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Wird die Musik schön?

Das Moers-Festival 2023 – Eine Empfehlung

Mit seinen 52 Jahren könnte man das Moers-Festival unter den deutschen Festivals ein altehrwürdiges nennen. Aber gesetzt, gediegen oder ehrfurchtgebietend will es nicht anmuten. Im Gegenteil. Seitdem der Künstlerische Leiter Tim Isfort und seine Truppe das Ruder übernommen haben, weht eine jugendlicher Wind durch die kleine Stadt am Niederrhein.

Die Macher sind erfrischend, ja erschreckend kreativ. Überkreativ, könnte man sagen. Wie mit Bauklötzchen tobende Kinder verzichten sie darauf ihr Tun hinsichtlich Zielführung oder Nützlichkeit zu reglementieren. Es sprudeln die Ideen nur so aus ihnen heraus.

Die Bandbreite an nicht-musikalischen Ideen reicht von der Anwesenheit von Gartenzwergen, einem Panzer aus Holz auf der Bühne, scheußlichen Green-Screen-Verschandelungen im gesendeten Bildmaterial bei Arte, zahlreichen Performances und sogar einigen üblen Kalauern.

Sehr netter kreativer Überschuss

Im Corona-Jahr quälte das Isfort-Team die Journalisten mit einer Online-Pressekonferenz, die eine ganze Stunde lang, wie sage ich es nett, „Performance“ war, um zum Ende hin die einzige relevante Information aus zu spucken, auf die alle gewartet haben. Die darin bestand, das man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wisse, ob das Festival der Corona-Regeln wegen stattfinden könne.

Unter all diesen und noch vielen anderen dem Jungbrunnen entfliehenden Geistesblitzen bietet das Festival, das seit vielen Jahren nicht mehr Jazz-Festival heißen darf, dem Marken-Kern gerecht werdend weiterhin heiße Musik. Und sobald die Macher ausser Sicht sind und nicht mehr mithören, spricht das Publikum trotzig weiter von dem Jazz-Festival. Oft nur vom Jazz, im Sinne von: „Ich bin auf dem Jazz“. Im diesjährigen Festival-Motto darf der Jazz als das Label der Herzen immerhin wieder vorkommen. Es heißt:

Jazzfestival für Musik / Synapsenbildung / Politik / Medienkunst und: Zusammensein!

Das ist doch mal ein verquerer Anspruch für eine Musikveranstaltung. Denn das, eine Musikveranstaltung, ist das Moers-Festival weiterhin.

Wer ein Festival wie das in Moers noch nie erlebt hat, wird womöglich als erstes die Frage stellen: Wird denn die Musik auch schön sein? Und erfahren, dass schon die Fragestellung falsch ist. Musik kann so viel mehr als nur schön sein. Sie kann aufregend, spannend, erschreckend, augenöffnend, nervig, unerhört, alt, neu, laut, leise, zärtlich und brutal sein. Und auch schön, natürlich. Das Moers-Festival war schon immer das Angebot, sich von der Musik fortreissen zu lassen. Sich aber auch an ihr zu reiben. Und besonders die Kommunikation der Musiker untereinander zu erfahren. Die vielen verschiedenen neuen und oft spontanen Konstellationen überraschen und überwältigen immer wieder.

Moers bietet einen musikalischen Überfluss dem man sich ergeben können muss. Es gibt so viele verschiedene Spielstätten gleichzeitig, dass es unmöglich ist, alles mit zu nehmen. Man hat die Wahl, sich gut vorzubereiten, um das beste von allem zu erleben. Was kaum möglich ist angesichts der vielen neuen Konstellationen und überhaupt dieser Free-Jazz-Sache an sich. Man kann sich auch, wie ich es letztes Jahr getan habe, einfach treiben lassen. Dem Wetter folgend draußen oder drinnen Musik erleben und dem Zufall vertrauen. Das Angebot ist so vielfältig, dass der Zufall einem immer neue Höhepunkte bescheren wird. Garantiert.

Das Programm ist online und moerstypisch unübersichtlich: https://www.moers-festival.de/programm/

Höhepunkte im diesjährigen Programm könnten sein:

– Bestimmt das GYÖRGY LIGETI SPECIAL. Ligetis Sohn Lukas wird dabei sein, wird eigene Kompositionen anbieten (z.B. mit Burkina Electric) und über seinen Vater reden. Es wird unter seiner Leitung ein Werk seines Vaters, „Égal… pas pareil… nonpareil“ um einen zusätzlichen vom Festival in Auftrag gegeben zweiten Satz erweitert aufgeführt. Zudem interpretiert das SWR Vokalensemble Werke Ligetis.

– der neue Afrika-Schwerpunkt, der sich zum Start dieses Jahr Äquatorialguinea widmet, einem der kleinsten Staaten Afrikas.

– Legenden des Jazz, diesmal das Billy Hart Quartet.

– die alten Bekannten aus den Vorjahren, wie SCATTER THE ATOMS THAT REMAIN, Trondheim Voices oder Wendy Eisenberg.

Höhepunkte könnten dieses Jahr auch wieder ganz andere überraschende sein. Das ist der Zauber des Festivals.

Das Festival bietet neben der aufregenden Musik auch einen beachtlichen Erlebniswert. Man kann bummeln, Leute kennenlernen, zelten, essen, trinken und auch mal abschalten.

Ich kann nur dringend raten, es einmal zu tun: Dieses Jahr geht es zu Pfingsten auf das Moers-Festival. Wenn es funkt, kann es, wie in meinem Fall, zu so einer Selbstverständlichkeit werden, dass ich verlernt habe, wie man Pfingsten auch anders verbringen könnte.

Moers? Das liegt hier: https://www.google.com/maps?client=firefox-b-d&q=moers&um=1&ie=UTF-8&sa=X&ved=2ahUKEwjoi97I3__-AhV6xQIHHTi7BnsQ_AUoAXoECAEQAw

Hompage: Moers-Festival

Fotos: Nils Brinkmeier, Marion Kainz

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