Zweifell

Dr. Zigian bekam eines Tages Besuch von einem Mann, der sich als besessen wähnte. Der Mann war seit Jahrzehnten verheiratet, hatte drei erwachsene Kinder und war Ende 50. Er war eine imposante Erscheinung, fast zwei Meter groß, mit Idealgewicht. Der Mann war gut aussehend auf eine etwas versteckte Weise. Denn er trug sein Haar unvorteilhaft und hatte ein dunkles Oberlippenbärtchen, das an einer Seite von grauen Haaren durchsetzt war und deshalb unsymmetrisch störend wirkte. Man war, redete man mit ihm, versucht, nach dem Bärtchen zu greifen und es gerade zu rücken. Das wesentliche war aber, dass der Mann Kleidung trug, die nicht zu ihm und seiner Figur passte. Dr. Zigian hatte dies mit einem Blick registriert und fragte sich, wie es um die Selbstwahrnehmung des Mannes bestellt war.

Der Mann hatte seinen Blick über die Einrichtung von Dr. Zigians Besprechungszimmer wandern lassen. Er hatte schließlich einmal tief eingeatmet, dann wieder ausgeatmet und am Ende des langen hörbar seufzenden Ausatmens gesagt: „Sehr geschmackvoll…“ Dr. Zigian hatte den Mann gefragt, ob er etwas trinken wolle, der hatte geantwortet „Gerne ein Wasser.“ Dr. Zigian hatte immer Wasser, Tee oder Kaffee für seine Besucher da, doch diesmal sagte er: „Leider kann ich nur mit alkoholischen Getränken dienen.“ Der Mann sah auf die Uhr. „Ich muß aber noch fahren.“ Dr. Zigian hatte die Schranktür geöffnet, hinter der drei unangebrochene Flaschen zum Vorschein kamen. „Ich fahre Sie. Wein, Eierlikör, Whisky oder Sekt?“ – „Wein.“ Dr. Zigian schüttete seinem Besuch einen Schluck in ein bauchiges Glas und reichte es ihm fast feierlich. Der atmete eine zeitlang den Wein, umspülte schließlich damit seinen Gaumen und ließ die Weinprobe in der Mundhöhle kreisen. Er nickte anerkennend. Dr. Zigian füllte das Glas zur Hälfte und sah im Licht die dunkle Farbe des schweren Weines.

„Ja“, sagte Dr. Zigian, „wir haben hier damals viel Zeit hineingesteckt. Die Wandvertäfelungen waren zwar vorhanden aber es musste einiges erneuert werden. Der Schreiner hatte bei uns eine zeitlang sein zweites Zuhause.“ Beide lächelten. „Ebenso der Boden. Das Parkett war von hervorragender Qualität. Aber die Vorbesitzer haben einen Hund gehabt, der sich offenbar, als die Leute älter waren, und sich um ihren Hund nicht mehr so kümmern konnten, nach Regenspaziergängen immer auf eine bestimmte Stelle gelegt hatte. Dadurch war das Parkett dort stark in Mitleidenschaft gezogen. Es gab einiges, was in einem solchen bemitleidenswerten Zustand gewesen war und angepasst werden musste. Das Problem war, die Ausbesserungen und Erneuerungen farblich dem alten, das ein Jahrhundert auf dem Buckel hatte, anzupassen. Kennen Sie so etwas?“

„In dieser Form nicht“, antwortete C., der Besucher. „Unser Haus war damals neu errichtet worden. Natürlich war auch dies eine Aufgabe, die mich zum Teil an den Rand des Leistbaren brachte. Meine Frau hat das Haus wunderbar eingerichtet und auch farblich gestaltet. Das ist jetzt 22 Jahre her…“ – „Mit einem Wort“, sagte Dr. Zigian, „sie hat für Sie und die Kinder ein Zuhause geschaffen, in dem man sich wohlfühlen kann.“ C. nickte sehr eindeutig. Dr. Zigian sah, was oft nach zu eindeutigen Aussagen oder Beipflichtungen geschehen konnte, dass in dem Mann direkt nach seinem Nicken ein Relativierungsmechanismus in Gang kam. Es war ein Zuhause für ihn aber nicht nur.

