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Oral History: Mein Leben im Minkowski-Raum

Die Überlieferung tradierten Gedankengutes über die gesprochene Sprache ist ein Stützpfeiler unserer Kultur gewesen.

Sommer. Strahlend heller Sonnenschein. Wir sitzen in einem Café. Gestern auch schon. Vorgestern und den Tag davor ebenso. Wir sitzen unnütz herum. Nutzen den Service, spät frühstücken zu können. Wir versuchen, uns vom beschwerlichen Aufstehen jeden Morgen zu erholen, die Belastungen durch Waschen und Rasieren abzustreifen.

Die Sonne scheint immer weiter. Kaum zu glauben. Eigentlich ist es gar nicht Sommer, aber immerhin Frühling. Trotzdem, ich bleibe dabei, es ist genauso wie im Sommer: Entspannt, einmalig schön. Wenn da nicht diese Stimme wäre.

Die kommt von der Frau am Nebentisch. Mittleres Alter, stumpf-schwarz gefärbte Haare, eine leuchtend rote Jacke. Sie sitzt da mit einer Freundin oder Bekannten oder Kollegin und redet die ganze Zeit. Sie alleine. Das geht seit einer Stunde so, die andere hört zu, nur hin und wieder kopfnickend. Immer wenn sie ansetzt, etwas zu erwidern, wird sie vom nicht enden wollenden Redefluß verbal in die Schranken syntaktisiert: „…wenn ich das noch eben sagen darf…warte mal, nur noch eins…kannst Du Dir das für gleich merken?…“ Wie wir muss sie gezwungenermaßen zuhören.

Die Frau verfolgt uns sozusagen. In jedem Café, in jeder Kneipe auf der ganzen Welt gibt es sie. In wechselnden Daseinsformen. In sich ändernden Outfits scheint sie ein mäandernder Gestaltwandler. Sie ist überall, immer und überall. Eine Frau, die unendlich monologisiert: „…mein Hund hat Hämorrhoiden …wusstest Du, dass Nashörner trotz der Rauheit eine sehr empfindliche Haut haben?…also wenn ich das Geld hätte, würde ich mich auch operieren lassen …ich hätte Architektin werden können, echt, …aber der hat das verhindert…ich habe mir überlegt vor Gericht zu gehen …es hätte aber alles nichts genützt…

Wer war dieser mutige Mann? Wahrscheinlich trägt er ein Hörgerät, das funktioniert aber vielleicht nicht, er war wohl absolut taub, konnte nur noch so tun, als verstünde er. So hat er standgehalten. „…Dann hab ich gesagt…, und er darauf…, das glaubt man nicht, man ist ja zurückhaltend auch …Letztes Jahr im Urlaub, wir ‚´’rein in die Disko …den Laden haben wir aufgemischt …am Ende standen alle auf den Stühlen …Eine Frau muß immer auf ihren eigenen Beinen stehen können, wenn später was passiert…“

Wir hängen träge in unseren Sesseln, trinken den Kaffee und den Tee, kratzen die letzten Brötchenkrümmel zusammen. Den Blick auf den bevorstehenden Tag gerichtet. Wir waren hellwach, als wir dieses Café betreten hatten, wir hatten volles Haar. Im Laufe des Frühstücks sind uns die Haare zum Teil ausgefallen, wir sitzen seit Jahren hier oder woanders, sind alt und müde geworden. Unser Lebensrhythmus ist vorgegeben durch den Erzählrhythmus, der von Nebentischen zu uns dringt. Unmerklich machen wir kleine, kaum wahrnehmbare Bewegungen, die sich an diesem metrischen Tensor orientieren. Selbst unser Herzschlag hat sich dem angpasst und unsere Uhren gehen danach. Wir sind durchdrungen von der Macht der Erzählung. Alle denkbaren Worte und ihren Einsatz in syntaktischen Varianten haben wir schon gehört, haben sie verinnerlicht, sie sind zu einem Verbalbrei mutiert, in dem wir wie in einer Nährlösung schwimmen.

Ich blicke hoch. Die Sonne sticht mir in den Kopf. Die Rechnung kommt.

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