Laufender Mann

Hugo Pratt und Jean Giraud waren zu Lebzeiten und sind immer noch übergroße Namen der Comic-Kunst. Pratt, der Italiener, wurde durch seine Serie „Corto Maltese“ bekannt, Giraud durch sein Westernepos „Leutnant Blueberry“. Wobei Giraud sich darüber hinaus unter seinem Pseudonym „Moebius“ einen Namen als Science-Fiction-Zeichner machte. Ebenso wie mt seinen lockeren Geschichten um die „Hermetische Garage“, „Major Grubert“, den „Inkal“ oder „Arzak“.

Pratt war ein Meister des Weglassens, Giraud wurde berühmt durch seine vielen Striche, deren Schraffurtechnik er alten Kupfer- oder Stahlstichen entlehnt hatte. Beide waren Wegbereiter der Erwachsenen-Comics. Pratts „Corto Maltese“ war inhaltlich wie ein historischer Roman aufgebaut und nahm in Europa die „Graphic Novel“ vorweg. Moebius brachte innovative Konzepte in die Comic-Szene. Sowohl seine Art, Geschichten zu erzählen als auch zu zeichnen, erregten Aufsehen. Beide entwickelten Zeichenwelten der Phantasie. Bei Pratt hatte das viel mit geschichtlichen Hintergründen zu tun, bei Giraud ging es um Geschichten, die so surreal waren, wie sie sich vorher noch nie jemand ausgedacht hatte.

Hugo Pratt und Moebius: Die Unterschiede

Hugo Pratt (geboren als Ugo Prat) und Jean Giraud (Alias Moebius) – zwei Männer und Comiczeichner, die unterschiedlicher nicht sein konnten und sich andererseits in wesentlichen Punkten trafen:

  • Physiognomie: Hugo Pratt war rein körperlich breitschultrig, wirkte vierschrötig und massig, standfset und robust, Moebius eher klein und schmal, filigran und fast zerbrechllich in der Erscheinung.
  • Einfach und ausführlich: Pratt kultivierte das Fragmentarische und die Vereinfachung, Giraud frönte in seiner Strichführung der Ausführlichkeit.
  • Abstrakt und real: Pratt arbeitete bei seinem Comichelden „Corto Maltese“ gerne visuell abstrakt, Girauds Ziel war es hingegen, seine Sujets so real wie möglich erscheinen zu lassen.
  • Ungefähr und ganz genau: Pratt blieb in seiner Bildsprache lieber ungefähr und unverbindlich, Giraud zeichnete klar defniert und detailverliebt – oder sollte man sagen: strichverliebt?

Die Gemeinsamkeiten in den Comics und im Leben

In welchen Punkten ähnelten sie sich? Wo lagen ihre Gemeinsamkeiten? Beide ließen auf ihre Weise der Phantasie, dem Nicht-Erschlossenen auch dem Mystischen oder Mysteriösen Raum. Für beide war das Reisen wichtig. Pratt lebte und arbeitete lange in Brasilien und reiste als Lebenskünstler und Globetrotter in der Welt umher. Giraud war in Südamerika, in Nordamerika, Japan und lebte zwei Jahre von 1983-1985 in Tahiti.

Jijé und Jean-Claude Forest als Zuschauer

Hugo Pratt und Jean Giraud harmonieren im obigen Video verblüffend beim Zeichnen eines großen Kurz-Comic-Strips. Beobachtet werden sie von Jijé (=Joseph Gillain, mit Stirnglatze) und Jean-Claude Forest (dem Zeichner von Barbarella, mit Oberkippenbärtchen). Jijé war Jean Girauds Lehrmeister, als Giraud an dessen „Jerry Spring“ ab 1961 als Assistent mitgearbeitet hatte.

Jean Giraud und Leutnant Blueberry

Als Giraud anfing, seinen „Leutnant Blueberry“ zu zeichen, waren ab 1963 die ersten Bände noch stark vom Stil Jijés geprägt, was sich aber zusehends ändern sollte. Dies bezog sich auf eine leicht expressionistische Pinselstrichführung. Im zweiten mit vier Alben äußerst produktiven Blueberry-Zyklus zwischen 1966 und 1968 wandelte sich der Zeichenstil Jean Girauds jedoch deutlich wahrnehmbar. Man hatte ihm von Album zu Album dabei zusehen können, wie seine Zeichentechnik sich mehr und mehr verbesserte, filigraner und eigenständiger geworden war. Das war spätestens 1968 mit dem Band „General Gelbhaar“/„Général tête jaune“ überdeutlich wahrnehmbar. Der nächste Zyklus mit den zwei Bänden „Die vergessene Goldmine“, 1969, und „Das Gespenst mit den goldenen Kugeln“, 1970, zeigten einen Jean Giraud mit veränderter Zeichentechnik, die sich aber immer noch zusehends verfeinerte. Schließlich sollte sich Jean Giraud unter dem Pseudonym „Moebius“ parallel dazu den Erwachsenen-Comics zuwenden.

Hugo Pratt und Corto Maltese

Hugo Pratt wurde weltweit bekannt mit seiner Figur „Corto Maltese“. Pratt setzte für seine Zeichnungen eine minimalistische Strichführung ein und konzentrierte sich auf die Geschichten, die erzählerisch ambitioniert mit literarischer Qualität ausgearbeitet waren. Im Gegensatz zu Giraud, der oft verspielte Szenarien wählte, war Pratt ein klassischer Erzähler. Die gekonnte Einfachheit seiner Geschichten hatte stets geschichtliche Bezüge. Corto Maltese war ein Weltreisender und fast jeder Band erschloss einen anderen Kontinent oder ein neues Land. Das reicht vom Südwest-Pazifik nach Südamerika, Europa, Afrika, China oder Sibirien.

Das Zeichenbattle

Aus heutiger Sicht hätte man vermutet, dass der ungleich berühmtere Jean Giraud der Könner am Zeichenstift ist. Tatsächlich scheint Hugo Pratt ihm in der Zeichensession aber in nichts nachzustehen, was die sichere Strichführung und seine zeichnerische Ausdruckskraft anbelangt. Allerdings war Pratt, 1927 geboren, 1972 bei der Session mit seinen 45 Jahren also schon ein alter Hase, während Giraud, Jahrgang 1938 und damit 34 Jahre jung, noch ein eher junger Wilder war. Übrigens war Hugo Pratt ein begnadeter Aquarellist, was in seinen Comics aber nur ganz selten zum Vorschein kam. In der folgenden Dokumentation werden Hugo Pratts Leben und sein Werdegang anschaulich nachgezeichnet.