Stan Lee, Marvel-Founder

Stan Lee, der den amerikanischen Verlag Marvel-Comics gerade in den 1960er-Jahren groß gemacht hatte, ist am 12. November 2018 95-jährig gestorben. Geboren wurde er am 28. Dezember 1922 in New York unter dem Namen Stanley Martin Lieber. Sein Pseudonym „Stan Lee“ machte er später jedoch zu seinem bürgerlichen Namen. Schwieriger wird es bei der Berufsbezeichnung des begnadeten Selbstvermarkters: Ist er Texter, Manager, Herausgeber oder Chefredakteur gewesen? Oder was davon schwerpunktmäßig bzw. vielleicht gar nicht? Die Antwort darauf ist höchst umstritten und ein Politikum.

Viele Menschen kennen Stan Lee, vielleicht ohne es zu wissen. In den meisten Kinoverfilmungen nach den Marvel-Comics nämlich hatte Stan Lee einen kurzen „Cameo“-Gastauftritt, und so erreichte der Selfmademillionär im vorgerückten Alter noch einmal ein Milliardenpublikum. Seinen Namen kann man auch in Vorspännen als Widmung oder als Produzentennennung lesen. Den Namen „Jack Kirby“ hingegen kennen meist nur Comic-Eingeweihte, nicht aber das weltumspannende Kinopublikum. Jack Kirby hatte mit Stan Lee ein erfolgreiches Team gebildet, das Comics am Fließband produzierte. Dabei hatte Jack Kirby vermutlich einen größeren Anteil an der Entwicklung von Figuren wie „Spider-Man“ oder „Iron Man“ als Stan Lee. Umstriiten und als ungerecht in der Comicszene empfunden wurde, dass Lee Millionen aus seinem Enagement bei Marvel zog, während Partner Kirby als Freiberufler pro Seite bezahlt wurde und nichts weiter von seinen Kreationen hatte. Ein Schicksal, das er etwa mit den Batman-Erfindern bei DC-Comics teilte. In den 1950er-Jahren vor Marvel hatte Kirby auf der Grundlage von 35-50 Dollar Bezahlung pro Seite gezeichnet, ohne an weiteren Veröffentlichungen oder Rechteverwertungen zu partizipieren. Vor seinem Weggang bei Marvel wurden ihm 35.000 Dollar pro Jahr angeboten, was für Ende der 1960er-Jahre ein gutes Gehalt war aber nicht zu vergleichen mit dem, was Partner Lee für sich herausschlug.

Marvel, Stan Lee und Jack Kirby: Streit um die Autorenrechte

Stan Lee wurde in den Comicheften als Autor genannt, Jack Kirby als Zeichner. Zum wechselnden Team, dass in den goldenen Zeiten vor allem Superheldencomics produzierte, gehören noch verschiedendste Tuschzeichner, die die Bleistiftzeichnungen zu reproduktionsfähigen Druckvorlagen machten, und Letterer, die die Texte von Hand in Sprechblasen und Kästchen schrieben. Noch Jahrzehnte später sollte es jedoch eine erbitterte Fehde darüber geben, wer die Geschichten entwickelt und verfasst hatte und wer demnach an den Autorenrechten an den Comicfiguren hätte partizipieren müssen. Nachdem der Walt-Disney-Konzern 2009 für vier Milliarden Dollar den Verlag Marvel Comics gekauft hatte, gab es 2014 mit den vier Kindern Jack Kirbys einen außergerichtlichen Vergleich, um den Konflikt beizulegen, der Jahre gewährt und für Walt Disney ein zukünftiges Risiko dargestellt hätte. Als Ergebnis sprich man in der Szene von einem zweistelligen Dollar-Millionenbetrag, der der Kirby-Familie zugesprochen worden sein soll.

