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Kurzgeschichte: GeliebteskaltesHerz

Liebesgefühl
1. Geliebte

Wie ich Worte für das Geschehene finden soll, das weiß ich nicht. Alles, was ich im Augenblick weiß, ist, dass ich es versuchen muss. Ich muss Worte dafür finden, um meinem Geist, die Erlaubnis zu erteilen, dass er verstehen darf, was passiert ist und was er lange davor schon zu erahnen begonnen hat, als er die Anfänge davon erfühlt und deshalb aus Angst zur Seite geschoben hat. Ich kann ihm seine Hilflosigkeit nicht verübeln. Und ich muss Worte dafür finden, damit mein Atem weitergeht und ich es schaffe, es einfach nur auszuhalten. Und ich muss mich warm halten mit den Worten. Denn mir ist kalt.

Am besten fange ich mit dem an, an das ich mich wohl für immer erinnern werde, als sei es gestern gewesen. Deine Unbeirrbarkeit, irgendwann mal hattest du sie Ärmlichkeit genannt, das weiß ich noch, denn ich hatte damals noch nicht verstanden, was genau du damit meintest, war in diesem Moment bereits eingetreten, hatte dich ausgefüllt und das Tor fest hinter sich verschlossen. Wenn du meine Finger berühren würdest, dann würdest du die Abdrücke erspüren können, die sich dort in der Haut abzeichnen, und die die Gitterstäbe hinterlassen haben. Glaube, Liebe, Hoffnung, aber ich halte meine Hand schon lange zu einer Faust gekrümmt. Denn darum ging es dir ja, das genau nicht zu tun oder weniger zu tun, so sagtest du immer. Weil es zu viel sei für dich.

Du bist ins Badezimmer gekommen. Ich bin gerade vor dem Waschbecken gestanden und habe Zähne geputzt. Die Tür war nicht abgeschlossen, wir haben nie die Türe abgeschlossen und es war okay, dass du einfach hereingekommen bist, es war immer okay, wenn du das gemacht hast. Für einen Moment hast du dich hinter mich gestellt, hast deine Hand auf meine Schulter gelegt und dann hast du langsam über meinen Rücken gestrichen. Deine Hand war leicht und deine Berührung war so zart, noch immer spürt meine Haut diese Liebkosung, sie ist der Weg, den du auf mir hinterlassen hast. Mit meinem freien Arm hab ich dich an mich herangezogen, du hast gelächelt, deinen Kopf an mich gelehnt, kurz nur, und dann hast du dich losgemacht, hast dich herausgewunden aus meiner Umarmung.

Rückblickend denke ich, dass du da bereits weg warst. Aber ich war es nicht und auch jetzt bin ich noch immer da. Dass ich es damals anders empfunden habe, das war frommes Wunschdenken, das zumindest rede ich mir ein, aber sicher bin ich mir nicht. Es durchdringt mich. Jeder von uns wird von etwas anderem zermartert, wenn wir es zulassen. Jedenfalls, nachdem ich meine Zähne zu Ende geputzt hatte, bin ich einfach weiter da gestanden. Mein Kopf wusste es ja, aber er wollte es auch sehen, einfach irgendwie dabei sein, wollte Bilder abspeichern, die ich später würde abrufen können, in Momenten, in denen es schlimm sein würde.

