Archive | Rezensionen

Tags: , , ,

Sarrazin’s Thesen

Posted on 30 August 2010 by Nelly Kratt

Tabu-Bruch. Wer denkt, es gibt heutzutage keine Tabus mehr, irrt. Richtig ernst wird es auf der politischen Bühne. Dort ist streng vorgegeben, was ein bundesdeutscher Politiker und Akteur des „offiziellen Deutschland“ von sich geben darf und was nicht. Thilo Sarrazin – seit letztem Jahr Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank und vorher Finanzsenator in Berlin, ein wichtiger Mann also – hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Es ist ein Sachbuch über den demografischen Wandel und wie der sich perpektivisch wirtschaftlich auswirken könnte. Darin geht es an einigen Stellen um Muslime und ihren laut Sarrazin mangelnden Willen, sich in Deutschland zu integrieren. Das Buch wirft der deutschen Politik vor, dies durch Untätigkeit und Fehlentscheidungen mit zu verursachen. Die Veröffentlichung dieses Buches hat hohe Wellen geschlagen, auch befeuert von Interviews, die Sarrazin dazu gegeben hat. Selten waren sich Politiker aller Coleur einiger, als beim Verriss dieses Buches, dass die meisten gar nicht gelesen haben, das vermutlich auch eher provokant ist als tief schürfend. Es wurde viel geschimpft und Sarrazin persönlich angegriffensachlich auseinandergesetzt haben sich die wenigsten mit dem Buch. Norbert Bolz, ein Kommunikationswissenschaftler, der zu jedem aktuell wichtigen Thema seinen Senf dazugibt, weiß in diesem Gespräch etwas zum Umgang mit dem Buch und dem Autor des Buches zu sagen. Kommentieren.

  • Share/Bookmark

Comments (0)

Tags:

Helge Schneider und Chilly Gonzales

Posted on 05 Juli 2010 by Jessica Ridders

beim Traumzeit Festival Duisburg, 3. Juli 2010

Nachdem Deutschland Argentinien im Viertelfinale mit 4:0 weggeputzt hat, wird Lokalmatador Helge Schneider am gleichen Tag vom Franko-Kanadier Chilly Gonzales zum Klavier-Duell gefordert.
Ein vermutlich einmaliges und ungewöhnliches Ereignis, das man gespannt erwarten durfte.

Der gebürtige sowie Wahl-Mülheimer Helge Schneider bedarf kaum der Vorstellung: Ein umtriebiges Multitalent vom Musiker, Komiker, Film- und Theaterregisseur bis hin zum Buchautor, geschätzt für sein Improvisationstalent nicht nur musikalisch und verbal. Ähnlich bunt mag es der derzeit in Frankreich ansässige Chilly Gonzales, dessen Ausgangspunkt ebenfalls der Jazz ist, den es aber gleichermaßen zu Klassik, Elektro-Pop und HipHop zieht. Zunehmend nicht nur durch seine Alben, sondern auch durch Projekte mit Peaches, Feist und Jane Birkin bekannt. Hier treffen zwei Freigeister aufeinander, die sich nicht festlegen wollen.

HelgeConzales

Foto: Sabine Engels

In der knappen Stunde Auftritt wird nicht immer klar, ob es ein Miteinander oder Gegeneinander ist. Bei der Vorstellung wird dem zahlreich erschienenen Publikum mitgeteilt, Helge würde Chilly mögen, aber Chilly könne Helge nicht leiden. Eine recht offensichtliche Finte. Dennoch agiert der über 20 Jahre jüngere Gonzales als der rebellische Herausforderer und legt eine deutlich aggressive und provokative Attitüde an den Tag. Schneider dagegen bleibt entspannt, spielt meist betont ruhige Parts.
Vielleicht zeigen sich in der Musik tatsächlich nicht nur unterschiedliche Temperamente, sondern auch Positionen: Helge Schneider muss schon lange niemanden mehr etwas beweisen und verspürt auch keine Lust dazu. Er macht in der Regel genau das, wonach ihm der Sinn steht mit minimalen Zugeständnissen an das Publikum. Dagegen scheint Gonzales gezielt den Wettstreit zu suchen, was ein vorangegangenes Klavierduell und seine Songtexte annehmen lassen. Auch sein Bestreben mit über 27 Stunden Klavierspiel den Weltrekord des Dauerkonzerts zu brechen, lassen sich als Wunsch nach Selbstbestätigung auslegen.