„Fühlen Sie sich wohl zuhause?“ fragte Dr. Zigian. „Ja“, antwortete C. sehr knapp. „Ist es ein Zuhause für Sie, ohne Einschränkung?“ Der Mann ahnte nicht, dass seine Physiognomie und welche Falten sein Gesichtsausdruck unbewusst betonte oder wie er versuchte, einen anderen Gesichtsausdruck, z.B. den der Besorgnis, zu unterbinden, Dr. Zigian bereits die Antwort auf seine Fragen gab. Dr. Zigian hatte einmal von einem Gespräch geträumt, in dem er Fragen an einen stummen Mann gestellt hatte und der nur mit Gesichtsausdrücken geantwortet hatte und dass es ein wunderbar eindeutiges Gespräch war. Es kam bei Dialogen immer darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Dr. Zigian war als Meister der sich selbst beantwortenden Dialogfragen bekannt.

„Ein Zuhause“, C. hatte etwas über Dr. Zigians Frage nachgedacht, „teilt sich ja immer auf in den Lebensraum und die Gefühle, die man dort hat…“ – „…und die einem entgegengebracht werden“, ergänzte Dr. Zigian. „Bringt Ihnen Ihre Frau tiefe Gefühle entgegen?“ C. nickte. „Ja, schon. Mir geht es gut zuhause.“ Dr. Zigian merkte, dass C. sich sehr verschlossen hatte, er verbarg etwas. „Beschreiben Sie mir mal Ihre Frau. Wie ist sie so?“ C. dachte kurz nach. „Sie ist ebenfalls recht groß, 1,84m, schlank, sie hat blonde Haare und eine sehr helle Stimme. Sie ist vor zwei Monaten 49 geworden. Sie liest viel. Von Beruf ist sie Bibliothekarin.“ – „Was liest sie?“ – „Viel anspruchsvollere Literatur. Auch Sachbücher. Biografien der Autoren, die sie verehrt zum Beispiel.“ – „Ist sie ein gefühlvoller Mensch?“ – „Ja. Sie ist ein sehr gefühlvoller Mensch. Sie weint schnell und lacht viel. Sie ist auch die klügste Frau, die ich kenne. Sie hat aus den Kindern etwas gemacht.“ – „Was hat sie aus den Kindern gemacht?“ – „Bedingt durch meine Rechtsanwaltstätigkeit war ich immer sehr eingespannt. Ich habe mich um die Erziehung nie kümmern können. Ich war der Morgens-und-Abends-Vater. Sie hat den Kindern ihre Klugheit mit auf den Weg gegeben und eine Sicht der Welt, die ihnen hilft, erfolgreich zu sein, jeder auf seine Weise. Niemand wurde gezwungen Lehrer oder Rechtsanwalt zu werden“ C. lachte, Dr. Zigian lächelte.

„Sie haben zwei Mädchen, die älteren, und der Jüngste ist ein Junge?“ C. nickte. „Wie sieht Ihre Frau aus? Ich meine ihr Gesicht?“ C. dachte nach. „Sie hat schöne Augen, sie sind braun. Ihre Nase ist etwas zu lang, sie hat immer noch wunderschöne Lippen. Sie sind auch ohne Lippenstift sehr rot.“ Beide lächelten. „Sie lieben Ihre Frau.“ Es war eine Feststellung. „Ja“, sagte C. nickend. Er hätte nicht nicken brauchen. Es war, als wollte er sich selbst versichern, dass er sie auch ganz bestimmt liebte. „Aber?“ Fragte Dr. Zigian.

Wegen diesem „Aber“ bin ich hier, sagte der Mann leise. Er kratzte sich an der Stirn, indem er die Hand fast maschinell waagerecht von links nach rechts bewegte. Normal wäre schräg oder von oben nach unten gewesen. Dr. Zigian bemerkte, dass der Mann selbst in solchen kleinen Bewegungen viel Kraft aufwendete, um sich zu kontrollieren. „Eine andere Frau?“ C. nickte und schloß dabei fast die Augen. „Haben Sie ein Verhältnis?“ fragte Dr. Zigian und wusste doch schon, dass es das nicht war. „Nein“, sagte C. „Überlegen Sie, eines zu haben?“ – „Das schon eher.“ C. nickte diesmal weniger kontrolliert. „Wer ist diese Frau?“ C. lief rot an. Er schloß die Augen. „Eine junge Frau?“ C. nickte. „Eine sehr junge Frau?“ C. nickte. „Eine zu junge Frau?“ C. öffnete die Augen. „Keine Minderjährige, falls sie das meinen.“ Dr. Zigian war aufgestanden und hatte C. gegen dessen wenig beherzten Widerstand Wein nachgeschenkt. „Wer ist diese Frau?“

