augenglückLese gerade einen Artikel darüber, warum jemand keine Lust mehr hat, Fernsehserien zu gucken. Er begründet das lang und ausführlich. Die Argumentation mag nachvollziehbar sein aber sie kommt nicht überraschend. Und es stellt sich die Frage, warum es wichtig ist, darüber zu schreiben. Lohnt es, einen Artikel darüber zu verfassen, dass man keine Fernsehserien mehr sehen will?

Es klingt wie das Bekenntnis eines Abhängigen, der hilflos zusieht, wie er seine Lebenszeit vergeudet. Das hat etwas Zwangsläufiges, wenn nicht gar Zwanghaftes: Was man erst sehr bejaht, lehnt man hinterher vehement ab in einem üblichen Prozess der Dekonstruktion – und typisch ist dieser Prozess nicht nur im sozialen Miteinander sondern er ist auch ein geläufiger Medien-Mechanismus: Erst pushen und in den Himmel loben, dann kritisch hinterfragen und abwerten. Annäherung und Distanz sind dabei in ihrem Ablauf innerhalb einer verinnerlichten und zugleich widersprüchlichen Dramaturgie miteinander verbunden.

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt

Das hat auch etwas Opportunistisches: Wenn alle etwas loben, stimmt man ein in den Lobgesang, der viel später zum vernichtenden Abgesang wird. Hier quillt aus den Zeilen eine Art Langeweile heraus, bis hin zur Genervtheit angesichts der eigenen Existenz. Dem öffentlichen Bekenntnis dazu, etwas ganz stark und unbedingt zu wollen, zeitversetzt ein zweites Bekenntnis folgen zu lassen, etwas ganz bestimmt nicht mehr und nie wieder zu tun.

Manie und Depression

Das ist die wenig überraschende Rhythmik der Vorhersehbarkeit. Da es nicht mehr auf Papier geschrieben wird, muss man nicht die Frage stellen, ob ein solches Bekenntnis überhaupt das Papier wert ist, auf dem es steht. Es sind kilometerlange virtuelle Lichtzeilen auf Bildschirmen, die den Überdruß am eigenen Verhalten artikulieren, um am übernächsten Tag vielleicht einen Artikel folgen zu lassen, warum man dieses oder jenes vermeintlich Neue doch wieder unheimlich toll findet.

Die episch-detaillierte Fernsehserie

Serien des letzten Jahrzehnts, die man nicht mehr unbedingt „Fernsehserien“ nennen kann, weil sie zunehmend über Streamingdienste gesehen werden, haben eine neue Art der Epik in das Reich des Bewegtbildes gebracht. Sieht man sich beispielsweise an, wie in der Krimi- und Polizei-Serie „Bosch“ ein Ermittlungsdetail auf das nächste geschichtet wird und wie sich all diese Puzzlesteine der Ermitlungsarbeit zu einer mitunter komplexen Wahrheit verdichten, dann ist das eine Qualität bezüglich der Detailierung und Ausarbeitungstiefe von Bewegtbilderzählungen, die weder Serien noch Kinofilme in vergangenen Zeiten aufwiesen.

Verdichtung versus Ausführlichkeit

Man mag dagegen argumentieren, dass die Kunst gerade des Kinofilmes und auch der alten Serien in der Verdichtung liegt, in der durch den Schnitt verkürzten Wirklichkeitsdarstellung, die durch Weglassen viel mehr erreicht als durch fleissige Ausführlichkeit und Vollständigkeit. Das Argument ist richtig. Dennoch gibt es gut erzählte Serien wie „Breaking Bad“ oder dessen Spin Off „You better call Saul“, die die Möglichkeiten des Mediums nutzen, um Zusammenhänge von Abläufen und Entwicklungen zu zeigen. Also anstatt nur das Ergebnis zu zeigen, etwa einen Mord oder den Charakter eines Menschen, wird genau analysiert, wie ist es dazu gekommen ist, wie sich die Zusammenhänge ergeben und was die Motivation der handelnden Personen oft in der gegenseitigen Verstrickung sind. Da liegt die Tücke im Detail und ist es wert, dargestellt zu werden. Die Art und Weise, wie dies erzählerisch-dramaturgisch umgesetzt wird, macht den Unterschied aus und führt zu einer neuen Qualität auch der Charakterzeichnung der handelnden Figuren.

„Game of Thrones“ als multiple filmische Collage

Ein Anderes Beispiel dafür, was eine lange Sendezeit der Serie bezüglich ihrer Darstellungsvorteile vermag, ist „Game of Thrones“, die erste konsequente Multi-Genre-Serie. Hier sind Elemente aus dem Fantasy-Film a lá „Herr der Ringe“ enthalten oder aus Abenteuerfilm, Zombiefilm, Kriminalfilm oder Erotikfilm – von eigentlich allen populären Genres werden Versatzstücke genutzt. Das schließt mit ein, dass all jene Motive, die man im jahrzehntelangen Bewegtbildgucken verinnerlicht hat, wieder auftauchen, und Erinnerungsmuster aktivieren. Kein Film – auch keine Film-Triologie oder Film-Reihe – wäre dazu in der Lage, all diese Erzählelemente und -Motive zu integrieren, so wie es die moderne Serie vermag.

Komaglotzen im Serienmarathon

Man mag eines Tages von dieser Fülle an Möglichkeiten, von der epischen Breite und dem Detailierungsgrad genervt sein aber das ändert nichts daran, dass das eine Möglichkeit des Erzählmediums „Bewegtbild-Serie“ ist, die Wirklichkeit anders und vielleicht stellenweise viel genauer als früher abzubilden. Als Beispiel für diese vertiefende Ausführlichkeit mag die Folge „Die Fliege“ (3. Staffel/Folge 10) in der Serie „Breaking Bad“ angeführt sein, in der Walter White, der Antiheld der Serie, eine ganze Folge lang eine Fliege durch sein Labor jagt. In den vergangenen Zeiten der Serienindustrie wäre diese darstellerische Ausführlichkeit kaum möglich gewesen, nämlich diesen Ablauf so exlatiert zu zeigen. Heutzutage können solche erzählerischen Sonderformen als ein Element Bestandteil einer Serie sein und damit die Zwanghaftigkeit des Protagonisten angemessen und nachvollziehbar abbilden. Und hier schließt sich der Kreis, indem sich Serienheld und Serienkritiker in einem wesentlichen Punkt treffen.