An diesem Samstagabend präsentieren sich die beiden Künstler in der wunderschönen Location Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark Nord schon äußerlich sehr verschieden: Helge Schneider trotz Sauna-Temperaturen im Anzug und Chilly Gonzales in einem Outfit, das aus der Ferne an einen Bademantel erinnert. Sie betreten das Spielfeld, und Helge legt mit überzogenem Anspruch vor. Leise stöhnt er hingebungsvoll vor sich hin. Es folgen verschiedene Posen, wobei Helge mit einem auf die Tasten gelegten Fuß den Jerry Lee Lewis nur andeutet, aber nicht ausführt. Eine Weile geht es hin und her, manchmal versucht Chilly mit anhaltenden hingehämmerten Akkorden zu stören. Zweimal haut er aggressiv in die Tasten und springt dabei vom Sitz auf, beim dritten Mal erwidert Helge mit einem höheren Sprung – Chilly antwortet mit dem Mittelfinger. Zwischendurch packt Helge die deutschen Klavierschüler-Schlager „Für Elise“ und die „Mondscheinsonate“ aus. Chilly macht erst mal Pause, deutet „two minutes“ an und geht sich ein dickes Buch holen. Dann setzt er sich auf seinen Klavierhocker und liest. Helge holt sein Handy heraus, erzählt dem imaginären Anrufer: „Bin bei der Arbeit.“

Chilly reagiert, tut so, als hätte auch er ein Handy: „I am on stage with that old German guy. He is 52, should be easy. But … he is famous.“ (genauer Wortlaut unverständlich)

Wie als Signature spielt Chilly “Somewhere over the Rainbow” an, nach einiger Zeit spielt Helge die ersten Noten von „In-A-Gadda-Da-Vida“. Chilly legt mit “Another One Bites The Dust” los, und so jagt ein Zitat das nächste. Zwischendurch visuelle Einlagen und Gags: Chilly wirft sein Glas nach hinten, Helge spielt mit der rechten Hand Pferdchen auf Klavier.
Chilly beginnt zu klatschen und mit den Handflächen auf das Klavier zu hämmern. Helge spielt daraufhin weder lauter noch schneller, sondern baut das Klatschen in den „Ententanz“ ein. Zwischendurch wird ihm langweilig, und schaut zum ersten Mal auf seine Armbanduhr. Dann nimmt er längliches Klavierteil zur Hand, benutzt es zuerst als Krücke, danach als Gewehr und paddelt sich dann über die Bühne, um zuletzt Gitarrenspiel zu imitieren – Chilly begleitet die Geste mit Black Sabbath. Zurück am Klavier spielt Helge wieder ruhig und betulich, Chilly deutet Richtung Helge und zeigt dem Publikum „Wichser“ an, spuckt hinter vorgehaltener Hand verächtlich auf den Boden.
Dann verlässt er auch seinen Hocker und klettert auf den Flügel. Als er dort auf allen Vieren hockt, spielt Helge die bekannte Zirkusmelodie „Einzug der Gladiotaren“ und das Thema von „Laurel & Hardy“ an. Nun stellt Chilly Helge vor und legt eine Rap-Einlage ein.

Es ereignet sich folgender Dialog:
- Chilly: “There are some pretty bitches here, Helge.”
- Helge: “I no understand English.”
- Chilly wiederholt: “There are some pretty bitches here!“
- Helge (leiser): “I fuck them all.”

Chilly gibt abschließend zu: „Ich spreche kein Deutsch, doch das tangiert mich nur peripher.“
Das Publikum wird nach kurzer Verabschiedung mit Händeschütteln und kleiner Boogie-Zugabe in das kühle Sommergewitter entlassen.