Zehn Jahre lang ein Comicheft pro Tag

Angefangen hatte Stan Lee in jungen Jahren als Mädchen für alles, bereits mit 17 Jahren wurde er Redakteur, später stieg er zum Chefredakteur und Herausgeber auf. In den Jahren ab 1961 entwickelte Marvel eine Fülle an neuen Charakteren wie Fantastic Four, Spider-Man, Iron Man, Hulk, Dr. Strange, Ant-Man, Thor, Black Panther, X-Men, Daredevil, Silver Surfer und andere. Außerdem wurden zum Teil bestehende Charaktere wie „Captain America“ oder „Namor the Submariner“ aus den Vorläuferverlagen „Timely“ und später  „Atlas“ für die Marvel-Publikation neu belebt. In einem Zeitraum von 10 Jahren soll durchschnittlich ein Comicheft pro Tag produziert worden sein. Immer neue Zielgruppentitel meist für eine junge männliche Leserschaft entstanden so.

1950: Schwere Zeiten für Comics in Amerika

Die 1930er- und 1940er-Jahre waren für die Comicverlage eine einträgliche, erfolgreiche Zeit gewesen. In den 1950er-Jahren wurden Comics in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch zusehends als Schund betrachtet und bekamen wegen ihrer Inhalte immer mehr Schwierigkeiten. In dieser Zeit griff der autoritäre „McCarthyismus“ innerhalb der sogenannten „McCarthy-Ära“ um sich. Dabei stand der zwischen 1950-55 aktive Senator Joseph McCarthy für einen harten Patriotismus, einen undemokratischen Antikommunismus und die Verfolgung Andersdenkender. Die McCarthy-Ära umfasst jedoch bereits den Zeitraum ab 1947 bis 1956. Die damalige politische Atmosphäre erinnert an jene, die heute wieder in Amerika um sich greift und zur Zeit unter dem Namen ComicsGate liberale Comicschaffende in Amerika denunziert. Im damaligen Klima der 1950er-Jahre wurden gerade Superhelden- und Horrorcomics als die Jugend verrohender Schund angesehen und die Liberalität beim Publizieren wurde eingeschränkt. Damit einher ging eine Selbstzensur als ein Regelwerk, das sich „Comic Code“ nannte und eine freiwillige Selbstkontrolle der Comicverlage war. Die Comicverlage waren in dieser Zeit im Niedergang begriffen. Als in den ausgehenden 1950er-Jahren/Anfang der 1960er-Jahre Comictitel wieder begannen, höhere Auflage zu generieren, beauftragte Timely-Herausgeber Martin Goodman Stan Lee damit, ein neues Superheldenteam zu kreieren. Heraus kamen als Gemeinschaftswerk zwischen Stan Lee und Jack Kirby 1961 die „Fantastic Four“, die schnell höchst erfolgreich wurden. Marvel-Comics erreichten in den 1960er-Jahren eine enorme Popularität und wurden ein bleibender Teil der Populärkultur. Ab den 1970er-Jahren ließ der Erfolg wieder nach.

Die „Marvel-Methode“: Zeichner entwickeln eine Geschichte

Die Arbeit an den Comicheften entstand im fast schon industriell anmutenden Fließbandprozess nach der sogenannten „Marvel Method“. Dabei erhielt ein Zeichner nicht etwa ein fertiges Script oder Drehbuch mit Dialogen, es wurde vielmehr nur der Plot kurz beschrieben. Wie Jack Kirby in einem Interview später sagte, bekam er zum Teil nur ein paar Sätze mit auf den Weg, was im Heft passieren sollte. Er selbst hatte sich die Geschichten auszudenken, vermerkte an den Seitenrändern oder auf den Rückseiten seine Dialog-Vorschläge und gab das Gezeichnete an den Verlag. Daraufhin wurden die Dialoge vom Verlag fertig getextet und in die Zeichnungen eingefügt. Wer diese Dialoge letztlich verfasst hat, bleibt offen. Jack Kirby hatte behauptet, dass die Handlung der von ihm gezeichneten Geschichten in der Regel ebenfalls von ihm stammte, wie auch neu eingeführte Figuren. Denkbar ist das, weil die Geschichten meist einer simplen Dramaturgie folgten und deshalb parallel zum Zeichnen entwickelt werden konnten. Ein weiterer Beleg für diese These ist, dass Kirby nach Marvel eigene Serien zeichnete und textete, wie „Omac“ oder „Kamandi“. Es ist also zweifelsfrei erwiesen, dass Jack Kirby schreiben wie zeichnen konnte, auch wenn Kirbys goldene Zeiten ebenfalls hinter ihm lagen. Eine andere Lesart geht davon aus, dass Lee schon zumindest als Verantwortlicher für die Dialoge zuständig war, mit zunehmenden Managementaufgaben aber immer weniger Zeit dafür hatte und Arbeiten an andere delegierte.

