Missgunst

Über die Rockband „Steely Dan“ ist bekannt, dass sie im Studio in ihrer Spätphase ihre Songs so lange immer und immer wieder eingespielt hat, bis diese technisch schwindelerregend perfekt klangen. Dann, wenn also alles perfektioniert war, wurden die Stücke live im Studio noch einmal neu aufgenommen – weil in der Perfektion auch viel Sterilität liegt und die Songs deshalb nicht lebendig genug geklungen hätten. Über das erneute Live-Einspielen der Stücke, wurde den Kompositionen mehr Dynamik und Ursprünglichkeit eingehaucht.

Was bei der Musik anschaulich klingt, gilt für jede Art von Kunst: Es gibt einen Anfangspunkt des Ausdrucks, etwa eine schnelle Skizze, bei der man es belassen könnte. Die Skizze zeichnet sich durch Lebendigkeit und Unmittelbarkeit aus aber oft genug ist das, was man ausdrücken wollte, noch nicht vollständig umgesetzt. Es fehlt die weitere Ausarbeitung, um den Ausdruck zu optimieren.

Prozesse künstlerischer Ausarbeitungstiefe

Überarbeitet man die Skizze mehrfach bzw. zeichnet man das Motiv immer wieder neu, kommt man langsam an einen gedachten mittleren Aufwand oder Punkt der Ausarbeitungstiefe, an dem man seinen Ausdruck genauer und besser findet. Das heisst, man hat das Motiv mehrfach gezeichnet, sodass es einem in Fleisch und Blut übergegangen ist. Was die Darstellung des Motives anbelangt, hat sich das Zeichnen in diesem Prozess der Wiederholung automatisiert. Nun könnte man das Motiv weiter variieren und verschiedene Schwerpunkte dabei setzen: etwa Exaktheit, Expressivität, Detailliertheit oder Abstraktion betonen und weiter verfeinern, je nachdem, was man ausdrücken will.

Mehr Komplexität oder Vereinfachung

An diesem Punkt kann es dazu kommen, dass man nicht sicher ist, welches der Ausdruck ist, den man erreichen wollte und den man am besten findet. Man zeichnet weiter und weiter und kommt an einen Endpunkt, nämlich dann, wenn man meint, den Varianten nichts Neues mehr hinzufügen zu können. Beim Zeichnen hat man auf diesem Weg zum Beispiel immer mehr Striche hinzugefügt, was einem höheren aber unter Umständen auch überladenen Detaiillierungsgrad entspricht. Oder man hat im Gegenteil das, was man vorher aufgebaut und weiter ausgearbeitet hat, wieder vereinfacht und auf seine Grundformen reduziert. Eine zu starke Reduzierung der Formensprache kann aber auch in Beliebigkeit münden und das fertige Motiv austauschbarer und unspezifischer machen, sofern jene spezifischen Details wegfallen, die das Motiv unverwechselbar gemacht haben.

Ausarbeitungsgrad und Möglichkeit

Zu sagen, in der Mitte des Prozesses zu enden – also mehr als die Skizze zu schaffen aber weniger als die Perfektion letzter Hand –, kann ebenfalls ein Trugschluss sein. In der Mitte des Prozesses, also in einem Reich des Durchschnitts seiner Möglichkeiten zu enden, hieße einerseits, das Motiv nicht zu skizzenhaft und simpel zu belassen. Damit würde man weniger der Befindlichkeit des Augenblicks Rechnung zu tragen. Andererseits würde die Mitte des Ausarbeitungsgrades nicht alle denkbaren Möglichkeiten ausschöpfen. Sie würde etwas abrupt beenden, auf dessen weiterem Weg Lösungen kommen könnten, die überraschend wären, weil man sie nicht absehen konnte.

Bewusstes und unbewusstes Zeichnen

Denn je mehr man eine Zeichnung immer und immer wieder variiert, desto weniger zeichnet man bewusst. Das Unbewusste bricht sich Bahn und macht Varianten oder ganz andere Zeichnungen möglich, die direkt aus dem Fühlen kommen. Andererseits, würde man das übertreiben, könnte man den ursprünglichen Ausdruck auch totzeichnen, indem man ihn mit Perfektion erdrückt und ihm jegliche Spontanität abhanden kommt. Ein Trugschluss wäre das Haltmachen auf der Mitte des Weges deshalb, weil dahinter also das Extreme und Interessante liegen oder erst beginnen könnte. Ein langer Weg würde auch den Zufall mit einbeziehen. Tatsächlich kann man die Frage stellen, ob das zwischenzeitlich vorliegende Bild oder die Zeichnung gemessen an der Vision oder Vorstellung, die man in sich trug, schon genug ist, ob man also das erreicht hat, was man erreichen wollte.

Vorläufigkeit und Endgültigkeit in der Kunst

Als sicher kann gelten, dass die großen detailreichen Gemälde, mit denen Gustav Klimt berühmt geworden ist, nicht zustande gekommen wären, hätte er sich mit angedeuteten Vorläufigkeiten zufrieden gegeben. Ebenso sicher ist aber auch, dass die Wirkung, die von den expressionistischen Bildern seines Schülers Egon Schiele in dessen mittlerer Hauptphase davon ausging, dass seine Striche – obwohl sie schlafwandlerisch sicher gesetzt schienen – rau und vorläufig, teils unkontrolliert und nicht zuende gedacht waren. In seiner Spätphase hat er Bilder geschaffen, die über diesen Punkt hinausgingen und dadurch formal perfekter ausgearbeitet waren. Sie wirktenen dadurch jedoch spannungsloser, langweiliger und unlebendiger als das Vorläufige, Unfertige, das Bruchstückhafte und nicht perfekt Umgesetzte.