Unbestimmtheit

Ob beim Sex, beim Wein, bei Zigarren, beim Essen, beim Fühlen einem Menschen gegenüber oder bei der Liebe und der Kunst: Empfindungen sind jeden Tag anders.

Sie bleiben nicht gleich. Jeden Tag ein Gemälde zu betrachten, bedeutet, es jeden Tag etwas anders anzusehen. Jeden Tag ein Glas Rotwein zu trinken, ist jeden Tag ein gewandeltes Geschmackserlebnis. Jeden Tag einen Menschen wahrzunehmen, heißt, ihn jeden Tag etwas anders zu empfinden. Die Nuancen formen das Erleben.

Der Wert des stetigen Wandels

In diesem variantenreichen Wandel liegt Reichhaltigkeit. Die stetige Veränderung, das niemals Gleiche ist die Essenz des Lebens. Zu keiner Zeit in keinem Augenblick ist das Leben auf etwas festzulegen, weil es beim nächsten Mal ganz anders sein kann. Liefe etwas immer gleich ab, hätte das Leben angehalten, weil es dann Feuer und Lebendigkeit verloren haben würde.

Ungefähres und Vollendlung

Empfindungen sind nicht greifbar, sie bleiben in jedem Augenblick des Lebens ungefähr. Der Mensch strebt danach, das Ungefähre zur Vollendung zu führen, es auf einen höchsten Zustand festzulegen. Dieser Zustand ist aber nicht zu erreichen, er ist nur annäherungsweise anzustreben. Die Weisheit ist nicht neu: Wer zu gierig wird, verbrennt. Wer also Angst vor dem Schwebezustand des diffus Ungefähren hat, vor der Überraschung oder Enttäuschung der nächsten Nuance und sie festlegen will auf die bleibend beste Empfindung, wird das nur erreichen können, indem er aufhört zu empfinden. Ansonsten bleibt Wesentliches in der Kunst ungefähr und nicht greifbar und entzieht sich damit im besten Falle der zu platten Eindeutigkeit.