Künstliche Intelligenz erkundet die Welt
Manchmal ärgert man sich darüber, wie dumm die KI erscheint, manchmal wundert man sich, wie schlau sie ist. Die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ (KI) hatte als Expertin für Worte angefangen und dann Bilder und Bewegtbild durch Sprache erzeugt. Aber sie war anfänglich wie eingeschlossen in einen dunklen Kasten, weil sie die Welt in ihrer Gesamtheit nicht wahrnehmen konnte – doch das ändert sich zunehmend.

„Wahrnehmung“ ist deshalb eine nicht zu unterschätzende Hürde, weil ein „Large Language Model“ (LLM = großes Sprachmodell) wie ChatGPT über keine Sinne verfügt. Es ist abgeschottet von der Welt. Es ist ein System, das mit Wissen gefüttert wird und selbst Worte nicht aus bewusster Intelligenz aufeinander folgen lässt sondern aufgrund statistischer Methoden. Das heißt: Ein LLM ist eine Vorhersage-Software für die Abfolge von Worten. Sie lässt einem Wort jeweils jenes folgen, das ihr am wahrscheinlichsten gilt.

Eine KI, die nicht zählen kann

Damit das klappt, ist die Grammatik für die jeweilige Sprache implementiert, und die Analyse des Gesamtwortschatzes, von Syntaktik und Semantik, zeigt dem System, was auf der Welt am Wahrscheinlichsten gesagt und geschrieben wird. Das repliziert ein Large Language Model und wirkt so auf den Menschen intelligent. An den simpelsten Fehlern wird aber dann klar, dass Intelligenz im landläufigen Sinne nicht dahinter steckt – etwa, wenn man fragt, wie oft ein bestimmter Buchstabe in einem Wort steckt. Dabei konnte es vorkommen, dass sich die Künstliche Intelligenz verzählt. Eine Aufgabe, die für Menschen eine leichte Übung wäre.

Intelligenz und Weltbedeutung

Doch wenn man sich das menschliche Leben, die menschliche Intelligenz und das menschliche Bewusstsein anschaut, wird klar, dass all das nicht einfach so vom Himmel fällt und erst im Spannungsfeld zwischen Individuum und Welt entsteht. Das heißt: Intelligenz bildet sich in der Auseinandersetzung mit der Welt und mittels Wahrnehmung des das Individuum umgebenden Äußeren, das dann auf das Innere einwirkt. Nur so sind Lernen und Entwicklung möglich und das Heranreifen der individuellen Intelligenz. Ein Mensch, der sich in einem dunklen Raum befände, ohne die Welt wahrnehmen zu können, würde sich nicht entwickeln und verkümmern.

Mensch, Tier und Roboter

An den Bedürfnissen der Kriegsindustrie und denen des selbstfahrenden Autos sieht man beispielsweise, wohin die Reise gehen wird. Zukünftig werden die Large-Language-Modelle vermutlich nicht mehr das Zentrum der KI sein sondern ein Mittel der Anwendung. In den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird die Welterkundung durch Sensorik rücken – zunehmend in Drohnen, in Autos und allgemein in der Robotik. Denn die Möglichkeiten eines Roboters, wie man ihn sich als Laie vorstellt, stehen und fallen nicht nur mit seiner technischen Intelligenz sondern auch durch seine Interaktion mit der Welt. Die wird qualifizierter mit der zunehmenden Ausdifferenzierung von Wahrnehmung, der Verknüpfung der Ergebnisse verschiedenster Sensoren und mit der nicht simulierten sondern realen Bewegung im Raum.

Autonomes Fahren mit Waymo

Die nicht vollständig autonom fahrenden E-Autos von Tesla beispielsweise setzen auf mehrere Kameras, um zu navigieren, die Autos von Waymo, die technologisch fortgeschrittener sind und zur Google-Holding „Alphabet“ gehören, nutzen zusätzlich die sogenannten „Lidar“-Sensoren, die mit Lasern die Umgebung abtasten. Sie nehmen so die Umwelt und die Bewegungen und Veränderungen darin exakter wahr und können dadurch bereits vollständig autonom fahren. Ihr Trumpf ist eine Umgebungs-Wahrnehmung, die zwei Standbeine hat anstatt eines wie bei Tesla.

KI und Welterfahrung

Die weitere Zukunft der Künstlichen Intelligenz läuft auf die Erkundung dreidimensionaler Räume hinaus und damit auf eine engere Verbindung mit der realen, räumlichen Welt und ihren Dimensionierungen. Bei der Robotik etwa im Kriegs-Bereich hat das dramatische Folgen. In der Ukraine sieht man, dass Russland neben all den Menschen, die sterben, auch einen Drohnen-Abnutzungskrieg initiiert hat, bei dem über Erfolg und Misserfolg zunehmend die Exaktheit von Militärtechnologie in der Landschaft als Wahrnehmungsraum entscheidet. Was hier zählt, sind die Potentiale technisch geschaffener Wahrnehmung durch Sensorik. Bei der möglichen Robotik im Haushalt und Privatbereich geht es – beim Saugroboter oder Mähroboter angefangen – ebenfalls um Verhalten und Navigation im Innen- oder Außen-Raum. Die Welt ist dabei für die KI nicht länger nur abstrakt, die Technik ist nun ein Akteur in der Welt.

Natur, Kultur, Tektur?

Ist die menschliche Kultur eine Form und Ausdrucksweise menschlichen Lebens, die sich mitunter extrem weit von der Natur entfernt hat und so bereits etwas Künstliches an sich hat, wird immer intelligentere Technik beides – die tierische Natur und die menschliche Kultur – weitergehend mit etwas Neuem überstülpen, das man als technische Kultur und Verhaltensform „Tektur“ nennen könnte. In der Welt der Zukunft werden sich im Raum des Lebens nicht nur wie bisher Mensch, Tier und Pflanze begegnen und miteinander interagieren sondern auch technische Entitäten. Sie werden die Welt verstärkt als Erkundungsraum nutzen – und ihn dadurch fast zwangsläufig verändern.

Die wirkliche Intelligenz

Könnte eine KI wirklich intelligent werden, müsste sie mit der realen Welt zunehmend realer interagieren, indem sie als Akteur in der Welt handelt und sich so mit ihr auseinandersetzt. Ansonsten bliebe sie eine „KD“, eine künstliche Dummheit, die ihre Intelligenz nur simuliert und weiterhin durch ihre Virtualität und mangelnde Welterfahrung begrenzt wäre. Secondhand-Erfahrungen würden dann durch Erfahrungen aus erster Hand ersetzt werden, wodurch tatsächliche Relevanz und Sinnhaftigkeit mit Weltbezug entstünden. Ebenso würde die Welt, wie sie der KI geläufig ist, nicht mehr modellhaft dimensionslos erscheinen sondern als ein 3D-Bewegungsraum: Ein Raum der Möglichkeiten und der Entfaltung für eine technische Entität, bei der man nicht weiß, wie man ihr die Begriffe „Leben“ und „Bewusstsein“ zuordnen sollte.