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Philosophie der mobilitätsblasierten Naturkatastrophen: Die Ölpest als Zivilisations-Krankheit

Die Ölpest an der amerikanischen Küste erschüttert die Welt. Es handelt sich um einen der größten Industrie-Unfälle aller Zeiten in einer an Unfällen, Terroranschlägen, Naturkatstrophen und sonstigen Quälereien nicht gerade armen Zeit. Die eigentliche Ölpest jedoch ist etwas anderes als die jetzige Katastrophe. Die eigentliche Ölpest ist eine Krankheit, die die gesamte Menschheit seit über 100 Jahren befallen hat.

Die alte Krankheit „Öl-Pest“
Die Ölpest ist eine alte Industriekrankheit, die alle großen Gesellschaften in die Kniee zwingt. Es ist ein kerosinsuchterzeugendes Mobilitätsvirus, ein dem menschlichen Krone-der-Schöpfungs-Größenwahn Vorschub leistendes Quasilebewesen, das die Menschheit durchdrungen hat, das sie sich einverleibt, die verdaut und wieder ausgespieen hat. Denn um Mobilität sicherzustellen, sind riesige Energieaufwendungen nötig, die die Welt zerstören und den Großteil der Erdbevölkerung als Energiesklaven in einer bizarr-vorindustriellen Leibeigenschaft unter der mikrovirulent-oxidativen Knute der Industriestaaten belassen, was Millionen Menschen das Leben kostet. Nur damit wir – anstatt mal die Fettmassen hochzuwuchten und die 12 Meterchen zum Kiosk zu Fuß zu laufen, um einfach nur die Zeitung und ein paar Brötchen zu holen – jede noch so lächerliche Distanz mit dem Auto zurücklegen können. Nutznießer sind auch Geschäftsleute, die von Europa nach Amerika oder von Asien nach Australien fliegen, interkulturelle und interkontinentale Handelsbeziehungen, um dabei die Luft, die sie und ihre Kinder inhalieren mit karzinomen Stoffen versetzen zu können – so als stünde am Ende jeder Wertschöpfungskette unweigerlich und unabwendbar der Ausstoss toxischer Substanzen, um sicherzustellen, dass unterm Strich nie etwas Positiv-Gesundes stehen kann. Letztlich zahlt in jedem Falle das langsam kollabierende Gesundheitssystem die Zeche, sofern es überhaupt irgendwo vorhanden sein sollte.

Wer löffelt die Ursuppe aus?
Erdöl ist übrigens eine Ursuppe aus verstorbenem urzeitlichen Meeresgetier. Immer wenn ein Mensch einen Tankdeckel aufklappt und den Zapfhahn den Einfüllstutzen penetrieren läßt, atmet das Auto den Odem des Todes ein – man könnte unter anderen Umständen auch menschliches Blut einfüllen, wäre es nur Jahrmillionen Jahre alt und unter hohem Druck geronnen. Und unter Druck geraten ist bereits die gesamte Menschheit, offenbar aber ohne zu realisieren, wie hoffnungslos aussichtslos es tatsächlich schon um sie bestellt ist.

Größenwahn als Rolle rückwärts im Öl-Film
Der Siegeszug der benzingeschwängerten größenwahnsinnigen Mobilitätsphantasie der konstruktiven Ingenieurskunst geht aber noch weiter. Jedes Jahr werden weltweit ‘zigtausende Menschen Opfer von Autounfällen. Unter dieser Gesamtmenge an geschundenen, über- und plattgefahrenen Körpern ist eine Gruppe eine für den Verursacher besonders dankbare weil leiche Beute: Die Kinder. Kinder sind das eigentliche Beuteschema aller Automarken, weil Kinder es an Wahrnehmungs-, Koordinations- und damit an Mobilitätswillen mangeln lassen. Wer also nicht ein imaginäres neurotisch-mobilistisches Überwesen aufbaut und es anstelle seiner selbst auf dem Fahrersitz mitfahren läßt, hat es offenbar nicht verdient, länger auf dieser Welt zu weilen.