C. begann zu schwitzen. Der Wein, die Fragen… „Manchmal frage ich mich eher, was sie ist. Ich bin besessen von ihr. Ich kriege sie einfach nicht aus dem Kopf. Ich träume von ihr. Ich denke immerzu an sie.“ – „Und sie sind ständig erregt, wenn Sie an sie denken. Sie können nicht mehr klar denken, können nicht mehr so konzentriert arbeiten, sind nicht bei der Sache, egal worum es geht.“ C. hatte mehrfach genickt. „Sie ist ein Virus, der sie befallen hat.“ C. sah überrascht aus. „Denken Sie ich bin regelrecht krank? Liebeskrank?“ Dr. Zigian musste unweigerlich lächeln. „Wer ist sie?“

„Sie ist eine Freundin meiner Tochter. Ein stilles Mädchen, so wie ich sie kannte.“ – „Und dann hat sich etwas verändert?“ – „Ja. Bis dahin ist sie mir nicht besonders aufgefallen. Es ist auch keine Freundin aus Kindheitstagen, die man schon ewig gesehen hätte. Meine Tochter hat sie beim Studium kennen gelernt und einige Male mit nach Hause gebracht. Sie ist zierlich und war sehr still mir gegenüber. Ich habe sie wohl nie ein Wort sagen hören außer „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Durch die Zimmertür meiner Tochter habe ich aber manchmal Lachen und laute Wortgefechte gehört. Sie hatte also immer schon eine andere Seite gehabt, war mir gegenüber aber zurückhaltend gewesen. Es begann, als es einmal sehr spät geworden war und meine Tochter gefragt hatte, ob ich ihre Freundin nach Hause fahren könnte. Meine Tochter ist mitgefahren. Sie saßen beide auf der Rückbank. Da habe ich sie etwas anders erlebt als bis dahin. Beide waren sehr ausgelassen und M., ihre Freundin, hat viel geredet. Das war neu für mich. Sie hat dann nicht nur „Gute Nacht“ gesagt, sondern etwas mit mir geredet. Sie war gar nicht defensiv, ich hatte den Eindruck, sie wollte mich aus der Reserve locken.“

Dr. Zigian sah C. an. C. hatte sich jetzt geöffnet. „Was heißt das? Was hat sie gefragt oder gesagt?“ – „Die beiden haben über Sport geredet, dann über gut aussehende Sportler. Sie haben Witze über Sportler gemacht. So nach dem Motto ‚Dem und dem möchte ich nicht im Dunkeln begegnen, dem aber schon.’ Sie wissen schon. Sie haben die ganze Fahrt gelacht. Dann hat mich M. im Lachen von hinten gefragt, ob ich in meiner Jugend Sport gemacht hätte. Sie hat mich gefragt, welcher das gewesen sei. ‚Basketball’, habe ich geantwortet. Dann hat sie gefragt, ob ich immer noch Sport machen würde. Ich habe verneint und sie hat gesagt, ich würde aber so aussehen. Es war nicht das, was sie gesagt hat, sondern wie sie es gesagt hat. Beide waren sehr aufgekratzt und wären sicher frivol oder zotiger bei ihren Witzen gewesen, wenn ich nicht dabei gewesen wäre.“ – „Und zum Abschied hat sie Sie sicher angelächelt?“ fragte Dr. Zigian mit geneigtem Kopf über den oberen Rand seiner Brille hinweg. „Ja, sie hat mich direkt angesehen und mir die Hand gegeben und noch etwas gesagt. „Was war das?“ C. dachte nach. „ ‚Bis zum nächsten Mal’ hat sie gesagt. Warum sagt man so etwas? Und sie hat meine Hand länger gehalten als sonst. Sonst war es nur ganz kurz. Verstehen Sie? Ihr langer Blick, dass sie meine Hand etwas länger zum Abschied gehalten hat und dann dieses ‚Bis zum nächsten mal!’ Warum sagt man zum Vater seiner Freundin so etwas?“