Der Spiegel vor mir hat mir gezeigt, wie du das Wasser angestellt hast. An der Stellung des Hebels hab‘ ich gesehen, dass er auf kalt stand. Ab da wusste ich, dass es begonnen hatte, gewöhnlich hast du heiß geduscht, so heiß, dass deine Haut so rot wurde, als hättest du dich nackt in einem Brennnesselfeld gewälzt oder aber als hättest du dein Innerstes nach außen gestülpt. Ich habe gehört, wie das Wasser auf deinen Körper geklatscht ist, ich habe die Tropfen gehört, wie sie einzeln von deinen Haaren, deinen Schultern, deiner Brust getropft sind, als du den Strahl schon lange abgestellt hattest und einfach dagestanden bist. Durch die angelaufene Scheibe der Duschwand habe ich gesehen, wie sich deine Gestalt zusammengezogen hat und wie du zu zittern begonnen hast. Du wollest das vorwegnehmen, hattest du mir erklärt und sie hatten dir versprochen, dass du das auf diese Art und Weise würdest machen können. Damit es dann, wenn es so weit sein würde, einfacher wäre. „Ich hab schon genug gefiebert“, hattest du im Gespräch gesagt. Ich war dabei, als du das sagtest, ich hatte dich begleitet, weil du es so gewollt hattest. Wie lange wir so dagestanden sind, das kann ich heute nicht mehr abschätzen, du tropfend in der Dusche, ich vor dem Spiegel, abwartend.

Irgendwann hat deine Stimme zu mir gesagt:“Geh raus, bitte“. Ich hab mich zu dir umgedreht, hab meine Hand an die Glasscheibe gedrückt, du hast deine Hand von innen dagegen gehalten. Es hat geknackt. Ganz so als wenn man über einen zugefrorenen See läuft, dessen Eisfläche Spannung abgibt, wenn man sie betritt und sich lange haarnadelfeine Risse in seinem Innersten bilden. Ich hab es nicht ausgehalten, ich musste meine Hand zurückziehen, obwohl ich es nicht wollte.

Dann hab ich mich umgedreht und bin hinausgegangen, ich hatte es dir versprochen, dass ich alles machen würde, was von meiner Seite aus zu tun sein würde, damit alles glatt gehen und es zu keinen Komplikationen oder Verzögerungen kommen würde. Ich hab mich in den Flur gesetzt, auf diesen Stuhl, den du so magst. Diesen Stuhl, den wir zusammen auf einem Flohmarkt gekauft hatten und den du auf deinem Rad heim transportiert hattest und der dir dabei dreimal runtergefallen war. Im Sommer hattest du ihn auf der Terrasse grün angestrichen. Tagelang hattest du auf deinen Füßen grüne Sommersprossen, weil du barfuß dabei gewesen warst und einen alten Pinsel benutzt hattest, dessen Borsten schon störrisch und hart geworden waren und die, wenn du sie mit viel zu viel Farbe auf das Holz gedrückt hattest grünen Sprühnebel verpuffen ließen. Das alte zerschlissene Polster hattest du dann mit diesem kitschigen Streublümchenstoff neu bezogen. Es sei dein Fühlmichstuhl, so hattest du zu ihm gesagt. Und immer wenn du darauf gesessen bist, hattest du einen ganz besonderen Gesichtsausdruck. Hättest du das Ganze nicht wenigstens wegen dieses Stuhls sein lassen können, wäre nicht er das wert gewesen?. Er hätte es dir abnehmen können, alles. Er hat so viel von dir.

Als du aus dem Badezimmer gekommen bist, hast du so wunderschön ausgesehen, dass ich Tränen in die Augen bekommen habe. Ich hab es dir gesagt, ich hab dir gesagt, wie schön ich dich finde, dein Körper hat gestrahlt, deine Haut war weiß, unendlich weich, ich wollte dich berühren, mit dir schlafen, in dir sein, dir nah sein, um dich sein, alles sein. Ich wollte dir zeigen, dass es aufhören kann und dass es gut ist. Aber du hattest schon in einen anderen Modus geschaltet und als ich meinen Mund auf deine Schulter gedrückt habe, habe ich die beginnende Klammheit gespürt, die sich schon auf dich gesetzt hatte.
Ok, das war unsere Abmachung, du darfst das tun. Und doch war es alleine deine Entscheidung gewesen.