Regressive Selbstverleugnung durch Ölbäder
Autofahrer können im Geschwindigkeitsrausch sich selbst oder größere Distanzen überwinden. Doch ganz einerlei, ob die zurückgelegte Distanz groß oder klein ist. Die Distanz, die wirklich zählt, weil sie nicht messbar ist und sich so nicht der menschlichen Wahrnehmung offenbart, ist die Distanz zwischen dem Menschen mit seinem Selbst und der Geschwindigkeit, mit der er sich von diesem Selbst entfernfremdelt. Das Auto als hoch komplexe Befremdungsmaschinerie, für die es nur vorbeirauschende Ersatzwirklichkeiten gibt, in Öl getränkt, mit Fett geschmiert im Octantakt als wild hämmernde Höllenmaschine feuernd.

Geschichten des Öls
Die Erdölindustrie ist noch nicht ganz ein Jahrhundert alt. Seit der Patentanmeldung der Kerosin-Herstellung 1855 hat sie das gesamte Industriezeitalter von der vergleichsweise simplen Mechanik der ersten Automobile in den 1920er-Jahren, über die Elektronik bis hin zum metamorphorischen Überschwappen der alten Technologien ins digitale Zeitalter begleitet und es in den Gestank seines nekrotischen Atems getaucht, es dazu gebracht, zähes, dunkles Totenblut in stählernen Kompressions-Bewegungskammern zu verfeuern. Dabei wird Öl, das ja auch als natürliches Vorkommen den Drang an die Erd-Oberfläche hat, seit Zehntausenden von Jahren als Stoff für‘s Schmieren und Abdichten genutzt. Später war es als Kerosin ein Mittel der modernen Gesellschaft, durch einen oxidativen Verbrennungsprozess im Inneren von Lampen, Licht zu erzeugen und blendend strahlen zu lassen.

Öl und Plastik: Die teuflischen Zwillinge
Kein anderer Stoff ist so essenziell für die moderne (Industrie)Gesellschaft wie Öl. Geschmiert werden nicht nur Achsen, Radlager oder Zylinder, wie geschmiert laufen auch die Geschäfte mit dem Öl. Auch deshalb ist es die schlimmste Geissel alles Lebendigen geworden. Aber nicht nur das, Öl ist ebenfalls ein notwendiger, gar unverzichtbarer oder sogar das Produkt erst ermöglichender bzw. es bedingender Bestandteil von Kunststoffen und Lacken geworden. Kunststoff wiederum ist die zweite Geissel der Menschheit. Wenn das Öl uns nicht direkt killt – den Kunststoffen wird das auf jeden Fall gelingen. Zwischen 2000 und 2007 wurden der Erdkruste ca. 70.000.000.000.000 (70 Billionen) Liter Öl entrissen, zu weichmacherdurchtränktem Krebserzeuger-Plastik zu lungenverätzenden und Augen strafenden Lacken, zu todbringenden Mobilitätsgaranten, zu fliegenden Bomben – „Flug-Zeuge“ genannt – umfunktioniert. Die Mobilität hat noch vieles Andere befördert, den heuschreckenartigen Tourismus, der einst stolze Küstenregionen und malerische Landschaften in bittere Lachnummern verwandelt oder das Ende der Gastfreundschaft eingeläutet hat.

Crack und Öl: Der direkte Zusammenhang
Die Industrie hat für einen bestimmten Teil der natürlichen Synthese des Öls – wenn nämlich unter hohem Druck und hohen Temperaturen der langkettige Kohlenwasserstoff sich in kurzkettigen verwandelt – einen Namen, dessen Symbolgehalt Bände spricht: „Cracken“ heißt das. Wohl, weil sich die Industriegesellschaft wie ein hohlwangiger Crackabhängiger, wie ein schwerst dem Alkohl Anheimgefallener verhält. Auch deshalb ist es nicht nur die aktuelle so genannte Ölpest, die die Welt bedroht. Sie ist lediglich ein Auswuchs einer viel grundlegenderen Krankheit, die die Erde auszehrt.

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