Dr. Zigian hatte sich erhoben und sah ohne seinem Gast den Rücken zuzukehren zum Fenster hinaus. Er öffnete das Fenster. „Kommen Sie doch bitte mal her!“ C. stellte das Weinglas auf das Tischchen neben seinem Sessel, erhob sich und gesellte sich zu Dr. Zigian ans Fenster. Es ging auf den Bürgersteig hinaus, viele Leute gingen vorbei. Auf der anderen Straßenseite war der Park zu sehen. „Passen Sie mal auf“, sagte Dr. Zigian. Es war später Nachmittag und herrliches Wetter. Die Menschen wikten offen und zufrieden. Eine Frau mit einem verzierten Hut ging vorbei. „Guten Tag“, grüsste Dr. Zigian die Frau freundlich lächelnd durch das offene Fenster. Das hatte etwas Überraschendes. Die Frau hob den Blick nur kurz und etwas misstrauisch, grüßte ebenso kurz und ohne Überschwang zurück, und ging schnell weiter. Dr. Zigian grüßte nun jede Frau, die vorüber ging auf eine freundliche oder sogar fröhliche Weise. Die nächste Frau lachte laut, grüßte freundlich zurück, ging weiter, drehte sich um, winkte, ging wieder weiter und lächelte aus der Ferne indem sie sich umdrehte noch einmal. Die Frau danach hob nicht einmal den Kopf und erwiderte nicht den Gruß. Dr. Zigian ließ sich Zeit, C. musste geduldig sein und zugucken. Dr. Zigian beendete seine Nachmittagsgrüße erst, als er von einer Frau in einem bunten Kleid, die einen Strauß Rosen in der einen Hand und eine Einkaufstüte in der anderen hielt, eine Rose geschenkt bekam. Sie hatte auf seinen Gruß hin nur leise lächelnd „Danke“ gesagt, war stehen geblieben und hatte ihm die Rose zugesteckt. Dr. Zigian hätte ihr Großvater sein können. Wortlos hatte Dr. Zigian C. die Rose in die Hand gedrückt, das Fenster geschlossen, die Gardinen in ihre Position gebracht und war zusammen mit C. zu ihren Sitzgelegenheiten zurückgekehrt.

C. saß still auf seinem Sessel und drehte die Rose in seiner Hand. „Und?“ fragte Dr. Zigian, „welche von diesen überaus hübschen Frauen war nun in mich verliebt?“ Beide mussten ein Lachen lachen, das die Stimmung auflockerte. „Wir haben uns geküsst“, sagte C. selbstbewusster als vorher, auch auf eine bestimmte Art euphorischer. „Wie ist es dazu gekommen?“ fragte Dr. Zigian. C. lehnte sich zurück und hatte das Weinglas wieder in der Hand. „Das, was ich Ihnen erzählt habe, war ja nur der Anfang. Ab da redete Sie mit mir. Und wenn wir mal kurze Momente alleine waren, z.B. wenn die beiden Mädchen losgehen wollten, ich unten im Wohnzimmer saß und meine Tochter oben in ihrem Zimmer etwas vergessen hatte, was sie mitnehmen wollte, und dann eben hochlief, dann hat mich M. direkt angesprochen. Nichts Besonderes. Sie hat gefragt, was ich lese oder ein andermal gesagt, es wäre ein schöner Tag. Oder ob ich Pläne hätte für den Tag. Nur hat sie das früher nicht gemacht. Früher hätte sie mich nicht angesprochen.“ – „Sie vermuten dahinter eine bestimmte Sympathie für sie?“ – „Ja, ganz eindeutig. Wenn Ihnen dabei jemand in die Augen guckt und lächelt…“ – „…und wenn es dann noch eine Frau ist…“ Beide lachten. „Welche Art von Sympathie?“ fragte Dr. Zigian. „Sie mag mich wohl. Warum weiß ich nicht. Vielleicht mag sie ältere Männer, vielleicht…“ Er zuckte mit den Schultern. „…vielleicht auch Begehren?“ ergänzte Dr. Zigian. „Vielleicht auch das. Sie erinnert mich ein bisschen an meine Frau, als die jung war. Auch von ihrem Köper her.“ – „Auch von ihrem Körper her oder nur von ihrem Körper her?“ fragte Dr. Zigian. „Irgendwas dazwischen. Sie hat eine ähnliche Stimme und sie ist auch sehr klug. Meine Frau hat sehr stille Phasen, in denen sie sich in sich selbst zurückzieht und etwas mit sich ausmacht. Ich glaube M. schwankt auch so zwischen Lebenslust und Innerlichkeit.“ – „Gut“, sagte Dr. Zigian. „wie ging es denn dann weiter?“

