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Dr. Zigian und der Gärtner

SehmannDr. Zigian bekam Besuch von einem Mann, der sehr kurzfristig auf einen Termin gedrängt hatte und sich nicht abweisen ließ. Die Beharrlichkeit des Mannes hatte Eindruck hinterlassen und so bekam er einen Abendtermin, der für Dr. Zigian unüblich war.

Dr. Zigian saß in seinem Besprechungszimmer vor dem großen Kamin, der in Gang gesetzt worden war und hörte das kurzzeitige Prasseln des Feuers. Er konzentrierte sich, weil er vermutete, dass der bevorstehende Termin ihn Kraft kosten würde. Der Besucher war anderthalb Stunden zu früh erschienen und saß seitdem im Warteraum. Als er das Zimmer von Dr. Zigian betrat, gab er diesem schnell die Hand und hatte sich ebenso schnell gesetzt.

Dr. Zigian: Der Regen hört gar nicht mehr auf. Ein dunkler Tag.
Besucher: Aber Sie haben es hier schön gemütlich.
Der Mann sah in das Feuer.
Dr. Zigian: Wärme und Licht bedingen sich im günstigsten Fall.
Dr. Zigian lächelte.
Besucher: Ja.
Dr. Zigian: Ist Ihnen kalt?
Besucher: Nein. Ihr Wartezimmer ist wohlig warm.
Dr. Zigian: Ist Ihnen auch warm ums Herz?
Besucher: Nein.
Dr. Zigian: Warum nicht?
Besucher: Meine Frau…
Der Mann suchte nach Worten.
Dr. Zigian: Wenn Sie an Ihre Frau denken, ist Ihnen nicht warm um’s Herz?
Besucher: Nein. Gar nicht.
Dr. Zigian: Warum nicht?
Besucher: Im eigentlichen Sinne sind wir nicht mehr Mann und Frau. Schon lange nicht mehr.
Dr. Zigian: Was ist dieser eigentliche Sinn zwischen Ihnen?
Besucher: Wir teilen nicht mehr das Bett.
Dr. Zigian: Wie lange nicht?
Besucher: Seit zwei bis drei Jahren nicht.
Dr. Zigian: Können Sie genauer sagen, wie lange?
Der Mann dachte nach. Man sah ihm an, dass er rechnete.
Besucher: Wohl seit etwa 19 Monaten.
Dr. Zigian: Also nicht seit drei Jahren?
Besucher: Nein. Da habe ich mich vertan. Es kam mir länger vor.
Dr. Zigian: Was fehlt Ihnen, wenn sie daran denken, dass Ihnen Ihre Frau nicht nahe ist?
Besucher: Dass ich sie im Arm halten kann.
Dr. Zigian: Dieses Im-Arm-Halten wäre für Sie der Sinn oder ein Sinn der Ehe?
Besucher: Es gehört dazu. Ich brauche es.
Dr. Zigian: Was brauchen Sie genau?
Besucher: Dass ich sie berühren und anfassen kann.
Dr. Zigian: Und dann?
Besucher: Sie wissen schon: Dass Sie mich zu sich läßt.
Dr. Zigian: Warum wollen Sie das?
Der Mann schnaubte.
Besucher: Sind Sie kein Mann?
Dr. Zigian: Vielleicht einer, der etwas anderes will als Sie. Was wollen Sie von Ihrer Frau?
Besucher: Liebe?
Dr. Zigian: Welche Art von Liebe?
Besucher: Auch körperliche Liebe.
Dr. Zigian: Bekommen Sie denn eine andere Art von Liebe von ihr?
Der Mann überlegte. Immer wenn er etwas sagen wollte, musste er nochmal überlegen. Er fand keine Antwort.
Dr. Zigian: Lachen Sie zusammen?
Der Mann überlegte wieder.
Besucher: Nein. Schon ganz lange nicht mehr.
Dr. Zigian: Erzählen Sie sich Ihre Gefühle und Gedanken?
Besucher: Nein, nicht mehr.
Dr. Zigian: Wenn Sie traurig sind, nimmt Ihre Frau Sie in den Arm?
Besucher: Nein.
Dr. Zigian: Und umgekehrt? Wenn Sie traurig ist, nehmen Sie sie in den Arm?
Besucher: Nein.
Dr. Zigian: Gibt es eine andere Frau?
Besucher: Nein. Ja.
Dr. Zigian: Nein oder ja?
Besucher: Es ist eine Frau, der ich Geld gebe.
Dr. Zigian: Wofür?
Besucher: Wofür!? Wofür? Wofür wohl?
Dr. Zigian: Gibt Sie Ihnen Liebe?
Besucher: Ich weiß nicht. Ja. Körperliche.
Dr. Zigian: Ist das Liebe?
Besucher: Selbstverständlich. Körperliche halt.
Dr. Zigian: Nimmt Sie Sie in den Arm?
Besucher: Wie meinen Sie das?
Dr. Zigian: Wenn Sie traurig sind. Wenn Ihnen das Leben mal sinnlos erscheint?
Besucher: Nein, natürlich nicht.
