In „The way you make me feel“ spielt Michael Jackson ein Spiel, das er öfter in seinen Videos wiederholte: hartnäckig verfolgt er eine Frau und macht ein Spiel daraus. Das wirkt wie eine Mischung aus unbeholfene Kontaktaufnahme und Verfolgungsjagd, symbolisch verfremdet mit tänzerischen Mitteln. Gefilmt ist das ganze in Form steriler Disco-Überästhetisierung.

Gedreht hat das Video ein erfahrener Werbefilmer. Joe Pytka hat in seinem Berufsleben tausende Werbespots gedreht, was man der Optik des Musik-Videos ansieht. Wo die Regisseure John Landis oder Martin Scorsese bei ihren Videos für Michael Jackson eine realistische Optik gewählt hatten, starrt dieses Video vor Künstlichkeit.

Jahrzehnte der Übertreibungen

Geschuldet ist diese platte Hochglanzästhetik einer Tendenz der 1980er-Jahre, die ihr Heil in der Oberflächlichkeit auch von Unterhaltungsformen suchte.

  • 1960: Die 1960er-Jahre wirkten wie eine Aufklärung im Kleinen, erweiterten das Bewusstsein, öffneten Horizonte für gänzlich Neues und betonten dabei die Alternativen zur bestehen Gesellschaft. Das Gegenläufige und Andersartige war kulturell salonfähig geworden. Die Tendenz der 1960er-Jahre war eine neue Form von Innerlichkeit und Selbstfindung – viele hinterfragten ihre Lebenswirklichkeit und suchten Antworten auf Sinnfragen unter der Oberfläche.
  • 1970: Die 1970er-Jahre wirkten popkulturell skuril und weiteten etwa musikalische Konzepte im Art-Rock bis zum Geht-nicht-mehr einer neuen Komplexität aus. Die 1970er-Jahre ließen die Kultur einerseits übertriebener und andererseits schmerzhaft realistisch wirken, auch härter und in ihren Extremen abgedrehter. Die Schönheit klassischer Popmusik etwa der Beatles war gereift, härtere Musikformen wie Hardrock oder Punkrock, die nicht mehr das Schöne und Seichte betonten, entstanden. Die Komplexität des Artrock löste sich auf in Einfachheit, Härte und Hässlichkeit.
  • 1980: Die 1980er-Jahre schliesslich machten einen kulturellen Fallrückzieher. Gefragt war nun nicht mehr die Innerlichkeit und der hohe Anspruch vergangener Tage sondern im Gegenteil die Oberflächlichkeit. Die Mode und ihre Stilelemente waren übertrieben bunt. Zudem fungierten die 1980er-Jahre und ihre technischen Innovationen als Tor in eine neue mediale Zukunft, was Vorstellungen und Visionen prägte. Die Compact Disc war der Vorläüfer digitaler Datenbestände in Ton und später Bild. Die Computer hielten Einzug auf den heimischen Desktop und läuteten digitales Arbeiten und die erste Phase der Digitalisierung ein. Das Werbe-Video als Ausdrucksform bot Werbeschaffenden neue Tätigkeitsfelder mit stärkerem Einflusspotenzial auf ihre Zielgruppen. Werbeunterbrechungen im Privatfernsehen wurden immer massierter, akustisch und visuell lauter und schriller.

Zusammenarbeit mit Joe Pytka

Da das Musikvideo als mediale Form eigentlich als Promotion für den jeweiligen Song gedacht war, also nichts anderes war als eine verkaufsfördernde Verpackung für ein ubterhaltendes Kulturgut, rieben sich vor allem Werbefilmer die Hände, weil sie ihr Tätigkeitsfeld auf die Musikvideo-Produktion ausweiten konnten. Damit übertrug sich dummerweise die oft plumpe und marktschreierische Ästhetik auf die Musikvideos und das Musikvideo-Fernsehen. Wie Heuschrecken filelen talentiertfreie Werbefilmschaffende in die Musikbranche ein und statteten Musiker mit meist fragwürdigen Videos aus. Zieht man bei „The way you make me feel“ die tolle Musik und die Ausstrahlung Michael Jacksons ab, hat das Video nicht viel zu bieten. Dennoch arbeitete Jackson noch zweimal mit Joe Pytka zusammen: bei den Musikvideos zu „Dirty Diana“ 1987 und „Heal the World“ 1991.

maennerkoerperMann-und-Frau-Polarität

Inhaltlich wird im Video eine Geschichte von Mann und Frau erzählt, die nur vordergründig ein Liebeswerben abbildet. Tatsächlich zeigt sie wie sooft in den Videos von Michael Jackson eine gewisse Distanz der Protagonisten. Wo in den Videos anderer männlicher Stars Frauen als schmachtend und hingebungsvoll dargestellt werden und den Stars zu Füßen liegen, ist hier die Frau selbstbewusst und zeigt Distanz zum Mann. Das kann man einerseits positiv emanzipatorisch interpretieren, andererseits eine grundlegende Unsicherheit Jacksons dem weiblichen Geschlecht gegenüber konstatieren.

Künstlichkeit und Sterilität

Jacksons Androgynität hatte offenbar eine Portion Maskulinität nötig, die ihm die in den Videos erzählten Geschichten verleihen sollten. Mal wird er in „Thriller“ zum gefährlichen Werwolf, mal verweigert er in „Bad“ zwar zunächst, an einem Überfall teilzunehmen, kehrt aber dann seine männlich-harte Seite heraus. Die Produzenten des „The Way you make me feel“-Videos hatten sicher im Sinn, Jackson weiter zum Sexsymbol zu stilisieren. Er spielt dort eine Männerfigur, die mit der Frau um die situative Vorherrschaft ringt, was Spannung bringt und unterhaltsam ist. Die Studio-Aufnahmen erinnern dabei fast an die kalkulierte Künstlichkeit einer Versuchsanordnung. Das musikalische Schaffen des Vollblutmusikers Michael Jackson wurde in den Musik-Videos oftmals mit sterilen Atmosphären kontrastiert. Das war typisch für die 1980er-Jahre und reichte bis in die 1990er hinein.