Frauengesicht

Warum entsteht Kunst? Welche Motive haben eine Künstlerin oder ein Künstler, Kunst zu schaffen? Kunst hat viel damit zu tun, einem Gefühl eine wahrnehmbare Form zu verleihen. Aber welche Bedürfnisse befriedigt die Kunst?

Die sogenannte „Maslowsche Bedürfnispyramide“ bzw. „Bedürfnishierarchie“ des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908–1970) ist ein sozial-psychologisches Modell, das die Motive und Bedürfnisse des Menschen beschreibt. Es war anfänglich wichtig für Soziologie und Psychologie, später wurde es im Marketing als Teil der Verkaufs- und Konsumentenforschung genutzt. Weniger zum Tragen kam es im Hinblick auf die Kunst und ihre Wirkung, was der Ansatzpunkt für die folgende Betrachtung ist.

Bedürfnis, Motivation und Handlung

Man kann annehmen, dass Bedürfnisse die Erklärungen für Motivationen liefern können, warum man überhaupt wie handelt. Zumindest legen stark ausgeprägte in der jeweiligen Lebensphase wichtige Bedürfnisse nahe, dass die Kräfte, die diese Bedürfnisse erzeugen, klare Handlungsmotive ausprägen. Wenn also Handeln als bedürfnisorentiert angesehen und nicht etwa zufällig wäre, ist die Frage zu stellen, welche Bedürfnisse der Kunst zugrunde liegen.

Was beschreibt die Maslowsche Bedürfnis-Hierarchie?

Die Bedürfnishierachie will beschreiben, was der Mensch will und was er tut. Die Gesamtheit dieser Wünsche und ihre Ausprägungen kann man die individuelle „Bedürfnisstruktur“ nennen. Anders gesagt: Art und Ausprägung der Bedürfnisse des Menschen beschreiben sein Wesen und seine Handlungsausrichtung. Die Motive dafür zu handeln, definieren den Menschen und zeigen ihm selbst in der Innensicht und anderen aus der Außenperspektive, wer er ist. Diese Bedürfnishierarchie entwickelte Maslow ab 1943, später ergänzte er sie, bis schließlich nach seinem Tod 1971 posthum seine Erweiterung publiziert wurde.

Welche Kritik gibt es an Maslow?

Da Maslows Bedürfnishierarchie einfach und griffig war und deshalb schnell Verbreitung fand, war die Kritik dementsprechend vielfältig. Dazu zählen unter anderem, dass die Bedürfnishierarchie nur an der westlichen Kultur ausgerichtet ist. Zum Beispiel wird im Westen der Grad der Individualisierung mehr betont als etwa im asiatischen Raum. Maslow war sich des Umstandes bewusst, dass menschliches Handeln nicht allein durch Bedürfnisexistenz und dem System zur Bedürfnisbefriedigung beschrieben werden kann. Es müssen sowohl kulturelle Rahmenbedingungen wie auch die individuelle Persönlichkeit mit der jeweils unterschiedlichen sozialen Einbindung und der damit verknüpften Lernerfahrung als wesentliche Einflußfaktoren berücksichtigt werden.

Bedürfnisabfolge: Wodurch zeichnet sich der Mensch aus?

Die fünf Hauptmotive nach dem klassischen fünfstufigen Bedürfnis-Modell von Abraham Maslow sind wie folgt:

  1. Überleben ist die unterste elemantare Basis des menschlichen Seins, beschrieben durch die Grund- und Existenzbedürfnisse, die mit physiologischen Bedürfnissen gleichzusetzen sind. Die Erfüllung der physiologischen Bedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Atmen bildet die Grundlage der Pyramide.
  2. Schutz erwächst darauf aufbauend durch das Sicherheitsbedürfnis. Neben der physischen Sicherheit oder der organisatorisch-finanziellen Sicherheit geht es um psychische Bedürfnisse, etwa in einem gewohnten Rahmen zu agieren und diesem dem Unbekannten vorzuziehen. Kulturelle Standards wie Religion oder Wissenschaft wollen dieses Unbekannte ergründen und damit übergeordnete Sicherheit erzeugen.
  3. Zusammenhalt entsteht durch das Sozialbedürfnis. Im sozialen Kontext werden Rollenbilder übernommen und sorgen für eine Gruppenkonformität.
  4. Selbstbildausprägung durch Anerkennung und Wertschätzung bildet die Individualbedürfnisse. Bei den Individualbedürfnissen unterscheidet Maslow von Anerkennung und Wertschätzung abgegrenzt eine zweite Kategorie: das Bedürfnis nach Stärke und Dominanz, das sich in Erfolg und damit verbundener Freiheit ausdrückt.
  5. Ich-Vervollkommnung durch Selbstverwirklichung ist die Spitze der Bedürfnispyramide. Selbstverwirklichung nutzt die eigenen Möglichkeiten, schöpft sie aus und erweitert sie ggf. durch Lernerfahrungen. Talente wollen geschult sein, um sich entfalten zu können. Letztlich ist das Bedürfnis mit Selbstverwirklichung deckungsgleich mit der Suche nach Sinnerfüllung. Maslow hat geschätzt, dass nur zwei Prozent aller Menschen dies erreichen können.