Marvel Comics: Der Superheld als Mensch

Das besondere an den Inhalten der Marvel-Geschichten war die „Vermenschlichung“ der Helden. Während Konkurrent „DC Comics“ mit Superman oder Batman das persönliche menschliche Scheitern zunächst nicht thematisierte, wurde dies bei Marvel zum Leitmotiv:

  • Ob Spiderman, der sich am Tod seines Onkels schuldig fühlte,
  • ob Ben Grimm alias „Das Ding“ von den Fantastic Four, der mit seinem monströsen Aussehen haderte,
  • ob das alter Ego von Thor als gehbehinderter Arzt mit seiner körperlichen Einschränkung lebt,
  • ob die Dr.-Jekyll-und-Mr.Hyde-Selbstzweifel des Wissenschaftlers Bruce Banner, der sich immer wieder in den Hulk verwandelte und dabei dauernd die Frage nach seiner Identität stellt oder
  • ob die Blindheit von Daredevil alias Matt Murdoch ihn die Welt und sich selbst anders wahrnehmen lässt – sie alle haben Selbstzweifel, Minderwertigkeitsprobleme oder kommen mit ihrem Leben nicht klar.

Das bot viele Möglichkeiten zur Identifikation einer pubertierenden Leserschaft und war Teil des Erfolgsrezeptes. Der Superheld als Sollbruchstelle zwischen Übermensch und Versager, der sich immer wieder überwinden und über sich hinauswachsen musste – das war neu.

Comic-Hefte als Zielgruppenprodukte

Ein weiterer Bestandteil des Marvelerfolges war unzweifelhaft, dass Stan Lee gut darin war, Comichefte auf Zielgruppen zuzuschneiden. Immer wieder landete Marvel Erfolge mit Comicheften, die eine neue Art von Helden brachten, die zwischen Größenwahn und Selbstzerstörung schwankten und so eine Dimension mehr in die Geschichten brachten. Ein weiteres Talent Lees war die Leserbindung: Er brachte redaktionelle Seiten, die die Arbeit der Comicschaffenden zeigten, oder Seiten, auf denen er Leserfragen beantwortete oder Leser nach ihrer Meinung fragte. Ein bisschen erinnert das an die heutigen sozialen Netzwerke, nur damals mit analogen Mitteln.

