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Kulturhauptstadt 2010: Der Ruhr-Fiasko-Express

Eine Zugfahrt, die ist lustig und kulturell erheiternd.

Verdammte Scheiße. Was soll das hier sein? Es ist Freitag Morgen, 2:15 Uhr. Ich sitze im InterCity von Mülheim nach Dortmund. Ein verdammter Zombie-Express. Ich taste mich entlang der Haltegriffe an den Sitzen durch den Großraumwagen. Überall Menschen mit extrem bleichen oder über die Maßen roten Gesichtern, soweit man sehen kann mit äußerst geweiteten oder aber verengten Pupillen.

Ich bin in einem Zustand größter Orientierungslosigkeit, bin kurz davor, die komplette Fassung zu verlieren. Der Anblick, der sich mir bietet, läßt mich endogen-parkinsonmäßig schüttelzittern. Beim Weitergehen bemerke ich den säuerlichen, zum Teil alkoholischen Geruch. Am schlimmsten ist es im 1.-Klasse-Waggon – bei den Geschäftsleuten. Ein Geisterzug. Fast alle schlafen, sehen aus wie schockgefroren. Was soll der Scheiß? Ist das „Versteckte Kamera“ oder was? Meint das irgendeiner ernst?

Das kann nicht sein. Ein Fiasko mobilé.
Ich bekomme einen paranoiatischen unter-Null-Schweißausbruch. Die Schaffnerin fixiert mich streng. Ihre Augen sind rot gerändert, als hätte sie den Kajalstift ihrer fünfjährigem Tochter aus dem Spielekasten unsachgemäß benutzt. Sie ist sehr klein, ihre starr-gefrosteten Augäpfel liegen in dunklen, unendlich tiefen Augenhöhlen, die auf den neutralen Beobachter wie langgestreckte Tunnel wirken. Ihr Blick kommt – als ich mich wie ein getretener auf Erniedrigungen abonnierter Hund an ihr vorbeidrücke – einer unausgesprochenen, unabänderlichen und mein ganzes Leben betreffenden Anklage gleich. Sie hat eine ungewöhnlich krumme Nase, deren Bogenwinklung ich als einen stummen Befehl ansehe, in einer bestimmten Richtung weiterzugehen.

Im nächsten Waggon.
Ein Mann mit einem notdürftig zu einem Bällchen zusammengedrückten Tempotuchfetzen im linken Nasenloch. Ich blicke krampfhaft zur anderen Seite, als ich an ihm vorbeigehen muß. Die meisten liegen zusammengesunken und zur Seite gekippt auf ihren Sitzen, sodass sie zwei Plätze belegen. Ich höre tastend-gedämpfte Schritte hinter mir, traue mich aber nicht, mich in meinem Zustand größtmöglicher endotropher Angsterstarrung umzusehen. Die nun folgende Panikattacke verstohlen weglächelnd, verdränge und ignoriere ich jeden denkbaren Aspekt der Wirklichkeit vollständig. Es ist in diesem Moment, als ginge ich eine unverrückbare festaggregatorische Verbindung mit dem Fußboden ein, der mich als schwere Eisenfigur mit seinem Hyper-Magnetismus festhält. Da ich der einzige wache Fahrgast im ganzen Zug zu sein scheine, wird es schon die Schaffnerin sein, die mich verfolgt. Sie hat es auf mich abgesehen. Sie wird mich gleich mit der schneidigen Stimme einer SS-Offizierin nach meinen Papieren – in diesem Falle nach meinem Fahrausweis – fragen. Ich werde dabei bemüht sein, nicht in ihr Gesicht zu sehen. Wegen der außerordentlichen Winkelung ihrer schräg-gekrümmten Nase. Ich beschleunige meine Schritte in meiner Wahrnehmung unmerklich, immer noch, ohne mich umzublicken. Tatsächlich nordicwalke ich – mich unterstützende Laufstöcke imaginierend, die aber gar nicht vorhanden sind und meine Bewegungen absurd erscheinen lassen – im Stechschritt wie ein aufgezogenes Blechspielzeug weiter.

Da sind viele ältere Frauen mit Mützen oder gebundenen Kopftüchern.
Eine richtet sich mit geschlossenen Augen, schläfrig und wie in Zeitlupe, auf, um ihre unbequeme Position zu ändern. Sie hat mit dem Gesicht auf der Lehne gelegen, das sieht man an der Druckstelle, die narbengleich quer über ihre rechte Gesichtshälfte verläuft. Sie sieht so vollständig entmenschlicht aus, geradezu dermaßen entäußert, dass ich es nicht glauben kann. Ich schiebe einen gepflegten zur Frontalspiegelung gewetzten Horror meiner kruden Perönlichkeit. Rechts eine Frau mit starrem, weißem Gesicht, die die ganze Zeit mechanisch ißt. Sie macht dabei Kaubewegungen wie ein Nußknacker. Ich stelle mir vor, der Zug wäre noch dampfbetrieben, man würde den typischen dampfend-rhythmischen Geräuschlärm des Antriebs hören. Die Frau äße in diesen Rhythmus einfallend mit, immer weiter, immer weiter. Die Rythmik ihres Kauens und die des Zuges verschmölzen zu einem Gesamtorganismus, der mich die Stringtheorie endlich verstehen ließe.

Draußen, im Vorbeifahren.
Verzerrt, ein Schild, unscharf, oszillierend, tausende Reflexe und Spiegelungen zurückwerfend, so als imitierte eine 12er-Gruppe aus Brummkreiseln vergeblich ein lautloses Stockhausen-Balett. Ich lese auf dem vorbeifliegenden Schild „Kulturhauptstadt Ruhr 2010“. Es ist mehr eine Ahnung als dass ich es tatsächlich hätte lesen können. Ich werde aus der gedehnten, kontinuumsmäßig verzerrten Perspektive schwankender Gedankenkonstrukte der Situation gewahr, eile immer schneller mit einem Gefühl als drehte ich mich um mich selbst an verschmiert-geschminkten Gesichtern vorbei – verfolgt von einem Zwerg mit geraden, völlig parallel verlaufenden Stummelbeinchen und einer irgendwie sehr krummen Nase.

Wochenende im Ruhrgebiet.
Ein Melting-Pot, in dem die Gedanken zu einem Süppchen mit Buchstabennudeln, die so unendlich klein sind, dass sie nicht mehr real zu existieren scheinen, verkochen. Sie bilden anstatt dessen nur noch Aufenthaltswahrscheinlichkeiten innerhalb einer in jeder Hinsicht zwar vollständig festgelegten aber endlos unscharfen Gesamtrelation. Egal, it’s culture-time.

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