Dr. Zigian: Was ist körperliche Liebe denn für Sie?
Besucher: Um den Druck abzubauen. Der Druck, der in einem ist als Mann. Das Gefühl zu spüren.
Dr. Zigian: Ein Gefühl, das der Körper produziert?
Der Mann nickte und bewegte gleichzeitig den Kopf leicht von links nach rechts und dann wieder umgekehrt.
Dr. Zigian: Aber da ist keine Zuneigung im Spiel?
Besucher: In dem Moment schon. Von meiner Seite. Aber diese Frau macht das als Beruf. Es ist ein Dienst, den sie verrichtet.
Dr. Zigian: Und sie wäre austauschbar? Eine andere, deren Körper Ihnen gefällt, könnte sie ersetzen?
Besucher: Ja. Sicher.
Dr. Zigian: Könnte Ihre Frau von einer anderen ersetzt werden?
Besucher: Früher nicht. Jetzt weiß ich es nicht mehr.
Dr. Zigian: Was zieht sie an der Frau, der Sie Geld für Ihren Körper geben, an?
Besucher: Sie ist jung, ihr Körper ist schön.
Dr. Zigian: Mögen Sie ihr Lachen?
Der Mann stutzte. Er wußte nicht, was er antworten sollte.
Dr. Zigian: Sie kennen es nicht?
Besucher: Nein.
Dr. Zigian: Worüber reden Sie mit ihr?
Besucher: Über gar nichts. Also nicht viel. Wir reden nicht sehr viel.
Dr. Zigian: Mit Gefühl hat es nicht oder nicht viel zu tun, oder?
Besucher: Doch.
Dr. Zigian: Wie ist denn Ihr körperliches Gefühl bei dieser Frau?
Besucher: Gut.
Dr. Zigian: So gut, wie es früher mit Ihrer Frau war?
Der Mann sah plötzlich etwas traurig aus.
Besucher: Nein. Ganz anders.
Dr. Zigian: Wie denn „anders“?
Besucher: Nicht so intensiv und lange. Das Gefühl ist kürzer. Meine Frau kennt mich so gut. Mit meiner Frau war es so sehr gefühlvoll.
Dr. Zigian: Warum ist das Gefühl bei der Frau, die Sie bezahlen, nicht so?
Besucher: Ich weiß es nicht. Es ist ja so begrenzt. Zeitlich begrenzt. Ich bezahle für eine Stunde längstenfalls.
Dr. Zigian: Hat es Ihnen gut gefallen, wenn der Körper Ihrer Frau und Ihr Körper damals zusammen waren?
Besucher: Wie reden Sie?
Eine Zornesfalte hatte sich auf der Stirn und zwischen den Augen des Mannes gebildet.
Dr. Zigian: Ich hätte gedacht, es geht um den Körper…?
Besucher: Es geht auch darum. Aber nicht nur. Meine Frau war meine große Liebe. Sie war immer da, wenn ich Sie gebraucht habe.
Dr. Zigian: Also geht es um mehr als Ihre körperliche Zufriedenheit?
Besucher: Ja, natürlich.
Dr. Zigian: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Körperlichem und der Zuneigung, die Sie für Ihre Frau empfunden haben?
Besucher: Natürlich. Früher waren meine Frau und ich ein richtiges Liebespaar. Es war eine Liebesheirat. Es gab soviel, was wir aneinander gemocht haben.
Dr. Zigian: Und das Körperliche lief ganz von selbst.
Besucher: Ja. Da brauchten wir uns gar keine Gedanken machen. Wir haben uns gerne betrachtet. Unsere Körper waren immer zusammen. Wie wir es waren.
Dr. Zigian: Als Menschen, die sich nicht nur begehren, sondern auch sehr mögen?
Besucher: Ja.
Dr. Zigian: Würden Sie denn sagen, dass Sie Zuneigung und auch Liebe für Ihre Frau empfinden konnten, auch ohne das Körperliche?
Besucher: Der Trieb ist ja da bei jedem Menschen. Den kann ich nicht verleugnen. Aber als unsere Kinder zur Welt kamen und auch als meine Frau krank war, gab es lange Phasen, wo ich verzichten konnte.
Dr. Zigian: Haben Sie sich früher in die Augen geschaut, wenn Ihre Körper Eins wurden?
Besucher: Ja, eigentlich immer.
Der Mann weinte. Dr. Zigian betrachtete ihn, wie er da saß und schluchzte. Der Mann weinte sehr laut. Es war ein Klagen.
Dr. Zigian: Was ist geschehen?
Der Mann brauchte eine Zeit, bis er sich beruhigt hatte. Sein Gesicht tanzte in der Bewegung der Flammen.
Besucher: Das, was wohl jedem irgendwann passiert: Sie war unzufrieden, sie hat gesagt, ich würde sie nicht mehr als Mensch sehen. Sie wollte ihre Ruhe.
Dr. Zigian: Woran hat es gelegen?
