KopflinienMan könnte als Künstler davon ausgehen, als Etwas jemand zu sein, der in sich manifeste Eigenschaften enthält. Man könnte aber auch davon ausgehen, Nichts zu sein und seine Eigenschaften erst durch das Wechselspiel mit äußeren Polaritäten zu erhalten.

Stellen wir uns einen unspezifischen Menschen ohne Eigenschaften oder besser ohne spezifische Eigenschaften vor, einen Menschen, der nicht herausragt in irgendeinem Sinne, sondern modellhaft einen angenommenen Durchschnitt verkörpert und in sich abbildet, auch wenn dieser Durchschnitt nur in der Theorie existiert also modellhaft zu verstehen ist.

Chaos und Ordnung als äußere Kräfte

Würde dieser Mensch in seinem Leben in eine Polarität zwischen Ordnung und Chaos geworfen werden, müsste er sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Er würde der Ungeordnetheit und Unkalkulierbarkeit des Chaos entkommen, indem er ordnende Strukturen schafft. Und er würde der Berechenbarkeit und Langweile der Ordnung entkommen, indem er unvorhersehbar handeln würde. Seine Absichten und sein Handeln kämen aber in diesem Fall nicht aus sich selbst heraus, sie wären eine Reaktion auf die äußeren Umstände der Ordnungs-/Chaos-Polarität, die ständig auf ihn einwirken und ihn zu Reaktionen provozieren würde.

Chaos und Ordnung als innere Kräfte

Würde man nun in einem Gedankenspiel die äußere Polarität zu einer inneren machen, könnte man daraus ein Denkmodell für die Struktur eines Kreativen oder eines Künstlers entwickeln. Der Künstler wäre in sich, das heißt mit den Polaritäten „Ordnung“ und „Chaos“ als integralem Bestandteil des eigenen Selbst, hin- und hergerissen. Das Schaffen von Kunst wäre eine Reaktion auf innere Befindlichkeiten und als Methode des Ausgleichs eines inneren Ungleichgewichtes zu verstehen. Dies bezieht sich vor allem auf die Grundmotivation, aus seiner Persönlichkeit heraus künstlerisch zu wirken und damit über die Kunst als Medium zu kommunizieren.

Inspirierende äußere Reize

Hinzu kämen allerdings immer noch Reize von außen, die aufgenommen, rezipiert und in eigene Botschaften und Formen transformiert werden oder diese evozieren, das heißt, hervorkitzeln. Das Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos, das man zum Beispiel auch als antagonistisches Zusammenspiel von Sicherheit und Ausgeliefertsein, von Orientierung und Verlorenheit, von Angst und Mut oder von Freiheit und Einschränkung ansehen kann, ist ein zentrales polares Spannungsfeld, aus dem sich Kunst entwickeln kann.

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  31. Das Ungefähre als das nicht Greifbare
  32. Offenheit, Inspiration, Assoziation – über den Wert von Einflüssen in der Kunst
  33. Der blinde Fleck und die Kunst der Betrachtung
  34. Kompetenz und Versagen als sich selbst bedingende Gleichzeitigkeit
  35. Kunst als Selbstdialog
  36. Die Überforderung
  37. Eindeutigkeit und Wahrnehmung in der Kunst
  38. Kunst als Sprache
  39. Der Mangel als Ansporn
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  41. Selbstbild und Seins-Inszenierung
  42. Kunst als Chiffre der Notwendigkeit
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  44. Idealismus oder Materialismus – Geld oder Leben!?
  45. Die Maslow-Bedürfnis-Pyramide oder fühlen und durchleben in der Kunst
  46. Jenseits der Worte
  47. Wahrheit und Verdrängung
  48. Das Gefühl für die Dinge oder von der Schwierigkeit, Kunst zu definieren
  49. Zwischen Selbsttransformation und Fremdwahrnehmung
  50. Die Absolutheit der Ich-Perspektive
  51. Fehler machen als „Sesam-öffne-dich“
  52. Kunst und die Visualisierung des Nie-Gesehenen
  53. Jede Regel will gebrochen sein
  54. Die Intrinsik als Wesenszug