C. trank einen Schluck Wein. Dr. Zigian merkte, dass C. nun etwas angeheitert war, sich aber keine Blöße geben wollte. „Es war so, dass wir immer mehr ins Gespräch kamen.“ – „Wann ist das gewesen und wie lange hat sich das hingezogen?“ – „Das war den Herbst und Winter über. Sie war oft bei meiner Tochter. Wir haben auch mal zu Viert mit meiner Tochter und Frau Karten gespielt.“ – „Und dann?“ – „Ich hatte den Eindruck, dass wir vertrauter miteinander werden. Wir hatten auch mal Gespräche zu Themen, im Familienkreis, niemand hat sich etwas dabei gedacht. Sie schien sich aber auf irgendeine Weise an mir zu orientieren. Sie hat meist mir Fragen gestellt, nicht meiner Frau, nicht meiner Tochter, wenn wir so zusammen waren. Und dann hat sie meiner Meinung nach ihren Kleidungsstil geändert.“ – „Fanden Sie das aufreizend?“ – „Ja. Sie hat mal eine Bluse getragen ohne Büstenhalter.“ – „Aber nicht im Herbst oder Winter.“ – „Nein, das nicht. Es waren diese heißen Frühlingstage, als alle geächzt haben. Wissen Sie?“ Dr. Zigian erinnerte sich an die nicht lange zurückliegende Woche, als ihm die Gespräche schwergefallen waren, weil es tropische Temperaturen im Frühling gegeben hatte. „Viele Frauen tragen keine BH, erst recht, wenn es extrem heiß ist.“ C. nickte nervös. „Ja, aber es ist auch noch etwas anderes. Sie hat ja einen Freund.“ – „Kennen Sie den?“ – „Nein. Eben nicht. Sie hat ihn nie in unser Haus mitgebracht.“ – „Und was vermuten Sie dahinter?“ – „Kennen Sie das nicht, wenn man sich für einen Mann interessiert, redet man in seiner Gegenwart nicht über andere Männer oder bringt seinen Mann oder Freund nicht mit?“

Dr. Zigian nickte. „Das kann so sein. Es muss aber nicht so sein. Sie denken also, etwas hat sie zu Ihnen hingezogen?“ – „Ja. Schon. Es wäre sonst eine Anhäufung zahlreicher Zufälle.“ – „Gab es denn ganz eindeutige Hinweise?“ – „Ja. Meiner Meinung nach hat sich etwas verändert durch unsere Sylvesterparty.“ – „Die haben Sie als Eltern ausgerichtet?“ – „Es war die Party von meiner Frau und mir. Meine Tochter war mit ihren Freunden und M. unterwegs, sie haben woanders gefeiert. Sie hatte aber gesagt, dass sie nach dem Jahreswechsel vielleicht auch vorbeikämen. So war es dann auch. Sie, das heißt meine Tochter, ihr Freund, und drei Freundinnen, eine davon M., kamen vorbei. Sie waren angeheitet und ausgelassen. Wir haben ein Spiel gemacht, bei dem es darum ging, nach dem Tanzen in der Dunkelheit, die nächst stehende Person zu küssen. Da hat sie mich geküsst.“ – „Hat sie sie ‚richtig’ geküsst?“ – „Auf die Lippen.“ – „Kurz oder lang?“ – „Ganz kurz.“ – „Haben Sie danach geredet?“ – „Nein.“ – „Wie konnten Sie sehen, dass sie es war in der Dunkelheit?“ – „Sie muss es gewesen sein.“ – „Wie kommen Sie darauf?“ – „Sie stand als nächste.“ – „Auf einer Party, in Feierlaune, beim Tnzen, da müssen doch alle eng beieinander gewesen sein.“ – „Ja, schon, aber neben M. standen nur meine Tochter und meine Frau.“ – „Und wenn es Ihre Frau war?“ – „Nein, meine Frau hat mich gefragt, wen ich geküsst hätte. Ich habe gesagt, ich weiß es nicht. Sie hat einen leidenschaftlichen Kuss von einem Jugendfreund bekommen.“ C. lächelte. „Und Ihre Tochter?“ fragte Dr. Zigian. C. dachte nach. Er sah müde aus. Er dachte lange nach, schien den Ablauf des Abends zu rekonstruiere. C. schüttelte dann etwas ungläubig den Kopf und musste lachen. „Also wissen Sie, Sie machen das hier wie vor Gericht. Sie nähren meine Zweifel. Tatsächlich könnte es auch meine Tochter gewesen sein. Ich habe sie nicht gefragt. Wenn ich genau überlege, als das Licht anging, stand meine Tochter direkt bei mir und sie hat gelacht und mir zugeprostet. Aber ihr Freund stand neben ihr. Sie haben sich im Arm gehalten. Ich bin davon ausgegangen, dass die beiden sich geküsst haben.“ – „Warum?“ – „Na ja, zu Sylvester küssen sich Paare…“ Dr. Zigian sah C. sehr genau an: „Sylvester war aber zu diesem Zeitpunkt schon eine Zeit vorbei. Sicher hat Ihre Tochter ihren Freund zu Sylvester geküsst, zumindest gehe ich davon aus. Eine Tochter, die dann ihre Eltern besucht, küsst dann zum Beispiel ihren Vater und nicht unbedingt noch mal ihren Freund. Unwahrscheinlich wäre es nicht. Wir können es nicht wissen.“ – „Es fällt mir aber schwer meine Tochter zu fragen, ob sie mir den Kuss gegeben hat, sie würde vermuten, dass ich sie nicht einfach nur so frage.“