Später fragt sich Chilly  bei Twitter, ob er gewonnen habe, er wisse es nicht. Tendenziell war es ein Unentschieden, dem ein Rückspiel folgen sollte.

Links:
http://www.helge-schneider.de/ (offizielle Homepage)
http://www.gonzpiration.com/ (offizielle Homepage)
http://www.dieruhr.de/?q=node/9913 (Ankündigung mit Bild)
http://www.ustream.tv/recorded/1519206 (Ausschnitt aus Chillys Weltrekord)

  • Share/Bookmark

Comments (8)

Tags: , , ,

Lithype: Helene Hegemann und die „Generation Ereignislos“

Posted on 18 Februar 2010 by Ralf Wasselowski

Verfolgungsjagd auf den Jungstar der neuen deutschen Literaturszene: Helene Hegemann steht im Rampenlicht und ist davon geblendet.

Verfolgungsjagd nach dem Jungstar der neuen deutschen Literaturszene: Helene Hegemann steht im Rampenlicht und ist davon geblendet.

Helene Hegemann, eine 17jährige, die mit ihrem Roman „Axolotl“ die Bestsellerlisten stürmt, Continue Reading

  • Share/Bookmark

Comments (1)

Tags: , ,

Neue Übersetzung: Naked Lunch mit William S. Burroughs

Posted on 21 November 2009 by Ralf Wasselowski

Der Roman ist Legende: Thematisch (Drogen, Delirium), schriftstellerisch und technisch (Cut-Up). Naked Lunch hat die Grenzlinie zwischen Handlung und Imagination vollständig aufgelöst.

Der Roman ist Legende: Thematisch (Drogen, Delirium), schriftstellerisch und technisch (Cut-Up). Naked Lunch hat die Grenzlinie zwischen Handlung und Imagination vollständig aufgelöst.

Der Roman ist Legende: Thematisch (Drogen, Delirium), schriftstellerisch und technisch (Cut-Up). Continue Reading

  • Share/Bookmark

Comments (3)

Tags: , , , ,

David Foster Wallace

Posted on 05 November 2009 by Ralf Wasselowski

Die Zukunft der Literatur – der Amerikaner David Foster Wallace, der sich vor über einem Jahr das Leben nahm – ist auch in Deutschland immer noch gut für eine weitere Buch-Veröffentlichung. Hier eine kleine Rezension eines Werkes der Sekundärliteratur als treuer Begleiter des Hauptromans Infinite Jest. Im Video eine Kostprobe von Wallace’ Können. Kommentieren.

  • Share/Bookmark

Comments (0)

Tags: , , , ,

Infinite Jest: Der unendliche Spaß geht weiter

Posted on 05 November 2009 by Ralf Wasselowski

Must the show go on? Der Spaß geht weiter, vielmehr: weiter im Text

Must the show go on? In diesem Fall ja, also weiter im Text.

Ich halte ein schmales Bändchen in Händen, das dem geneigten Leser ergänzend zu Infinite Jest, Continue Reading

  • Share/Bookmark

Comments (4)

Sprache: Deutschland, eine Wortmacht

Posted on 08 Oktober 2009 by Ralf Wasselowski

Brigitte Kronauer: Im Tiefgang der Sprache ist sie die Kapitänin

Brigitte Kronauer: Im Tiefgang der Sprache ist sie die Kapitänin

Möchte man einen Autor als im Besitz der Fähigkeit beschreiben, mit seinem Handwerkszeug – der Sprache, den Worten – Continue Reading

  • Share/Bookmark

Comments (1)

Tags: , ,

Im KoSim killed: Lost in Translation

Posted on 22 September 2009 by Thomas

Wird die virtuelle Welt zur Wirklichkeit?

Wird die virtuelle Welt zur Wirklichkeit?

Kennt Ihr Konfliktsimulations-Spiele? KoSims? Nein? Ihr habt in der realen Welt schon genug Ärger am Hals? Continue Reading

  • Share/Bookmark

Comments (4)

Tags: , ,

Roman “Infinite Jest”: Rezension in der FAZ von heute

Posted on 22 August 2009 by Ralf Wasselowski

David Foster Wallace: Der große Autor im Spiegel der Medien.

