Herz und Hirn

Zum Menschsein scheint neben dem Gefühlsleben, Bewusstheit und Rationalität im Umgang mit der Wirklichkeit eine systematische Weltfremdheit zu gehören, obwohl der Mensch sich selbst mantramässig bescheinigt, ein selbst gesteuertes, vernunftbegabtes Wesen zu sein. Die Wissenschaft ermittelt allerdings zunehmend Faktoren des Menschseins, die auf seine genetisch bedingte Fremdbestimmung hinweisen. Im Privaten ein tückischer Mechanismus, im Gesellschaftlichen eine Katastrophe.

„Vernunft“ setzt Wachheit und Bewußtsein voraus. Doch weil das Leben unter „normalen“ Umständen für die meisten nicht ohne Weiteres erträglich ist, unternimmt der Mensch Vieles, um sich in einen partiellen oder fortwährenden Zustand des Unbewußtseins zu versetzen.

Die Relativierung der Wirklichkeit

Legale und illegale Drogen vor allem aber Mechanismen der Psyche, die Wirklichkeit auszublenden, gehören dazu. „Selbsttäuschung“ nennt man das. „Eskaspismus“ über das sich Hineinversetzen in Traumwelten – erzeugt in Fernsehen, Kino, Groschen- und Bestsellerromanen, Comics vor allem aber in Computerspielen und dem Web – nimmt große Teile der Freizeit ein, während das Berufsleben im Kontrat dazu immer funktionalistischer und rigide regulierter ausgerichtet ist. Eine wechselseitiger Antagonismus, der sich zu bedingen scheint: werden die Lebensumstände stressiger und unhaltbarer, beginnt die große Flucht nach innen.

Die virtuelle Realität und das Wunschdenken

Dass die Grenzen zwischen Realität und Virtualität immer fließender sind, bemerkt man aber im großen Stil vor allem an den Lebensäußerungen der Unternehmen: Die Weltwirtschaftskrise wurde herbei geführt, weil amerikanische Banken Menschen Kredite für den Häuserbau gewährt haben, die gar nicht in der Lage gewesen wären, diese zurückzuzahlen. Verniedlichend hat man das als eine „Immobilienblase“ bezeichnet, die geplatzt sei. Tatsächlich ist vielmehr eine Traumwelt, in die sich Investoren und Mitarbeiter von Kreditinstituten eingeträumt hatten, auf den Boden der Tatsachen gekracht. Aus den virtuellen zig Milliarden, die als verbuchbare Gewinne für die nahe Zukunft in den Büchern gestanden hatten, war eine ganz reale Null geworden, weil der Großteil jener Kredite, die man als finanzielles Versprechen an die Zukunft deuten könnte, auf Wunschdenken basierten. „Wunschdenken“ hat nichts mit Vernunft zu tun, sondern mit Selbsttäuschung.

Blinde Flecken und diffuse Wirklichkeit

Man spricht bei der Beschreibung des Menschseins auch vom sogenannten „Blinden Fleck“. Dem Denkmodell nach, kann sich ein Mensch nicht vollständig sehen und begreifen. Er benötigt für einen Prozess der Selbsterkenntnis, der aber nie vollständig sein wird, einen Menschen oder mehrere Menschen, in denen er sich spiegeln kann. Das heißt, dass funktionierende soziale Beziehungen in einer Gesellschaft Bestandteil der Charakterentwicklung sind und zudem Teil eines nicht enden wollendes Prozesses, der Sebstbild und Realität immer wieder miteinander abgleicht und im Idealfall zur Deckung bringt. Viele menschliche – vor allem kulturelle – Lebensäußerungen, künstlerische Bestrebungen, auch vieles Destruktive, fußen auf diesem Spannungsfeld, zu leben und andere Menschen in ihrem Sein zu erkennen, für sich selbst aber in wesentlichen Punkten blind zu sein. Das klingt wie ein grundlegendes Dilemma, das es erschwert, die Realität zu sehen.

Weltwirtschaft, Bankenrettung und Wahrnehmungsverzerrungen

Wenn man bedenkt, dass große Teile der Weltwirtschaftskrise verdrängt wurden, dass das Bankensystem nicht entscheidend reformiert worden ist – weil man dafür der harten Realität, dass nämlich das kapitalistische Wirtchaftssystem an seine Grenzen gestoßen ist und der Bankensektor als dessen Teil sehr grundlegend marode ist, ins Auge hätte sehen müssen – dann kann man ahnen, wie folgenreich die Haltung des Verleugnens sein kann.

Methoden der Blindheit und die Konstruktion der Wirklichkeit

Andererseits sind viele Fortschritte der Menschheit erreicht worden, weil Menschen ihre Sichtweisen und Visionen wahr werden lassen wollen. Unternehmer wie Steve Jobs, der ehemalige CEO von Apple, haben ihre Vorstellungen davon, wie die Welt in einem Teilbereich sein kann, Realität werden lassen und sich nicht durch das Vorgegebene und Vorhandene einschränken lassen. Es handelt sich also um ein Wechselspiel zwischen Wunsch und Vorstellung auf der einen Seite und den Erfordernissen der Wirklichkeit auf der anderen. Ein gesellschaftliches Wechselspiel, dessen Nukleus der einzelne Mensch ist, der zwischen Selbstsicht und Fremdsicht hin und her wechselt. Ein Spiel zwischen Gemeinwohl und Egoismus – mit weitreichenden gesellschaftlichen und auch globalen Folgen.