Comiczeichner: Einfache Handwerker als große Künstler

Das, worin Stan Lee aber vor allem genial war, war die Vermarktung: Er positionierte sich nicht als Schundhefteschreiberling sondern als „Autor“, die Zeichner und Inker als „Artists“, lobte sie in jedem Heft in immer neuen Bezeichnungen als Stars aus, obwohl sie getrennt voneinander in ihren kleinen Studios saßen und für viel Arbeit billig wie Handwerker bezahlt wurden. Ein Beispiel: Die berühmteste damalige Serie waren die „Fantastic Four“, die durchweg von Jack Kirby gezeichnet und bis auf die ersten Hefte von Joe Sinnott kongenial getuscht wurde. Die Comicfans gingen anhand der immer besseren zeichnerischen Ergebnisse von einer intensiven Zusammenarbeit der beiden aus. Tatsächlich kannten sich die beiden als Freiberufler praktisch nicht. Ein- oder zweimal sind sie sich bei Marvel-Veranstaltungen in den zehn Jahren begegnet und saßen ansonsten an ihren Zeichenbrettern, ohne sich je über ihre Arbeit zu verständigen. Kirby hatte sowieso nie großes Interesse am Tuschen gehabt. Die Bleistiftvorzeichnungen brachten pro Seite mehr ein als das Tuschen. So sah Kirby zu, dass er tagtäglich soviel Seiten vorzeichnete wie möglich. Das war die Erfolgsstory von Marvel: Kreative, die immer neue Charaktere Gestalt annehmen ließen, arbeiteten 12-14 Stunden täglich, um einen hohen Seitenoutput zu generieren. Lee verpackte das ganze wie ein Werbetexter, rührte die Werbetrommel und orientierte sich als Leitfigur früh an dem, was Massenmedien gerne brachten. Lange nach seiner aktiven Zeit bei Marvel wurde er so weiterhin zum Aushängeschild, lächelte unter seinem Toupet in jede Kamera und hatte immer wieder seine Auftritte in den Verfilmungen, auf den Comic-Conventions und in Interviews im Fernsehen oder Radio. Jack Kirby musste nach seinem Weggang bei Marvel all das wütend mit ansehen: wie omnipräsent Lee war, den er, wie er später sagen sollte, Ende der 1950er-Jahre mit seiner überbordenden Kreativität vor der Pleite rettete, wie das Merchandising immer mehr um sich griff, die Superhelden auf T-Shirts und Taschen gedruckt wurden und jede, der von ihm (mit)entwickelten Figuren zur eigenen Marke aufstieg.

Wie Jack Kirby zeichnete

Jack Kirbys Methode zu zeichnen, war eine Besonderheit. Offenbar dachte er sich die Geschichten und deren Verlauf simultan zum Zeichnen detailliert aus. Ohne Textvorlage schien er während des Zeichenprozesses die Geschichte von Bild zu Bild voranzutreiben. Kirby soll seine Zeichnungen kaum korrigiert oder radiert haben. Offenbar verfügte er über eine sprudelnde Phantasie und die zeichnerischen Möglichkeiten, das Erdachte direkt und schnell umzusetzen. Kirby war (Jahrgang 1917) fünf Jahre älter als Lee und zum Zeitpunkt ihrer Begegnung schon eine Instanz, die mit Joe Simon unter anderem Captain America und das Genre der Romantik-Comics entwickelt hatte. Als Lee in die Comicbranche einstieg, war Kirby also schon ein Profi mit beträchtlicher Erfahrung und konnte auf einige Erfolge zurückblicken. Simon und Kirby waren eine Art kreatives Dreamteam gewesen, das gute, zeitgemäße Ideen hatte und zudem schnell und flexibel liefern konnte. Es spricht einiges dafür, dass Jack Kirby die meisten der Marvel-Erfolgs-Figuren und deren Ausgestaltung zumindest mit entwickelt hat, dennoch hat er dafür nie einen Anteil etwa an den Filmrechten erhalten. Lee andererseits hatte Marvel 2005 wegen seiner eigenen Autorenschaft und des damit einhergehenden Copyrights an den Marvelfiguren verklagt und einen Vergleich erzielen können, der ihm Millionen einbrachte. Auch Jack Kirbys Kinder konnten, wie bereits beschrieben, nach dessen Tod in einem langwierigen Verfahren einen Vergleich aushandeln. Offiziell wurde nie darüber geredet, wieviel Geld Disney an die Kirby-Nachfahren gezahlt hat. Die Schätzungen reichen von 30-50 Millionen Dollar, andere Mutmaßungen über den Vergleich gehen bis 100 Millionen Dollar.

Jack Kirby, die kreative Kraft

Jack Kirby als unterschätzter bzw. „vergessener“ Marvel-Autor zeichnete nach seinem Weggang bei Marvel 1970 noch einige Serien bei anderen Verlagen und später auch wieder bei Marvel, bis er zum Zeichentrickfilm ging. Stan Lee wurde in der Folgezeit medial als großer Comicautor und Innovator gefeiert, obwohl er weder vor noch nach seiner goldenen Zeit bei Marvel als Autor nennenswert in Erscheinung getreten war. 1972 wechselte Stan Lee von seiner Rolle als Chefredakteur in die Rolle des Herausgebers bei Marvel Comics.

