seinen Möglichkeiten maßvoll zu haushalten.