Zu Guttenberg mußte als Verteidigungsminister zurücktreten, weil er plagiiert hatte

Früher waren alle Bundes-Politiker seriös. Man sah nach langen Zeiten der Diktatur in Deutschland zu ihnen als Volks-Vertretern auf, die eine demokratische Kultur etablierten. Dann kam die Zeit des Ehrgeizes und der Selbst-Darstellung und plötzlich ging es der Politik nicht mehr darum, seriös zu sein, sondern seriös zu wirken.

Irgendwann wurde es zum Standard, dass man als Durchschnitts-Politiker Rechtsanwalt, verbeamtet und/oder Inhaber der Doktorwürde sein mußte. Die Bundesrepublik wird von nur noch sogenannten Volksvertretern regiert, tatsächlich sind es eher Schauspieler, die von ihrer politischen Bezugsgruppe vermittelt bekommen haben, wie ein Politiker sein muß. Das wird wie ein Theaterstück einstudiert.

Joschka Fischer: Karriere durch Politik

Politiker zu sein ist immer weniger eine Berufung und immer mehr ein Sprungbrett in die Wirtschaft. In der Politik will niemand mehr alt werden:

  • Roland Koch als Konzernlenker in der Baubranche,
  • Gerhard Schröder als Aufsichtsrat in der Energiebranche,
  • Joschka Fischer als Vortragender in der Bildungsbranche und
  • Helmut Kohl als Unternehmensberater in der Filmrechtebranche.

Sie alle haben ihr Heil im vielen Geld jenseits der Politik gesucht und nachhaltig dankbar gefunden.

Skandal-Vermeidung: Sylvana Koch-Mehrin tritt zurück

Wirklich deutliche Signale haben aber verschiedene andere Politiker und Politikerinnen gesendet:

All diese Beispiele sind nur die Spitze des Eisberges. Hört man die Politiker im deutschen Bundestag debattieren und vergegenwärtigt man sich die Tiefsinnigkeit ihrer Gedankenwelt, mag Zweifel an der akademischen Beflissenheit vieler Doktoren aufkommen.

Politisch legitim? Die Kunst des Plagiats

Und wie wird abgeschrieben? Oft wohl noch nicht einmal in Eigenarbeit. Das wäre zu mühseelig. Von Ghost-Writern, die Doktorarbeiten gegen Honorar verfertigen, ist mancherorts die Rede. Dies wurde in den vorgenannten Fällen nicht nachgwiesen, dennoch fragt man sich, wie es dazu kommt, dass eine Arbeit im Grunde gar kein wissenschaftliches Projekt ist, sondern einfach nach dem Collage-Prinzip zusammengeklaubt wird.

Im Haifischbecken der Machtfülle: Politiker sichern ihre Pfründe

Politik ist neben dem Groß-Wirtschaftssektor ein Sammelbecken von Macht, und sie wird von ihren Protagonisten immer mehr als solches verstanden. Wähler-Orientierung findet statt, damit man gewählt wird, nicht um im Sinne der Wähler zu handeln. Ideale? Ethik? Ein Verkehrsminister ohne Führerschein wegen überhöhter Geschwindigkeit, wie bei Oliver Wittke der Fall? Ein Verteidigungsminister zu Guttenberg, der seine akademische Arbeit aus den Ideen anderer zusammenschreibt und dies sogar noch offensiv in den Medien rechtfertigt? Eine Europa-Abgeordnete, die erst zum Teil durch Abwesenheit in die kritische Medienberichterstattung gerät und dann schnell zurücktritt, nachdem bekannt wird, dass auch sie abgeschrieben hat? Die übliche Sitzungs-Abstinenz vieler anderer Bundestags- und Europa-Abgeordneter, die sich aber gut bezahlen lassen? Dies alles kündet nicht vom Dienst an der Demokratie, vielmehr von egoistischer Karriere-Orientierung.

„GuttenPlag“ als Vorreiter von „Bürger beobachten Dich, Politiker!“

Die Website „GuttenPlag“, ein Textstellen vergleichendes Wiki, an dem jeder mitarbeiten kann, hat etwas losgetreten: Bürger beobachten die Politiker wieder genauer und nutzen als Verbreitungs-Plattform der gewonnenen Erkenntnisse natürlich das Internet. „GuttenPlag“ ist übrigens jetzt von Grimme-Online für den Kreis der 25 vorausgewählten Webseiten nominiert worden. Wie viele weitere Politiker werden fallen? Wievielen fällt die Maske der Rechtschaffenheit mit einem Klappern aus dem Gesicht? Vielleicht stehen wir am Beginn eines akademischen Tsunamis, der noch manch anderen Politiker heimsuchen wird.