Manager Stan Lee

Als Chefredakteur hatte Stan Lee strategische Entscheidungen zu treffen, die die Marke „Marvel“ insgesamt formten und mit den einzelnen Superhelden-Charakteren zahlreiche Untermarken schufen, die Jahrzehnte später im Filmgeschäft Milliarden erwirtschafteten. Erdacht hatten diese Charaktere wohl überwiegend Zeichner-Autoren, die für einen niedrigen zweistelligen Betrag pro Seite im Rahmen einer „Work-for-Hire“-Vereinbarung das Comicmaterial lieferten. Das waren in der Anfangszeit neben Jack Kirby vor allem noch Steve Ditko und dann John Romita senior. (Sein Sohn, John Romita junior, ist heute einer der produktivsten Zeichner.) Die Marvelmethode brachte den Zeichnern große Freiheiten, weil wenig vorgegeben war, andererseits machte sie die Zeichner zu „Zeichner-Autoren“, die Ideen einbringen, vom Big Business aber nicht profitieren durften. Stan Lee hat in einer Zeit, als die Comic-Books in Amerika am Ende waren, ein Geschäftsmodell entwickelt und vorangetrieben, das die Hefte wieder in Mode brachte und später zu Kultobjekten machte. Kirby selbst zeigte sich zu Lebzeiten mit seinem Lohn zufrieden. Er war wohl der produktivste Zeichner alle Zeiten und konnte durch den schieren Seitenoutput pro Tag seine auskömmlichen Umsätze generieren. Später, als alter Mann, hatte er aber weder Rente noch Krankenversicherung, weswegen er letztlich den Comics den Rücken kehrte.

Was war Stan Lee? Ein Showrunner?

In den letzten Jahren hat sich für die TV-Serienproduktion der Begriff des „Showrunners“ durchgesetzt. Der Showrunner ist meist kein Regisseur, sondern zwischen Produzent und Autor angesiedelt. Oft ist er beides, vor allem aber Gesamtmanager des Serienprojektes: Er wählt Regisseure aus, bespricht den unverwechselbaren Stil der Serie, trifft die wesentlichen Entscheidungen, beaufsichtigt und leitet das Autorenteam, schiebt kreative Prozesse an – vor allem spinnt er Leitfäden für Story und Charaktere. Kurz gesagt: Ein Showrunner ist ein Kreativmanager. Ähnliches galt und gilt auch für die Comicserien bei Marvel. Vermutlich war Stan Lee in den 1960er-Jahren derjenige, der die Richtlinienkompetenz hatte und wusste, in welche Richtung welche Charaktere für welche Zielgruppe entwickelt werden mussten, um ein Erfolg zu werden. Der Begriff des „Showrunners“ bei den Marvel-Comics trifft deshalb gut auf Stan Lee zu.

Stan Lee, ein Verkäufer oder Verkaufswunder?

Stan Lee hat sich schnell damit wohl gefühlt, mit Marvel gleichgesetzt zu werden. Wenn es in den Medien darum ging, wer all die Marvelfiguren entwickelt hat, tauchte fast immer nur der Name „Stan Lee“ oder „Stan the Man“ auf. Das lag an seinem Talent, sich darzustellen, während Kirby eher bescheiden und zurückhaltend auftrat. In jedem frühen Marvelcomic tauchte als Autor immer der Name von „Stan Lee“ auf, obwohl die Entwicklungsarbeit der Story und der Figuren mit fortschreitender Zeit vor allem wohl Jack Kirby geleistet hat. Dennoch hat das Sendungsbewusstsein von Stan Lee unzweifelhaft zum Marvel-Erfolg beigetragen. Der Verkäufer Stan Lee hat der amerikanischen Öffentlichkeit eine neue Art von Comics erfolgreich nahegebracht und sie in deren Bewusstsein verankert. An Marvel konnte man seinerzeit nicht vorbei. Jack Kirby hätte das sicher nicht ohne Stan Lee geschafft.

Stan Lee, ein Abzocker?