Dr. Zigian nickte. „Was wissen Sie über M.? Kennen Sie ihre Familie?“ – „Nein. Ich weiß kaum etwas. Ihre Mutter hat sie allein aufgezogen. Eine Vater gibt es nicht. Sie hat seit länerem eine Beziehung mit einem Jungen, der auch studiert. Sie gehört zu einem Personenkreis von Freunden und Bekannten, die sich alle aus dem Studium kennen, sich treffen, auch zusammen lernen. Die Mutter hat mal angerufen aber ich glaube nur einmal, es ging um etwas Organisatorisches, weil meine Tochter und M. damals zusammen Urlaub gemacht hatten. Meine Frau meinte, sie wäre sehr nett und unkompliziert“ – „Wenn Sie jetzt an M. denken, was fühlen Sie?“ C. kratzte sich am Kopf. „Im Moment, jetzt hier zu sitzen, da habe ich nicht viel Gefühl. Alles kommt mir im Moment seltsam vor.“ – „Was haben Sie gestern gefühlt?“ – „Ein starkes Verlangen.“ – „Sie finden Sie anziehend?“ – „Ja, sehr.“ – „Warum?“ – „Sie hat einen begehrenswerten Körper.“ – „Können Sie das Verlangen verorten?“ – „Verorten? Wie meinen Sie das?“ – „Der Ort in Ihrem Körper, in dem Sie das Verlangen spüren.“ C. musste unweigerlich grinsen. Er sah auf das Weinglas. Es war leer. Dr. Zigian schenkte nicht nach. „Nun. Wo es wohl immer sitzt, in den Genitalien.“ – „Haben Sie eine Erektion, wenn Sie so an sie denken?“ C. nickte. „Wie stark ist diese Erektion?“ – „Sehr stark.“ – „Woran denken Sie dann?“ – „Dass ich sie gerne nehmen würde.“ – „Was heißt ‚nehmen’?“ – „Ich wäre gerne in ihr.“ – „Denken Sie in ihrer Vorstellung daran, dass das auch gegen ihren Willen geschähe?“ – „Ja. Ich stelle mir vor, dass sie es überhaupt nicht will und dass ich sie gegen ihren Willen nehme.“ – „Das wäre eine Vergewaltigung.“ – „Ja. Aber nur in meiner Vorstellung“ – „Sie wollen Sie besitzen. Warum?“ – „Ich kann es nicht sagen. Sie hat etwas in mir ausgelöst.“ – „Weiß M., oder ahnt sie, was sie ‚ausgelöst’ hat bei Ihnen?“ – „Ich glaube nicht.“ – „Denken Sie, dass sie weiß, dass Sie überhaupt etwas für Sie empfinden?“ C. dachte nach. „Ich weiß es nicht. Habe ich mir all das nur eingebildet? Ich habe gar nicht viel nachgedacht. Ich muß immer viel nachdenken, der Beruf vor allem, aber auch zuhause, die Kinder, die Familie, Organisatorisches. Dieses mal habe ich mehr reagiert.“