Dann sind wir gegangen, schließlich hatten wir ja noch eine weite Fahrt vor uns. Du bist gefahren, die ganze Strecke. Es war Morgen, als wir ankamen. Ein silbern schimmerndes Gebäude auf einem riesigen gekiesten Grundstück, dahinter ein Park, Bänke, für die Mitarbeiter vielleicht, vielleicht auch für die Menschen, die hierherkamen, ich weiß es nicht, ich hatte mir vorgenommen danach zu fragen, aber dann vergessen und eigentlich ist es auch egal. Jedenfalls hat es keinen furchteinflößnden Eindruck gemacht, das hatte es schon bei unserem ersten Besuch nicht. Wir sind ausgestiegen. Du bist um das Auto herumgelaufen, hast mir den Schlüssel in meine Hosentasche geschoben, mich angeschaut mit deinem komischen Blick, mich in den Bauch gepiekst, dann hast du gegrinst, so wie kleine Kinder das tun, wenn sie an Nikolaus vor die Haustüre laufen und ein kleines Säckchen mit Mandarinen und Nüssen in ihren Schuhen finden.
Und dann hab ich es doch getan und du hast dich nicht gewehrt, ich hab dich zu mir hergezogen und ich hab dich geküsst, lange, du hast deine Fingerspitzen an meine Wange gelehnt und du hast die Augen geschlossen, das konnte ich sehen, weil ich meine Augen nicht geschlossen hatte. Ich brauche Bilder, viele Bilder davon, damit ich es irgendwann vielleicht verstehe.

Offenbar hatte man uns schon erwartet und durch irgendeine der vielen auf dem Parkplatz angebrachten Überwachungskameras entdeckt, denn als wir auf das Eingangsportal zuliefen, öffnete es sich von allein. Dieses Mal mussten wir nicht klingeln, auf dich wartete man. In dieser ganzen Zeit hast du mir keine einzige Frage gestellt, ich hätte Antworten gehabt, nicht auf alles, aber auf manches.

Dieser Mann kam direkt auf uns zu, schüttelte dir die Hand, hielt sie sogar kurz mit seinen beiden Händen umschlosssen, dann strich er dir eine Haarsträhne von der Stirn und tastete mit seinen Handinnenflächen über dein Gesicht, forschend krochen seine Fingerspitzen über deine Wangen. Ich fand es widerlich. Er fand, was was er suchte, denn er nickte dir zu und sagte: “Sie haben also alles gemacht, wie besprochen, das ist gut, das wird es einfacher machen und kürzer, vor allem für Sie.“ Dann erst begrüßte er mich, sah mich prüfend dabei an, versuchte meinen Gemütszustand zu lesen, wollte herausfinden, ob ich eine Gefahr sein würde für das hier und ob er Vorkehrungen treffen müsse. Ich konnte sehen, dass er sich nicht sicher war, aber du warst dir sicher.

Langsam folgten wir ihm, nein, eigentlich war ich es, der euch schleppend folgte, du hattest deinen Schritt an seinen angepasst. Zwischen uns wurde der Abstand größer. Ihr unterhieltet euch. Als ihr in den Fahrstuhl hinein gingt, musste ich meinen Fuß in die sich schließende Schiebetüre quetschen, sonst hättest du mich schon dort verloren. Wie erschreckt du mich angeschaut hast, als auch dir das klar wurde. Schnell legte er seinen Arm väterlich um deine Taille, drehte dich von mir weg. Ich lehnte mich in die Ecke, sah dein Gesicht im Spiegel, der auf der einen Seite der Fahrstuhlwand angebracht war, aber festhalten konnte ich deinen Blick nicht. Das Brummen des abgebremsten Falls übertrug sich auf meinen Rücken und von dort in meinen Kopf. Ein paar Stockwerke tiefer entließ uns der Fahrstuhl wieder in eine nur vermeintliche Freiheit. Er schickte ihn zurück nach oben und dann drehte er den neben dem Schacht angebrachten roten Schalter um. Es ertönte eine Hupe, und ich bin mir auch heute noch sicher, dass in jedem Gang und in jedem Raum des Gebäudes dieses Hupen zu hören war, nicht nur hier unten. Es wurde überall hingetragen, hielt sich an den Wänden fest. Wieder gingen wir einen fast endlosen Gang entlang, es roch nach Ammoniak. Mit einem kleinen Wink seiner rechten Hand dirigierte er uns in den Raum auf der linken Seite. Die schwere Stahltüre fiel hinter mir ins Schloß, irgendjemand schob den Riegel nach oben.

