Dreiteilung

Dass Wahrnehmung nicht objektiv ist sondern subjektiv, ist eine Binsenwahrheit. Der Mensch nimmt wie eine abgeschottete Maschine wahr. Maßgeblich ist für ihn die Subjektivität der eigenen Wahrnehmung. Seine Subjektivität befördert der Mensch zur Objektivität. Als wäre die Welt so, wie er sie sieht.

Kunst ist die visuelle Dokumentation der eigenen Subjektivität. Um Kunst schaffen zu können, muss man sich zu diesem Subjektivismus bekennen. Künstler wie Amadeo Modigliani oder Gilbert & George haben einen auch formal extrem subjektiven Standpunkt eingenommen und deuten von diesem Standpunkt aus die Welt.

Die Welt und ihr Abbild

Wer ihre Kunst betrachtet, könnte sofort zu der Einsicht gelangen, dass die Welt aber ganz anders aussieht und deshalb sogar ganz anders ist, als sie sie darstellen. Was also ist passiert? Die Künstler haben ihre subjektiven Standpunkt verabsolutiert, haben eine extreme Formensprache entwickelt.

Ausdruck und Wirklichkeit

Sowohl im Fall von Modigliani als auch bei den Fotokunstwerken von Gilbert & George geht es um eine formal strenge Stilisierung ihres Betrachtungsgegenstandes. Diese Darstellungsweise stellt den Ausdruck und die Ausdrucksfähigkeit über die realistische Abbildung und Erfassung der empfundenen Wirklichkeit also über die Wahrnehmungsfähigkeit einer Konsenswelt, über deren Eigenschaften man schnell eine Vereinbarung herstellen könnte.

Reduzierung als Verfremdung

Die Ikonografie der visuellen Welt von Gilbert & George ist schrill und bunt, die von Modigliano geometrisch-reduziert. Ihre dargestellte Welt ist eine Ausschnittswelt. Sie lässt vieles weg, konzentriert sich auf einige wesentliche konstruktive und stilbildende Elemente und zeigt so dem Betrachter einen subjektiv verfremdeten Teil der Wirklichkeit, der aber als absolut gesetzt ist. Das heißt: Das Subjektive ist die ausschließliche Welt des Künstlers.

Die objektive Subjektivität

Sein Filter, durch die er die Welt betrachtet oder der seine Art zu zeichnen oder zu malen formt, wird zum Ausdruck für die Realität des Künstlers. Das Subjektive, dass man unter anderen Umständen als Relativierung des objektiv Vorhandenen auffassen könnte, wird zum Ausschließlichen und Absoluten. Die subjektive Ich-Perspektive wird in der Selbstwahrnehmung verobjektiviert und damit zur objektiven Wirklichkeit des Ich-Subjekts.