Dr. Zigian führte vor seinem Brustkorb die Fingerspitzen beider Hände zueinander und konzentrierte sich, um die richtigen Worte zu finden. „Nehmen wir mal an, ihr Gefühl für M. hätte in Ihrem Körper noch einen anderen Aufenthaltsort als Ihre Genitalien. Wo könnte der sein?“ C. überlegte. „Ich weiß nicht“, er setzte sich etwas auf, beugte den Körper nach vorne. Er schaute wieder auf das Weinglas. „Ist noch etwas da?“ fragte er und deutete auf sein leeres Glas. Dr. Zigian erhob sich, holte den Wein und goss eine kleine Menge in das Glas. „Im Bauch“, sagte C. schließlich, „im Bauchbereich“. – „Was ist da im Bauchbereich?“ echote Dr. Zigian zurück. „Ein Gefühl. Kennen Sie das? Wenn Sie einer Frau begegnen, die Sie mögen und mit der Sie sich etwas vorstellen könnten, dann ist da nicht unbedingt dieses harte, eindeutige Verlangen, sondern so ein warmes wohliges Gefühl. Es hat im unteren Bauchbereich seinen Ausgangspunkt und durchströmt den Körper. Wenn Sie so einer Frau begegnen, verändert das alles, was Sie denken, fühlen. Und solange Sie es mit dieser Frau zu tun haben, ist das so.“ – „Ist das ein rein körperliches Gefühl?“ – „Es ist körperlich aber es beeinflusst Ihren Geist, Ihr ganzes Empfinden.“ – „Auch Ihre Wahrnehmung?“ – „Ja, natürlich, die vielleicht vor allem. Weil Sie alles plötzlich positiv sehen.“ – „Kann es dazu führen, dass Sie Ereignissen eine andere Gewichtung geben?“ – „Ja, auf jeden Fall. Ich bin richtig euphorisch innerlich, wenn ich M. mal wieder begegne.“ – „Hat sie jemals gesagt oder angedeutet, dass Sie etwas von Ihnen will?“ C. zögerte. „Nein…,“ sagte er langsam, während er weiter nachdachte, „…nicht direkt.“ – „Ich frage jetzt Sie als Rechtsanwalt: Kann es sein, dass Sie sich in Ihrer Euphorie das alles nur schön geredet haben?“ C. hatte den letzten Schluck Weines trinken wollen, setzte das Glas aber wieder ab. „Genau genommen könnte ich mir selbst nichts davon beweisen, es kann theoretisch sein, dass ich mir alles nur eingebildet habe.“ – „Auch praktisch?“ –„Ja, theoretisch auch praktisch.“ Sie lächelten sich an.

„Sie haben sich nicht alles eingebildet. Es ist etwas da.“ C. war überrascht. „Was meinen Sie damit?“ – „Wir Menschen hätten gerne, dass alles immer eindeutig ist“, sagte Dr. Zigian. Ein Zustand in der Schwebe kann für uns spannend sein, dauert die Schwebesituation allerdings zu lange an, versuchen wir ihn über Manipulation unserer eigenen Wahrnehmung in die eine oder andere Richtung zu interpretieren. Wir bilden uns im kleinen Wahrheiten ein und machen sie für uns zu absoluten Wahrheiten, damit wir von etwas ausgehen können. Wir betrügen uns selbst.“ C. hatte das Glas zur Seite gestellt. Es befand sich immer noch ein Rest Wein darin. Er hörte aufmerksam zu.

