Unbestimmtheit

Ob beim Sex, beim Wein, bei Zigarren, beim Essen, beim Fühlen einem Menschen gegenüber oder bei der Liebe und der Kunst: Empfindungen sind jeden Tag anders.

Sie bleiben nicht gleich. Jeden Tag ein Glas Rotwein zu trinken, ist jeden Tag ein gewandeltes Geschmackserlebnis. Jeden Tag einen Menschen wahrzunehmen, heißt, ihn jeden Tag etwas anders zu empfinden. Jeden Tag ein Gemälde zu betrachten, bedeutet, es jeden Tag etwas anders anzusehen. Die Nuancen formen das Erleben.

Der Wert des stetigen Wandels

In diesem variantenreichen Wandel liegt Reichhaltigkeit. Die stetige Veränderung als das niemals Gleiche ist die Essenz des Lebens. Zu keiner Zeit in keinem Augenblick ist das Leben auf etwas festzulegen, weil es beim nächsten Mal ganz anders sein kann. Liefe etwas immer gleich ab, hätte das Leben angehalten, weil es dann Dynamik und Lebendigkeit verloren haben würde.

Ungefähres und Vollendlung

Empfindungen sind deshalb nicht greifbar, weil sie von Augenblick zu Augenblick nicht verlässlich und deshalb ungefähr bleiben. Der Mensch strebt danach, das Ungefähre zur Vollendung zu führen, es auf einen höchsten Zustand festzulegen. Dieser Zustand ist aber unerreichbar, er ist nur anzustreben und annäherungsweise zu verwirklichen. Die Weisheit ist nicht neu: Wer zu gierig wird, verbrennt. Wer also Angst vor dem Schwebezustand des diffus Ungefähren hat, vor der Überraschung oder Enttäuschung der nächsten Nuance und sie festlegen will auf die bleibend beste Empfindung, wird das nur erreichen können, indem er ganz aufhört zu empfinden. Wesentliches in der Kunst muss deshalb ungefähr und nicht greifbar bleiben und sich damit der zu platten Eindeutigkeit entziehen.

Kunst als Überraschung

Kunst ist aus dieser Perspektive betrachtet eine immer wieder neue Überraschung. Sie kann verblüffen, provozieren oder Aha-Erlebnisse bescheren. Wenn Kunst vorhersehbar wird, würde sie kalkulierbar sein und sich damit des unvorhersehbar Ungefähren entledigen.

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  19. Beliebigkeit als Kunstprinzip: Über die vermeintliche Sinnlosigkeit assoziativer Folgerichtigkeit
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  21. Der Künstler: Ein Assoziationsautomat
  22. Zeichnen und die Macht des Zufalls
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