Bedürfnisausprägung und Bedürfnisabfolge

Je nach Lebensabschnitt sind diese Bedürfnisse unterschiedlich stark ausgeprägt. Als Kind etwa treten die physiologischen Bedürfnisse zunächst stark hervor, im Alter gelangt man andererseits zu mehr Selbstverwirklichung. Die Bedürfnishierarchie wurde pyramidial, das heißt aufeinander aufbauend visualisiert. Dabei baut also ein Bedürfnis nach Wichtigkeit auf dem anderen auf. Die Erfüllung der Existenzbedürfnisse bildet die Grundlage für das Sicherheitsbedürfnis, das die Grundlage für das Sozialbedüfnis, die Individualbedürfnisse und schliesslich die Selbstverwirklichung an der Spitze der Bedürfnispyramide. Keine der Bedürfnisstufen wäre nach Maslow ohne die vorherige zu verwirklichen.

Die erweiterte Bedürfnishierarchie

Allerdings hat Maslow gesehen, dass seine erste Bedürfnisshierarchie zwar einen beträchtlichen Teil menschlicher Motivation beschreibt, es aber Bereiche menschlichen Handelns gibt, die damit offenbar nicht abgedeckt werden. Wo etwa wäre die künstlerische Tätigkeit als Bedürfnis enthalten? Sie könnte Teil der Stufen 4 (Anerkennung und Wertschätzung) und 5 (Selbstverwirklichung), also der nicht grundlegenden Bedürfnisse, sein. Dennoch stellt sich die Frage, warum für manchen Menschen Kunst auch schon in jungen Jahren eine Notwendigkeit ist, die vorrangig gelebt wird. Da die klassische Bedürfnispyramide dies nicht erklärt, hat Maslow später ein achtstufiges Modell entwickelt, bei dem die physiologoschen Bedürfnisse immer noch die Grundlage bilden aber an ihrer Spitze in die Transzendenz münden.

  • Transzendenz
  • Selbstverwirklichung
  • Ästhetische Bedürfnisse
  • Kognitive Bedürfnisse
  • Individualbedürfnisse
  • Soziale Bedürfnisse
  • Sicherheitsbedürfnisse
  • Physiologische Bedürfnisse

Bei diesem neueren Modell wurde das ursprünglich fünfstufige Modell um die drei (rot gekennzeichneten) Stufen „kognitive Bedürfnisse“, „ästhetische Bedürfnisse“ und „Transzendenz“ erweitert, in denen nun auch musisches und künstlerisches Handeln mit abgebildet sind. Die Bedürfnis-Pyramide umfasst damit acht aufeinander aufbauende Stufen.

Was sind kognitive Bedürfnisse?

Als „Kognition“ kann man die psychischen Funktionen, Fähigkeiten und Möglichkeiten ansehen, also Prozesse der Informationsverarbeitung. Diese vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung, Verarbeitung und Filterung der Wahrnehmungsimpulse bis hin zur Vorstellungskraft und der Kreativität als Fähigkeit, Ideen zu entwickeln. Auch die Introspektion als Selbstbeobachtung ist Teil der Kognition wie auch der Glaube. Man kann die Kognition also als einen umfassenden Begriff ansehen, der alle Vorgänge und Folgen von Wahrnehmung und Denken umfasst. Die Folgen dieser Prozesse sind etwa Willens- und Wissensbildung oder das Heranreifen von Überzeugungen, Einstellungen, Erwartungen, Absichten und Wünschen. Zu den kognitiven Bedürfnissen zählen unter anderem Neugier, Lernen, Orientierung und verortende Sicherheit durch Wissensaneignung. Nun steht die Kognition als Prozess der Informationsaufnahme, Informationsinterpretation und des Lernens in engem Verhältnis zur Emotion. Sie wechselwirken miteinander und beeinflussen sich gegenseitig. Die individuell wahrgenommene und erlebte Realität macht weite Teile des Begriffes „Kognition“ aus. Hier offenbart sich die Schnittstelle zur Kunst, die ebenfalls Ergebnis von Wahrnehmung und Wahrnehmungsfilterung ist. Künstlerisches Wirken kann man auch klassisch im Rahmen von Selbstverwirklichung und Selbstdefinition sehen. So könnte Kunst das Ergebnis eines verschränkten Denk- und Fühlprozesses sein oder eine mentale Suche auf dem Weg zu einer Erkenntnis. Kunst als Teil des Kognitionsprozesses wäre dann eine Visualisierungsleistung im Rahmen der Erfüllung kognitiver Bedürfnisse. „Kognition“ ist abstrahiert betrachtet immer auch das Bedürfnis nach etwas Neuem, das Denken im Zusammenspiel mit dem Fühlen anregt.

Was sind ästhetische Bedürfnisse?