„Ich glaube nicht, dass M. Sie geküsst haben. Denken Sie mal genau nach. Sie fanden die Dunkelheit prickelnd und erregend. Sie hatten, bevor es zu dem harmlosen Kuss kam, imaginiert, dass M. in der Dunkelheit zu Ihnen kommen und sie leidenschaftlich küssen würde und dass Sie sie dann in der der Dunkelheit, während alle anderen direkt daneben standen, lieben würden.“ C. war erstaunt. „Sie haben recht. So war es.“ Dr. Zigian fuhr fort: „Als Ihre Tochter Sie geküsst hatte, konnten Sie nicht anders als fest zu glauben, es wäre M. gewesen. Aber selbst wenn es M. war, hätte dieser Kuss eine andere Bedeutung, als Sie annehmen.“ – „Sie haben aber gerade gesagt, dass da etwas war.“ – „Ja, es war oder ist etwas da: M. ist ohne Vater aufgewachsen. Sie wird sich bei älteren Männern, die ihre Väter sein können, wohl fühlen. Ein solcher Mann füllt ein Vakuum in ihr. Sie wird den Kontakt zu so einem Mann suchen, sie wird dabei selbst nicht wissen, warum. Sie sieht in Ihnen den Vater, den sie nie hatte. Sie braucht eine ältere männliche Vertrauensperson, damit sie sich gut fühlt. So wie eine Tochter auch mal mit ihrem Vater flirtet oder ihn bezirzen will, damit er ihr den Autoschlüssel für den Abend gibt, obwohl er eigentlich nicht will, spielt sie mit Ihnen. Es ist aber keine eindeutige Absicht damit verbunden.“ C. nickte. „Das klingt nachvollziehbar. Aber das steht ja nicht unbedingt im Widerspruch dazu, dass es weiter als bis dahin gehen könnte.“ – „Es kann durchaus in sexuelle Handlungen münden. Es kann sein, dass eine Frau so einem Mann noch näher kommen will. Es könnte sogar die Grundlage für eine Beziehung sein. Aber ist das das Wesentliche für Sie, was M. will?“ – „Wieso fragen Sie das? Was meinen Sie?“ – „Nehmen wir mal an, ein junges Mädchen könnte theoretisch von Ihnen besessen sein, dann wäre aber die Frage, ob Sie von ihr besessen wären. Über das Körperliche hinaus.“ – „Natürlich. Das sollte beiderseitig sein.“ – „Denken Sie, dass M. von Ihnen so besessen ist, wie Sie von ihr?“ C. schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht.“ C. wirkte ratlos. „Wenn Sie in einer Beziehung leben“, sagte Dr. Zigian, „ist diese Beziehung der Ort, diesen körperlichen Drang auszuleben oder mit Ihrer Frau ein Einverständnis darüber zu erzeugen, dass er es nicht mehr ist.“ C. überlegte und nickte dann. „Meine Frau. Ja, die habe ich fast vergessen bei alledem.“ – „Gibt es eine Körperlichkeit zwischen Ihnen und Ihrer Frau?“ – „Ja, aber natürlich hat sich das geändert.“ – „Was hat sich geändert?“ – „Vieles hat sich geändert. Dass man den anderen für etwas Selbstverständliches hält, für eine Art Grundrauschen im Leben.“ – „Halten Sie sich für etwas Besonderes, wenn Ihre Frau Sie im Arm hält?“ – „Das weiß ich nicht. Darüber müsste ich nachdenken.“ – „Sie haben es gesagt: Ist man lange verbunden, wird man für den anderen zur Normalität. Etwas Normales, Herkömmliches zu sein, ist aber für niemanden Ansporn. Man hat den anderen immer wieder neu in seiner Einzigartigkeit und Besonderheit zu würdigen. Sehen Sie sich als Glückspilz und Ihre Frau als Wunder. Automatisch geht das nicht. Ihre Frau kennt Sie so gut, dass Sie das Prickeln, das M. in Ihnen erzeugt, von ihr allemal kriegen könnten. Das setzt aber voraus, dass Sie das wollen. Sie entscheiden, ob Sie von M. oder einer anderen besessen sind, bei der Sie sich wieder neu als vollwertiger Mann fühlen oder ob Sie Ihrer Frau zeigen, wie begehrenswert sie ist und sich selbst begehren lassen.“

Bei seinen letzten Worten hatten Dr. Zigian und C. sich langsam erhoben. Es schien alles gesagt zu sein. Sie verließen das Haus von Dr. Zigian und stiegen in dessen Wagen. Dr. Zigian ließ den Motor an. Die Adresse wusste er noch aus der Akte, die er vor dem Gespräch auf dem Schreibtisch liegen gehabt hatte. Er fragte nach der genauen Hausnummer und dann: „Stellen Sie sich vor, wir würden jetzt zu M. fahren. Was für ein Gefühl hätten Sie dann?“- „Angst“, entgegnete C. „Angst davor, mich lächerlich zu machen.“ – „Und wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass wir zu Ihrer Frau fahren?“ – „Keine Angst. Niemand kennt mich so gut wie sie.“ – „Finden Sie sie attraktiv?“ – „Sie hat ihre Kleidergröße behalten, wie vor 20 Jahren“ – „Die Kinder sind jetzt erwachsen“, sagte Dr. Zigian, „Zeit für einen Neustart.“ – „Und ich bin alt.“ Sie lächelten sich an. „Sie sind für mich ein Schatzsucher, der die ganze Welt durchstreift und gar nicht weiß, dass der größte Schatz auf seinem Grundstück vergraben liegt.“

Dr. Zigian brachte den Wagen zum Halten. C. war ausgestiegen, hatte sich draußen noch einmal in den Wagen gebeugt und sich bedankt. Sie hatten sich herzlich die Hände geschüttelt. Dr. Zigian sah, wie C. die Treppe zum Haus hochging und wie sich die Tür öffnete. Ein große schlanke Frau öffnete die Tür. Sie begrüßte Ihren Mann mit einer Umarmung.