Travis Charest ist bekannt als meisterhafter Comickünstler. Was zeichnet ihn aus? Es war hier eine Würdigung seines zeichnerischen Werkes zu lesen, und man konnte im Artikel in vier Videos, von denen das letzte das Beeindruckendste ist, sehen, wie der kanadische Comiczeichner, der es in Amerika zu einiger Anerkennung gebracht hat, zu Werke geht.

Nachfolgend ist ein Bild aus dem im letzten Jahr erschienen Band „Die Waffen des Meta-Barons“ zu sehen. Die Vergrößerungen beweisen die Detailbesessenheit von Travis Charest, der nach seinem Europa-Abstecher wieder in Amerika gelandet ist und dort inzwischen für den Marvel-Verlag zeichnet.

Das nachfolgende Bild zeigt eine Kampfszene, die beweist, dass eine detaillierte zeichnerische Ausführung nicht in Erstarrung münden muß, sondern insgesamt Teil eines dynamischen Ganzen sein kann.

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Mit freundlicher Genehmigung des Splitter Verlag, Bielefeld, Copyright: Travis Charest.

Charest führt diese beiden Stränge „Dynamik“ und „Detailierung“ gekonnt zusammen. Je näher man an das Motiv herankommt, desto mehr Einzelheiten offenbaren sich.

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Mit freundlicher Genehmigung des Splitter Verlag, Bielefeld, Copyright: Travis Charest.

Spätestens hier sieht man, dass die Originalzeichnungen ganz erheblich größer sein müssen als die gedruckten Versionen, und es wird klar, warum die 30 Seiten, die er abgeliefert hat, in einem langen Zeitraum von sieben Jahren entstanden sind. Manches – wie zum Beispiel die fliegenden Partikel der geborstenen Waffe oder die Verzierungen – macht man sich erst in der Vergrößerung bewußt.

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Mit freundlicher Genehmigung des Splitter Verlag, Bielefeld, Copyright: Travis Charest.

Schattenwurf und Spitzlichter selbst beim kleinsten Element
Es wird erst in der Vergrößerung klar, wie räumlich Travis Charest selbst bei den Kleinigkeiten arbeitet. Sein Ideal scheint ein auf den ersten Blick zurückhaltender Realismus zu sein, der sich vermutlich nur in einem großformatigen Portfolio im Kunstdruck erschließen würde, der aber in jeder Facette, was Schattenwurf und Perspektive anbelangt, stimmig ist.

Die Zähmung des Detailreichtums
Es gibt Comic-Künstler – wie Windsor McCay, der in seinem zum Klassiker avancierten Comic „Little Nemo in Slumberland“ die irrwitzigsten Perspektiven erfand, oder Burne Hogarth, der mit seinem „Tarzan“-Sonntags-Zeitungsstrip eine ungeschlagene Meisterschaft in der perspektivischen Darstellung und vor allem perspektivischen Verkürzung von menschlichen Körpern erlangte – die spektakulärer als Charest zeichnen. Jedoch eine derartig visuell geordnete Dynamik mit einem solchen Reichtum an Einzelheiten zu koppeln, ist schwierig und relativ selten. Charest schafft das in seinen besten Momenten mustergültig.

Zwei Welten: Travis Charest und Geoff Darrow
Charest erinnert mit dieser Eigenschaft am ehesten an Barry Windsor-Smith, konnte aber in „Die Waffen des Meta-Barons“ das Niveau wie im Artikel „Comic-Kunst: Travis Charest und das Dilemma der Hochbegabung“ beschrieben, im übrigen nicht durchhalten. An bemerkenswerten Kollegen wie Geoffrey Darrow, der den Detailreichtum noch weiter extremisiert, sieht man, was auch passieren kann: Darrow hat des öfteren Probleme mit seiner visuellen Ökonomie. Bei ihm sind die Panels Wimmelbilder, die nur so vor Details strotzen, sodass das Auge keine Hierarchsierung vornehmen kann und relativ schnell angestrengt ist. Charest ist vordergründig für jeden sichtbar ein außergewöhnlicher Zeichner, jedoch unter der Oberfläche sozusagen als visueller Stratege – wenn er sich mit Lust und Leidenschaft an ein Projekt begibt – noch viel besser.

Zwischen Leidenschaft und fehlender Inspiration
Der Comic-Band „Die Waffen des Meta-Barons“ zeigt beide Seiten von Travis Charest: Auf der einen Seite einen Meister der Illustration und dynamischen Darstellung, auf der anderen Seite einen uninspirierten Alleskönner, der in Zeichentechnik erstarrt. Den Band, der im Splitter-Verlag erschienen ist, werde ich aber unabhängig davon noch sehr oft aus dem Regal nehmen, die Bilder betrachten – und in tiefer Demut lernen.