Besucher: Ich habe viel drüber nachgedacht. Hatte ja lang genug Zeit, wenn ich allein im Bett gelegen habe. Frauen sind sensibel. Sie merken, wenn man sie nicht mehr jeden Tag aufs Neue erobern kann. Aber welcher Mann kann das? Eine Frau braucht jedesmal taufrische Aufmerksamkeit. Aber wenn man Jahrzehnte jeden Tag zusammen ist, dann geht das nicht. Umgekehrt ja auch nicht.
Dr. Zigian: Was heißt „umgekehrt ja auch nicht“?
Besucher: Dass ich ja auch Aufmerksamkeit brauche, die ich nicht bekomme.
Dr. Zigian: Was fehlt Ihnen über das Körperliche hinaus?
Der Mann schüttelte unwillig den Kopf.
Besucher: Ich kann das nicht trennen. Sehen Sie mal: Ich liege mit meiner Frau auf der Couch, wir unterhalten uns. Ich streichel ihr über die Wange. Sie hält ganz sanft mein Handgelenk umschlossen. Ihre Hand in meiner. Ich habe mich so sehr wohl gefühlt mit ihr. Wir konnten beide miteinander frei sein. Aber wenn wir uns mögen und sich dann unsere Hände berühren, dann spüren wir auch etwas in den Körpern.
Dr. Zigian nickte.
Dr. Zigian: Dann geht es auch um Körperlichkeit. Aber damit die Körper zufrieden miteinander sein können, bedarf es bestimmter Voraussetzungen.
Besucher: Ja.
Dr. Zigian: Was sind das für Voraussetzungen?
Besucher: Es geht im Grunde gar nicht um das körperliche Gefühl. Es geht darum, dass erst etwas da ist, aus dem das hervorkommt.
Dr. Zigian: Dann ist auch das Körpergefühl ein anderes?
Besucher: Ja, genau. Was ich mit meiner Frau empfunden habe, das werde ich nie wieder spüren.
Dr. Zigian: Und diese andere Frau, die eine Dienstleistung an Ihnen verrichtet? Weiß Ihre Frau davon?
Besucher: Ich glaube ja.
Dr. Zigian: Wie fühlt sie sich damit?
Besucher: Ich weiß nicht.
Dr. Zigian: Es wird ihr weh tun, dass Sie es sich woanders holen.
Besucher: Aber sie will es mir nicht geben!
Dr. Zigian: Doch.
Besucher: Doch?
Dr. Zigian: Ja. Aber Sie müssen es ihr ermöglichen, dass Sie es Ihnen geben kann. Eine Blume in der Dunkelheit verkümmert und kann sich nicht öffnen. Hat sie einen anderen Mann?
Besucher: Ich glaube nicht.
Dr. Zigian: Was heißt, Sie „glauben“ es?
Besucher: Es wäre sehr unwahrscheinlich.
Dr. Zigian: Wie würden Sie sich dabei fühlen, wenn es so wäre? Wenn sie ihren Körper einem anderen Mann schenken würde?
Man sah dem Mann an, dass er diesen Gedanken noch nie gedacht hatte. In seinem Gesicht waren Widerwille gepaart mit Überraschung zu sehen.
Besucher: Das wäre das Ende.
Dr. Zigian: Wovon?
Der Mann war sprachlos.
Dr. Zigian: Können Sie sich vorstellen, was sie durchmacht, wenn sie weiß, dass Ihr Körper bei einer anderen seine Funktion verrichtet?
Besucher: Ja.
Dr. Zigian: Dann gehen Sie nicht mehr zu einer anderen Frau. Aus Achtung vor Ihrer Frau.
Der Mann starrte zu Boden und nickte.
Dr. Zigian: Ihr Leben ist ein Beet. Ihre Frau ist eine Pflanze, der Sie täglich Zuneigung zu schenken haben. Wenn sie bekommt, was sie braucht, erblüht sie. Sie erstrahlt in schönen Farben und sie duftet gut. Gehen Sie aus ihrem Leben, wenn Sie diese Zuneigung nicht schenken wollen. Sie haben nichts zu fordern. Sie als Mann werden solange nicht mehr existieren, bis Sie das für Ihre Frau getan haben.
Der Mann zitterte.
Besucher: Aber was kriege ich dafür? Was ist mit mir und dem, was ich brauche?
Dr. Zigian: Sie erblühen zu sehen, ist Ihre Belohnung. Als Mann, der nichts fordert, würden sie Ihrer Frau gemäß leben.
Besucher: Das stimmt nicht. Ein Mann hat zu fordern.
Dr. Zigian: Erst nach einem Hinweis vonseiten der Frau. Ein geduldiger Mann, ist ein starker Mann. Ihre Frau braucht einen starken Mann.
Dr. Zigian hatte sich erhoben, reichte dem Mann zum Abschied lächelnd die Hand und ging zur Tür, die zu seinen Privaträumen führte.
Dr. Zigian wandte sich im Türrahmen stehend noch einmal um und betrachtete seinen Besucher. Der Mann war aufgestanden, hatte bevor er ging ein Holzscheit ergriffen und in das Feuer gelegt und beobachtete dann, wie das Feuer, das im Verlaufe des Gesprächs heruntergebrannt war, wieder aufloderte.

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