Mir blieb die Luft weg. Alles war so, wie er es uns gesagt und dir dann auch nochmal geschrieben hatte, ich hatte die Mail gelesen, du hattest sie dir offenbar ausgedruckt und dann im Drucker liegen lassen. Vielleicht aus Absicht, mehr für mich, als für dich, damit auch ich vorbereitet sein würde, du warst es ja ohnehin schon, warst mit jedem Detail vertraut und mit jeder dieser Einzelheiten einverstanden. Da du es mir freigestellt hattest, ob ich dabei sein wollte oder nicht, also ob ich alles sehen wollte, immerhin das hattest du nicht alleine entschieden, setzte ich mich in den Sessel, der mir die weitmöglichste Entfernung bot. Stehen wäre keine Option gewesen. Ich ließ mich hinein fallen, drückte meine Oberschenkel auf den Sitz, legte meine Hände auf meine Knie. Die flauschigen Kissen mussten beheizt gewesen sein, um mich zu schützen, sie glühten, hielten mich am Leben. Ich spürte, wie meine Handgelenke anfingen zu zittern, wie sich die Haare auf meinem Unteram aufstellten, ich lehnte meinen Kopf an die Lehne. Eine Frau trat heran, sagte irgendwas zu mir, ich weiß nicht mehr was, wusste es nie, es war nicht wichtig in diesem Moment, sie setzte mir einen Kopfhörer auf und platzierte eine Klemme auf meiner Nase. Mit einem Mal war der beißende Geruch ausgesperrt, er jedoch war in mir, als sie sich umdrehte, nahm ich sie wieder ab, hielt sie zwischen meinen Fingern und spannte sie auf und zu, auf und zu, auf und zu. Der Geruch kam zurück und genau das wollte ich. Meine Lunge begann zu brennen, blähte sich auf. In meinem Gehirn spürte ich den Druck, der sich in einem Rohr aufgebaut hatte und versuchte dessen Wände zu zerquetschen. Es kam aus der Wand, verlief quer über die Decke und endete schließlich in einem großen runden Behälter über dir. Ich konnte den Windzug eines Ventilators spüren, der sich zu drehen begonnen hatte. Die Luft begann zu klirren. Wieder kam diese Frau, dieses Mal breitete sie eine Decke über mich. Die Ecken stopfte sie hinter meinem Rücken fest, wickelte meine Füße ein. Sie zeigte auf meine Nase, ich schüttelte den Kopf. Sie sollte mich verdammt noch mal damit in Ruhe lassen. Mein Körper schlotterte, ich konnte mich in meiner sitzenden Haltung kaum mehr aufrecht halten. Dann ging alles ganz schnell.

Als ich an dich herantrat, da war es schon vorangeschritten, die Maske, die sie dir zuvor über das Gesicht gestülpt und mit einem dicken Gummiband hinter deinem Kopf befestigt hatten, hatten sie dir schon wieder abgenommen. Um deinen Brustkorb war eine metallener Reif eisiger Rippen. Seelenloser Dampf stieg auf, der Sauerstoff an der Decke perlte und bildete Zapfen aus. Auch alles andere hatten sie schon wieder entfernt.

Ganz ruhig bist du dagelegen, deine Brust hob und senkte sich ganz leicht, das konnte ich sehen, die Bewegung war gleichmäßig, dein Atem verteilte sich durch deinen ganzen Körper, ich sah wie er weitertransportiert wurde. So gerne habe ich dich immer angesehen, wenn du geschlafen hast, meist strömte der Hauch stoßweise durch dich, blieb stehen bevor er weiterschritt und warf dich hin und her, mit einer Kraft, die kaum zuließ, dass ich dich in den Armen hielt. So ruhig wie jetzt hatte ich ihn noch nie gesehen.

