Mit dem 1987 erschienen Album, dem Song und Video „Bad“ legte Michael Jackson eine Art Neustart hin. Die Metamorphose zum nicht mehr schwarzen Popstar war abgeschlossen. Gegen das bisherige eher artifizielle Image als Wunderkind und Fabelwesen sollte im Video das Gesetz der Straße gestellt werden – Michael Jackson als einer aus der Hood, als kleiner „Aggessor aus der Nachbarschaft“, der auch von den ganz schweren Jungs akzeptiert wird.

Nicht sehr glaubwürdig aber in seiner aberwitzigen Kühnheit schon wieder witzig. Das mi seinen 18 Minuten Laufzeit Überlang-Video zu „Bad“ kam noch mehr als das „Thriller“-Video wie ein kleiner Kinofilm mit Gesangseinlage daher, der sich in filmisches Intro, das eigentliche Musikvideo als mittleren Hauptteil und einen kurzen wieder filmischen Schlussteil gliederte. Doch bis dahin, war es ein langer Weg.

Michael Jackson und „The Jackson Five“

Michael Jackson hat von Kindheit an mit seinen Brüdern im Ensemble „The Jackson Five“ als überaus quirliger Sänger auf der Bühne gestanden. Ab 1972 hat er gerade mal 14-jährig neben seinem Engagement bei den „Jackson Five“ eine erfolgreiche Solo-Karriere gestartet. Bis 1975 waren vier Solo-Langspielplatten erschienen, alle erfolgreich, wobei Jackson dennoch unzufrieden sein musste.

Beginn der Solokarriere

Das lag daran, dass die Verkäufe hoch begannen und dann abnahmen und auch daran, dass Michael Jackson parallel immer noch Mitglied der „Jackson Five“ war, was bis in die 1980er-Jahre so blieb. Das erste und zweite Album wurden beide  innerhalb des Jahres 1972 veröffentlicht.

  1. Das erste Album „Got to be there“ hat sich über 3 Millionen Mal verkauft
  2. das zweite, „Ben“, 5 Millionen mal,
  3. das dritte, „Music and me“, 2 Millionen mal
  4. das vierte, „Forever, Michael“, 1 Millionen mal.

Der neue Michael Jackson

Dann, in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre, konzentrierte sich Jackson wieder auf seine Arbeit mit den „Jackson Five“. 1975-1978 und 1980 kam in schöner Regelmäßigkeit jedes jahr ein Album heraus. Doch 1979, dem Jahr, in dem kein „Jackson-Five“-Album erschienen war, geschah etwas Verblüffendes: Michael Jackson hatte sich neu erfunden. Nach Gesichts-OP und in einem hellhäutigeren Aussehen auf Plattencover und Promotionfotos, außerdem musikalisch Neuland betretend, erschien Michael Jackson als Solokünstler wie verwandelt.

Songschreiber Michael Jackson

1979 erschien „Off the Wall“, die erste Langspielplatte einer Trilogie in Kooperation mit Musik-Genie Quincy Jones als Produzentem. Jones seinerseits brachte Rod Temperten mit, der drei der 10 Songs von „Off the Wall“ schrieb und auch mit 3 von 9 Songs Anteil an „Thriller“ haben sollte. Vor allem verewigte er sich mit dem Titelstück „Thriller“. Interessant auch, dass die meisten Lieder auf „Off the Wall“ noch Fremdkompositionen waren (7 von 10). Auf „Thriller“ schrieb Jackson bereits 4 der 9 Stücke. Und auf „Bad“, dem letzten Album mit Produzent Quincy Jones schrieb Jackson 8 der 11 Songs. Ebenso vergrößerte sich der Anteil, der von Jackson mitproduzierten bzw. allein produzierten Tracks von Album zu Album zusehends. Jackson wollte mehr Kontrolle über seine Musik, und bekam sie.

Michael Jacksons Erfolgsfaktoren

Der Erfolg von Michael Jackson kam nicht von ungefähr. Es kamen verschiedene Komponenten einer geplanten Karriere zusammen, in der viel neues zum Tragen kam:

  • Image: Michael Jackson erschien plötzlich wie ein Zwischenwesen zwischen Schwarz und Weiß, Männlich und Weiblich, Erwachsenem und Kind.
  • Erscheinungsbild: Sein Weg führte ihn weg vom Image des schwarzen Motown-Künstlers hin zu einem modernen weißen und Disney-kompatiblen Entertainment, das größere Zielgruppen erschließen konnte..
  • Musikstil: Das, was für das äußere Erscheinungsbild galt, galt auch stilistisch für die Musik: Weg von R&B hin zu Disco und Disco-Funk.
  • Musik: Die Qualität der Musik wurde von Jackson und Jones in dieser Zeit in immer höhere Sphären getrieben. Es ging um die Suche nach dem perfekten Pop-Song, dessen perfekte instrumentale und gesangliche Umsetzung, gepaart mit einer Menge Gefühl, das vor allem von Jacksons Gesang herrührte.
  • Tanz: Noch waren die Moves und Bewegungen nicht so weit aber Jackson testete in der „Off the wall“ Neues und versuchte die akrobatischen Tanzeinlagen eines Tanz-Genies wie Fred Astaire in eine zeitgemäße Körpersprache zu übersetzen.
  • Stimme: Seine Stimme war nun höher und lag damit Nahe am Falsett, das die Bee Gees berühmt gemacht hatte.
  • Produktion: Der arrivierte Jazz-Musiker Quincy Jones war für Jackson als Produzent ein kongenialer Partner. Sie kreierten einen neuen Sound, der aus Gesang, Arrangement, Produktion und Komposition etwas völlig Neues in der Pop-Musik schuf, das musikalisch nur vermeintlich seicht klag, es aber nicht war.
  • Compact Disc: Eine technisch-mediale Neuerung, die direkt in diese Zeit fiel, war das Aufkommen der Compact Disc, die die Vinyl-Langspielplatten ablösten. Die Compact Disc wurde 1982 eingeführt, also nur drei Jahre nachdem „Off the Wall“ erschienen war und im Jahr als das Album „Thriller“ erschien. Den Schwung auch dieser neuen Technik konnte Jackson mit seiner Musik nutzen.
  • Videos: All das, das äußere Erscheinungsbild, die Musik und der Tanz wurden verpackt in Videos, die visuell viel Neues boten. Ihr Vertriebskanal waren zunächst Musiksender wie MTV oder Viva (2005-2018) ab 2005 YouTube.
  • Musikfernsehen: Den Musikvideosender MTV gab es seit 1981. Mit Ausstrahlung des Michael-Jackson-Video „Billie Jean“ 1983 bekam MTV eine größere Publikumsaufmerksamkeit und startete seine eigentliche Erfolgsgeschichte. Umgekehrt profitierte in der Folgezeit Michael Jackson ungemein vom aufkommenden Videoboom als neuer medialer Vermittlungs-Plattform. Musik und Video gingen eine Synthese ein, die verkaufsfördernd wirkte.

Michael Jackson als Wonderboy

Hatte Jackson also mit „Off the Wall“ einen neuen Sound und ein neues Image kreiert, das mit „Thriller“ vertieft wurde und kommerziell ungeahnt große Früchte trug, war „Bad“ die in dieser Phase ausgereifteste der drei Platten. „Thriller“ blieb dennoch der kommerzielle Höhepunkt der Trilogie. Doch in der „Thriller“-Phase wurde Jackson in den Medien zunehmend zum seltsamen Fabelwesen stilisiert, eine wandelnde Sensation in Menschengestalt, über die es allerlei Verwunderung gab. Das eigene Image wuchs Jackson langsam über den Kopf, weshalb er im epischen „Bad“-Video seine maskuline Seite betonen wollte und ebenso seine soziale Bodenhaftung und Street-Credibility. Jackson erschien hier im äußeren Erscheinungsbild fast ein bisschen wie eine aufgehübschte, discokompatible Mad-Max-Version. Die Botschaft von „Bad“: „Ich bin einer von euch, bad-Boys.“ Im Intro wird Michael Jackson im schulischen Umfeld mit weißen Schülern gezeigt, später wird er von seinen farbigen Freunden gehänselt – Michael Jackson zwischen weißer Mittelschicht und seinen schwarzen Wurzeln. oder genauer ausgedrückt: Zwischen der Anerkennung durch die weiße Bildungsschicht und der Infragestellung durch die Ghetto-Kumpels.

MilchbubbiRegie: Martin Scorsese

Gedreht hat den „Bad“-Musik-Kurzfilm Regiestar Martin Scorsese. Der hatte vor allem mit „Taxi Driver“ (1976) und „Wie ein wilder Stier“ (1980) Klassiker des neuen Kinos geschaffen und Robert De Niro als Schauspiel-Superstar etabliert. Die Regiewunderkinder des „New Hollywood“ hatten in den 1970er-Jahren eine visuelle Revolution in Amerika losgetreten und waren nun in den 1980er-Jahren mit der neuen Musikvideokultur konfrontiert. Michael Jackson wollte sich mit Koryphäen umgeben und schätzte als Perfektionist die Arbeit mit ausgewiesenen Könnern. Da er auch finanziell einiges zu bieten hatte, kamen interessante Kooperationen wie die mit Scorsese zustande.

Imagewechsel durch Ghetto-Feeling

Das Musikvideo sollte das Image Jacksons neu definieren und begleitete als hochklassig gedrehter Kurzfilm und als marketingmässiges Ankervideo ein überaus erfolgreiches Musikalbum. Das Drehbuch zum „Bad“-Video hat Richard Price geschrieben, der ein Jahr zuvor, 1986, eine Oscar-Nominierung für sein Drehbuch zu Steven-Spielbergs „Die Farbe des Geldes“ erhalten hatte, ein Film, mit dem Popcorn-Regisseur Spielberg, das filmische Pendant zu Michael Jackson, erwachsen werden wollte, es aber nicht ganz schaffte. Der „Bad“-Film kommt daher wie eine neue Version der Tanzszenen des Filmes „West Side Story“, für den 1961 Leonard Bernstein die Musik geschrieben hatte. Wesley Snipes, der als Schauspieler noch ganz am Anfang seiner Karriere stand, war als Darsteller mit von der Partie. Er hatte damalig bisher zwei Kinofilme gedreht und im Jahr zuvor in Folge Zehn der dritten Staffel von „Miami Vice“ mitgespielt, das in den 1980er-Jahren eine wichtige Fernsehserie für die Popkultur war.