Der späte Kirby zeigte sich verbittert darüber, dass er am finanziellen Erfolg von Marvel nicht teilhaben konnte. Der Erfolg der Marvel Comics basierte auf einem effizienten, arbeitsteilig strukturierten ökonomischen Modell, das Niedriglohn voraussetzte. Zu bedenken ist, dass nicht nur Marvel die Arbeitsteilung zwischen Vorzeichnung, Tusche und Farbgebung anders als in Europa zur Methode machte und so das kontinuierliche Erscheinen der Comic-Hefte ermöglichte. Zeichner wie Barry Windsor-Smith, der geniale Conan-Zeichner, wendeten sich zunächst verärgert von Marvel ab, die nächsten Zeichner-Generationen gingen mit ihren Copyrights bewusster um oder unterliefen das Konzept, dass der Zeichner als gleichzeitiger Autor nur als Zeichner genannt wird. Ein Beispiel dafür ist Frank Miller, der bei „Daredevil“ relativ zügig nicht nur als Zeichner sondern auch als Autor genannt wurde, weil er die Geschichten erfolgreich selbst schrieb. Auch Barry Windsor-Smith hatte sich darüber beklagt, dass „Roy Thomas“ als Autor genannt wurde, obwohl er, Windsor-Smith, immer mehr Anteil an Text und Handlung der Geschichten hatte. Letztlich war die „Marvel-Methode“ ein effizientes ökonomisches Teilelement des Marvel-Erfolgsmodelles, das den Zeichner als kreativen Geschichtenerzähler weiter ausbeutet und ihn auch noch die inhaltliche Entwicklungs- und Textarbeit machen lässt, ihn dafür aber nicht adäquat bezahlt hat. Stan Lee hat dies bei öffentlichen Auftritten stets negiert und weggelächelt. Es ist eine schwierige Denkaufgabe, das Sendungsbewusstsein Stan Lees und seinen ökonomischen Egoismus vom Marvel-Erfolg zu trennen. Lee hat zum Anteil Kirbys am Erfolg des Verlages letztlich wohl auch aus rechtlichen Gründen geschwiegen. Kirby hat andererseits vermutlich die Leistung Lees nicht anerkannt, weil er davon ausgegangen ist, dass seine zeichnerische und erzählerische Kompetenz und speziell seine Phantasie den Erfolg gebracht haben.

Film und Fernsehen: Wie es mit Marvel Comics weiter ging

In den 1970er-Jahren wurde es für Marvel wieder finanziell schwieriger, an die alten Erfolge konnte Marvel nicht mehr anknüpfen, 1996 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Aus dieser Zeit stammte die Idee, sich prioritär mit Lizenzen für das Filmgeschäft zu befassen. Auch hier war Stan Lee umtriebig und bewies langfristig den richtigen Riecher. Den Personenkult aus den Comicheften half er mit auf die große Leinwand und letztlich in Form von Serien auch auf den TV-Bildschirm zu transferieren. Dadurch wurde aus dem Comicverlag quasi ein Medienhaus, womit völlig neue Dimensionen der Wertschöpfung zu erreichen waren. Vor allem auch das bleibt aus heutiger Sicht Stan Lees Vermächtnis. Als narrative Charaktere bedienten sich die berühmtesten Comic-Figuren an den Plots der Literatur- und Trivialgeschichte aus Sagen, Dramen, Science-Fiction und Pulp. Die meisten Heldengeschichten waren so Neuinterpretationen vorhandener Erzählmuster. Dies mit einer massenkompatiblen weniger simplen und ambivalenten Charakterzeichnung zu kombinieren, wird eher Jack Kirby zugeschrieben. Stan Lee und Jack Kirby waren das Dreamteam der Superheldencomics, ohne es damals zu wissen, weil produktionsorientierte Fließbandarbeit die Aufmerksamkeit für das eigene Tun und Wirken etwas vernebelt. Marvel in der 1960er-Jahren war der überaus phantasievolle Märchenerzähler neuen Zuschnitts für Kinder und Jugendliche. Als solche werden Lee & Kirby vielleicht auch zukünftig in Erinnerung bleiben.