Es schien also zu funktionieren, sie hatten nicht zu viel versprochen. Die Frau schob mir einen Stuhl heran, drückte mich hinunter, ich legte meinen Kopf neben dich. Jemand sagte: „Lassen sie ihn ruhig“, die Frau tätschelte mir die Schulter, als sie bemerkte, dass sie ihre Handschuhe noch trug, zog sie sie aus, beließ es dann aber dabei.

Seitdem komme ich oft hierher, ich hab mich beurlauben lassen, auf unbestimmte Zeit. Wie lange es dauern würde, das konnten sie mir nicht sagen, sie würden Tests machen jeden Tag, um den Fortschritt zu überprüfen und um den Zeitraum so kurz wie möglich zu halten. Was für Tests, daraus machten sie ein Geheimnis und so fragte ich erst gar nicht danach, es würde ohnehin nichts ändern. Manchmal öffnest du deine Augen und wir sehen uns an, fallen ineinander, du lächelst meist, deine Iris ist ein wenig heller geworden, vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein, deine Lippen bewegen sich nicht. Das brauchen sie auch nicht, ich kann es auch so sehen, du musst mir nichts sagen. Sie haben ganze Arbeit geleistet, die sind Experten hier, die besten.

Ein paar Mal hab ich versucht, die Hand nach dir auszustrecken, um den Bogen deiner Lippen nachzuzeichnen, das Pulsieren deiner Ader am Hals zu fühlen, die Wärme deines Bauches, aber es geht nicht mehr. Ich kann dich nicht mit dir selbst betrügen, das schaff ich nicht.

2. Kalt

Immer mal wieder, naja, sagen wir mal eigentlich sogar recht häufig, kommen Menschen mit eigenartigen Vorstellungen oder Wünschen zu uns. Wir sind hier neutral, wir beraten diese Menschen, wir klären auf, wir sagen, was möglich ist und wie wir die Erfolgschancen sehen. Wir versuchen nicht sie zu beeinflussen oder sie zu irgendetwas zu überreden oder ihnen gar etwas auszureden. Wir akzeptieren diese Menschen, wir akzeptieren, was sie wollen und wir wollen ihnen helfen. Darin sehen wir unsere Aufgabe. Wir stellen ihnen unser Wissen zur Verfügung und wir sind bereit, mit ihnen über Grenzen zu gehen, sie zu begleiten, wenn wir davon überzeugt sind, dass es machbar ist. Klar, manchmal gibt es Fälle oder ich nenne es jetzt mal Aufabenstellungen, die an uns herangetragen werden, die reizen mich und mein Team, weil sie uns auf die Probe stellen, aber es geht nicht um uns, nicht darum, ob wir das wollen und es geht auch nicht darum, ob wir verstehen. Manchmal sitzen wir tagelang und diskutieren bevor wir zu- oder absagen, wir machen es uns nicht leicht, davon können Sie ausgehen. Wir bieten nur unser Wissen und unser Know-How an. Oftmals bedarf es dann einer langen Planung, Apparaturen müssen gebaut werden, Substanzen getestet, Erprobungen vorab gemacht werden, Personal entsprechend geschult, außerdem müssen Verträge gemacht werden. Wir arbeiten da sehr penibel und überlassen nichts dem Zufall, daher rührt auch unsere Erfolgsquote. Wir haben es uns zur Regel gemacht, immer zu warten, nicht alles sofort umzusetzen. Nicht wir müssen uns sicher sein, der Mensch, der zu uns kommt, muss das sein. Allerdings sind wir ja meistens die letzte Station für alle, die sich an uns wenden, deshalb sind sich alle sicher, sonst wären sie schon vorher umgekehrt.

In all der Zeit ist nie jemand abgesprungen. Ob jemand bereut hat, das kann ich Ihnen nicht sagen, die Verträge jedenfalls sind hieb- und stichfest, es wäre sinnlos. Was wir hier machen ist einzigartig, auch deshalb wahrscheinlich.