David Foster Wallace: Der große Autor im Spiegel der Medien.

Über das neue Buch von David Foster Wallace, das offiziell am 24.08. mit großer Spannung in der deutschen Literaturszene erwartet wird, Continue Reading

  • Share/Bookmark

Comments (8)

Tags: ,

“Inherent Vice”: Thomas Pynchon strikes again

Posted on 31 Juli 2009 by Rolf

Er ist der große Unbekannte, der B. Traven der Litaratur: Thomas Pynchon. Außer Michael Naumann weiß niemand wie er aussieht und was er eigentlich tut, außer babysitten.

Der Schweiger spricht schon wieder. Er ist der große Unbekannte, der B. Traven der Litaratur: Thomas Pynchon. Außer Michael Naumann weiß niemand wie er aussieht und was er eigentlich tut, außer babysitten.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Thomas Pynchon, exzentrischer, notorisch öffentlichkeitsscheuer Autor, legt nach “Gegen den Tag” mit “Inherent Vice” bereits den nächsten Roman vor – und das nach nur 3 Jahren.

Die Gerüchteküche brodelt – wie immer wenn es um Thomas Pynchon geht. So soll sein neuer Roman so zugänglich geschrieben sein, nachdem die letzten beiden “Mason & Dixon” und “Gegen den Tag” dermaßen schwergewichtig und langatmig daherkamen, dass sie als praktisch unverdaulich galten. Eine Verfilmung von Inherent Vice werde geprüft. Von Pynchon aber hatte man inzwischen alles andere als Zugänglichkeit und Kompromisse erwartet.

Der Mann ist ein Mysterium, weil ihn niemand kennt. Die Öffentlichkeit weiß nicht, wie er aussieht, wo er wohnt, wer er ist. Man kennt nur seine Bücher. Die aber sind bekannt. Unter den großen Autoren des postmodernen, intellektuellen Romans ist er eigentlich der einzige, der nichts zu befürchten hat. Er ist eine eigene Kategorie für sich. Unvergleichlich, unnahbar. Die Kritiker haben vor allem seinen letzten Roman teils abgestraft. Es geht trotzdem nie darum, ob er mit einem Werk gescheitert ist, es geht nur darum, inwiefern er seinen eigenen Ansprüchen, die aber niemand kennt und über die  eher Vermutungen anstellt werden, gerecht wird.

Dabei wechselt  der Autor von “Die Enden der Parabel” – das vielen Kritikern als Inbegriff des intellektuellen Komplexitäts-Romanes gilt – zwischen herkömmlicher, verständlicher Darstellung (wie in den Romanen “Die Versteigerung von Nr. 49″ und “Vineland”) und schwer verständlichen Szenarien. Dies wird aber bereits in seinen Kurzgeschichten deutlich, die ebenfalls im Spannungsfeld zwischen herkömmlicher Darstellung und postmodernen Experimenten schwanken.

Auch wenn es bereits einen Versuch von Robert Bramkamp gab, sich auf “Die Enden der Parabel” filmisch zu beziehen – sogar mit Genehmigung Pynchons – wäre eine Verfilmung des psychedelisch angehauchten Detektivstoffes aus “Inherent Vice” eine kleine Sensation. Angeblich sind ja die Filmrechte schon verkauft. Thomas Pynchon ist jetzt 72, wird er am Ende altersmilde?

Alle Fotos und Bilder, die hier exklusiv veröffentlicht werden, können als Poster, auf T-Shirts, oder als Ausdrucke (auch in Großformaten) über uns bezogen werden. Wer Interesse hat, schreibt uns einen Kommentar, später veröffentlichen wir dazu eine E-Mail-Bestelladresse.

  • Share/Bookmark

Comments (2)

Advertise Here

Unsere Fotos auf Flickr

Alle Fotos ansehen

Advertise Here

Der Endoplast-Teufel bittet zur Abstimmung

Welcher Promi soll zur Hölle fahren?

View Results

Loading ... Loading ...

Sarrazin