So wie Denken und Fühlen auch beim Kunstprozess nur akademisch zu trennen sind, so lässt sich die Wahrnehmung als Teil der Kognition nicht vom Bedürfnis nach Schönheit, nach Ästhetik und einem eigenem Stil als Ausdrucksform trennen. Im Modell ist das ästhetische Bedürfnis eine Folge des Wahrnehmungs- und Denkprozesses – abstrahiert betrachtet also das Ergebnis eines Informationsverarbeitungs-Prozesses, der der Wahrnehmung, dem Nachdenken und Nachfühlen einen eigenen visuellen Stil bzw. eine eigene bildhafte Ästhetik zuordnet. Der Mensch als Künstler sagt sich: „Ich habe die Welt wahrgenommen, habe mir meine Meinung zu ihr gebildet und visualisiere dieses Ergebnis in Form von Kunst.“ Ästhetische Bedürfnisse schließen aber nicht nur das eigene Wirken mit ein sondern auch, dass man sich an Kunst erfreut oder an einem eigenen ästhetischen Rahmen, der so beschaffen ist, wie es einem gefällt. Die ästhetischen Bedürfnisse kommen nach Maslow vor dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Aber man mag annehmen, dass diese Grenze fließend ist, weil man sich auch im Bewusstmachen des eigenen ästhetischen Empfindens selbst verwirklichen und auch in Formen und Oberflächen Tiefe und Inhalt erblicken kann.

Was ist das Transzendenz-Bedürfnis?

Transzendenz ist die Überwindung der Herkömmlichkeit, eine Art der Sinnstiftung etwa in Form von Glaube und Religion. In Maslows System kommt nach der Selbstverwirklichung eine höhere Ebene, in der man etwas Übergeordnetes sucht, etwa als abstraktes Muster letztlich für die Erklärung der eigenen Existenz in Form einer Sinnsuche. Hier kann die Kunst anknüpfen, weil sie in mancherlei Ausformung wie eine Suche daherherkommt, die sich im Spannungsverhältnis zwischen Form und Inhalt vollzieht. Kunst kann im einen Extrem die Suche nach einer Formensprache sein oder im anderen Extrem die Suche nach inhaltlicher Fundierung. Anders gesagt: Die Suche nach Ausdruck oder die Suche nach Bedeutung.

Wie erlebt man Kunst?

Man kann im Leben fühlen, spüren, etwas empfinden, erleben oder durchleben – und zwar ganz gleich, ob man selbst Künstler ist oder man Kunst betrachtet, rezipiert und ihre Wirkung  in sich aufnimmt. Kunst spricht die Sinne an, füttert oder erotisiert sie und konfrontiert mit fremden Wahrnehmungen, die mit den eigenen Lebenswelten kollidieren oder diese verstärken. So entstehen Wahrnehmungen des Inneren, die woanders nicht zu finden wären. Man mag sich angeregt, erregt, evoziert oder provoziert fühlen – immer ist die Bildende Kunst etwas, das in besonderer Weise gerade den visuellen Sinn, die Wahrnehmung und das Spiel mit der Verarbeitung neuer Eindrücke herausfordert. Das betrifft die von Maslow ergänzte Bedürfnisshierarchie durch Kognition, Ästhetik und Transzendenz ebenso wie das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung oder ein soziales Bedürfnis, das mit einschließt, eigene Wahrnehmungen mit jemandem zu teilen. Das kann nur ein Gefühl sein, reiner geteilter Nervenkitzel oder der Wunsch zu erzählen, was man beim Anblick eines Bildes empfunden hat – etwa als Bericht vom „Erlebnis Kunst“.

Wie essentiell ist Kunst?

In der Theorie der neueren Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow kommt nach der Erfüllung der sehr grundlegenden Bedürfnisse der physiologischen Notwendigkeiten und der Sicherheit das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit, wovon Kunst ein Teil sein kann. Denn soziale Organisation und die Formung einer Kultur sind ineinander verwoben. Aber ab dieser dreistufigen Grundlage folgen unterschiedliche Bedürfnisse, die zunehmend mit ästhetischem Empfinden und den Ausdrucksmöglichkeiten eines Individuums zu tun haben, das nicht nur überleben sondern auch gestalten will: Es möchte seine direkte Umwelt als Lebensrraum gestalten und die Prinzipien seines individuellen Seins ausdrücken, indem es Kunst erschafft, um damit zugleich dem sozialen Umfeld mitzuteilen, wie es die Welt wahrnimmt.

Kunst als Empfindungsausdruck und Empfindungseindruck

All die geschilderten Bedürfnisse münden in etwas, das zunächst profan wirkt: Der Mensch, ob er seinen Hunger stillt oder nach Transzendierung strebt, will etwas empfinden. Je älter er wird, desto mehr gibt es zumindest auch eine innere Stimme, die sich nach Neuem, nach nie Gesehenem sehnt, weil in diesem Neuen wiederum ein Erlebnisfaktor steckt – als Ergebnis eines Prozess des Nachspürens und Nachempfindens. Das Verständnis der Bildsprache „Malerei“ kann in einen Eindruck der Schönheit, der Erkenntnis oder sogar der Transzendenz münden. Daran sieht man, dass Kunst bereits kurz nach dem Überleben anfängt oder während des Überlebens, weil sie mit anderen Mitteln den Wunsch nach Leben ausdrückt.