In diesem Fall ging alles sehr schnell, ich sagte praktisch schon im Beratungsgespräch zu, dass ich das für sie machen würde, also dass ich es versuchen würde, ich besprach mich noch einmal mit meinen Kollegen. Ihre Vorstellungen waren so konkret. Ich hatte praktisch keine Wahl. Sie hätten die Qual sehen soll, die in der Dunkelheit ihrer Augen lag. Ich sagte ihr aber auch, dass ich nicht wisse, wie lange es dauern würde, es sei ja immerhin das erste Mal, aber es würde funktionieren, davon würde ich ausgehen. Sie stand auf, als ich das zu ihr sagte, lief um den Tisch herum und nahm meine Hand, bedankte sich. Sie küsste meine Finger, ihre Tränen brannten, als sie meine Hand an ihren Mund führte. Das hier würde besonders richtig sein. Ich erklärte ihr, wie ich vorgehen würde und was sie im Vorfeld, vorbereitend sozusagen, dafür machen könne. Sie war hundertprozentig aufmerksam. Bei allem, das ich ihr aufzählte, nickte sie zustimmend mit dem Kopf, irgendwann holte sie aus ihrer Tasche einen Block heraus und machte sich Notizen. Sie hatte eine wunderschöne Schrift. Ich sagte ihr, dass sie das nicht bräuchte, ich würde ihr alles zusammenschreiben, alles, auf das sie besonders achten müsste und würde es ihr per Mail schicken. Den Block vergaß sie, als sie nach Beendigung unseres Gesprächs lächelnd den Raum verließ, und auch den Füller. Erst wusste ich nicht so recht, ob ich das dürfte, aber dann hab ich mir Blatt um Blatt angeschaut und da verstand ich sie noch mehr.

An dem Tag, an dem sie zu uns kam, hatte sie gute Laune, das Zwielicht in ihren Augen war noch dringlicher geworden, auch war sie blaßer, die Adern unter ihrer Haut zeichneten sich wie eine Landkarte ihrerselbst ab, es musste in der Zwischenzeit noch schlimmer geworden sein, so viel war klar. Mein Team war angespannt, aber wir sind Profis, wir wissen, das zu verbergen, es darf sich auf keinen Fall übertragen, sonst kann es zu schweren Zwischenfällen kommen, die uns mitunter zu einem Abbruch zwingen. Das versuchen wir zu vermeiden. Sie hatte einen grauen Wollpullover an, um die Schultern hatte sie ein seidenes Tuch gewickelt, das alles deutete darauf hin, dass sie alles getan hatte, was ich ihr geraten hatte. Aber ich wollte sicher sein, also berührte ich ihre Wange, ich wollte nicht, dass sie uns womöglich täuscht. In ihrem Fall habe ich das zwar nicht erwartet, aber es kann vorkommen, alles kann vorkommen. Aber sie hatte es getan und somit war alles gut.

Als wir hinuntergingen, erzählte sie mir, wie sehr sie sich auf das Danach freue, aber dass sie es nicht schaffe, es sich vorzustellen, wie es sein würde. Ihre Stimme bebte, als sie davon sprach. Ihre Aufregung hatte etwas Euphorisches. Es sind diese Momente, in denen das alles hier Sinn macht, auch wenn es so viele nicht verstehen.

Es war alles vorbereitet, alles lag bereit. Sie sprach nichts mehr. Um sich auszuziehen, ging sie noch nicht einmal hinter den Paravent, sie ließ ihre Kleider einfach an sich hinunter gleiten, dann bückte sie sich, sammelte sie auf und wickelte sie in das Tuch, das sie vorher um die Schultern getragen hatte, die Ecken des Tuchs knotete sie zusammen. Wir sahen ihr alle dabei zu. Langsam drehte sie sich um, suchte mit ihrem Blick die Ecke des Raumes. Ich hoffte, er würde durchhalten und es nicht kaputt machen. Vorsichtshalber stand eine meiner Mitarbeiterinnen neben ihm, um einzuschreiten, falls es nötig sein sollte. Auf so etwas sind wir vorbereitet, müssen es sein. Diese Menschen sind immer ein Risiko, weil sie meist schwach sind. Ich denke nicht, dass sie ihn gesehen hat, das Licht war extra so geschaltet, dass er im Dunkeln saß. Sie merken, wir denken weit, überlassen nichts dem Zufall. Das Flackern ihrer Augen nahm ich sofort wahr, sie hatte es Stroposkopstiche genannt, als sie versucht hatte, mir zu erklären, was ihr Anliegen sei, dann begann ihr Körper zu krampfen. Wir konnten nicht länger warten. Jeder Handgriff war mehrfach geübt worden. Ich griff unter ihre Achseln, stützte sie, half ihr, sie legte sich hin, wir schlossen sie an, das dauerte, jeder tat, was der Plan vorsah, alles verlief reibungslos, es tat mir leid, dass sie das noch einmal aushalten musste, aber es würde das letzte Mal sein, das wusste sie.

Schließlich kam das Zeichen, ich nickte und es begann. Alle griffen wir zu den Anzügen, die an den Haken hingen, zogen die Kapuzen über unsere Köpfe. Reissverschlüsse wurden zugezippt.

Wie lange wir diesen Zustand aufrecht erhalten müssen, das war zu Beginn nicht klar, das hatte ich ihr auch gesagt. Aber es ging gut voran, so viel war zu erkennen, wir überwachen sie vierundzwanzig Stunden am Tag, zeichnen jede Veränderung auf, ich selbst sehe mir jede Auswertung genaustens an. Sie ist auf einem guten Weg, das denke ich wirklich. Entscheidend bei allen diesen Tests, ist dieser Mann. Er wird es uns sagen, wenn es so weit ist, wenn sie sozusagen an ihrem Ziel angekommen ist. Er weiß es nicht, das ist das Einzige, das wir ihr nicht gesagt haben, ihm auch nicht, vielleicht hätte sie es sich sonst doch noch einmal anders überlegt. Er ist es letztendlich, der spüren wird, wenn es vollendet ist. Er ist die Nadel, die ausschlagen wird. Deshalb ist immer jemand anwesend, wenn er bei ihr ist und die Kamera, die wir installiert haben, hinter dem Spiegel, die ist auch nur wegen ihm da, weniger wegen ihr.
An den ersten Tagen, an dem er sie besucht hat, war er zwar gefasst, aber ein Häufchen Elend. Er saß bewegungslos und zusammengesunken auf seinem Stuhl, hielt ihre Hand, strich ihre Wangen, küsste ihren Mund. Oft weinte er, dabei legte er seinen Kopf auf ihr Kissen, es war schwer für ihn, das haben wir alle gesehen. Vor ein paar Tagen dann begann die Veränderung. Hatte er in den letzten Wochen immer den körperlichen Kontakt zu ihr gesucht, sie geküsst und gestreichelt, als könne er es damit aufhalten, was für ein fataler Irrglaube, so wurde das langsam weniger. Ferne legte sich zwischen die beiden wie eine graue Mauer.

Heute schließlich war es dann so weit, er streckte seine Hand nach ihr aus, hielt sie über ihren Körper, zeichnete in der Luft die Kontur ihres Gesichts nach, schloß seine Finger, öffnete die Faust wieder und zog sie dann zurück, um sie an seinen Mund zu legen und seinen eigenen warmen Atem hineinzupusten. Seine Augen hatte er weit aufgerissen, dann stand er auf und lief hinaus.
Für uns war es das Signal, heute können wir es beenden, es hat funktioniert. Ich bin sehr stolz auf uns.

3. Herz

Wenn du wüsstest, wie sehr mich alles an dir berührt, jeder deiner Blicke, deine Hand, die sich auf mich legt, du bist in mir, du bist überall, du bist alles, immer noch.
Aber heute habe ich die Verlassenheit in deinen Augen gesehen, hab gesehen, wie sich dein Mund verkrampft hat, um die Bitterkeit der Worte zu unterdrücken, die du nie würdest aussprechen. Ich dachte, es würde funktionieren.

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