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Extremschreiben: Der Fisher Space-Pen from Outer Space

Leben mit der Atomkraft: Eine strahlende Zukunft ist uns gewiss. Vorher sehen wir uns aber mal den Space Pen an, der all das überstehen wird.

Wir liegen gerade in der Badewanne. Wir haben ein besonderes Schreibgerät in die Hände bekommen: Den Fisher Space Pen. Man kann mit ihm bei extrem hohen und extrem niedrigen Temperaturen schreiben, kopfüber, unter Wasser und im luftleeren Raum. Richtig, das ist der Stift, der im Weltraum zum Einsatz kommt.

Doch was hat das mit uns zu tun? Sind wir Astronauten? Wir arbeiten anstatt dessen im Moment arbeitsteilig: Beide sind wir untergetaucht und halten die Luft an, auch vor Spannung. Einer hält ein Blatt Papier, einer den Space Pen. Doch das Papier weicht auf und zerreist unter Wasser. Auch mit einer Pappe klappt das nicht. So ein Quatsch aber auch. Okay, es müßte unzerreissbares Papier sein, Tyvek z.B. oder ein „Papier“ auf Kunststoffbasis, das nicht aufweicht. Wir sind keine Berufstaucher, also müssen wir auch nicht unter Wasser schreiben.

Der Space Pen: Kompakt, gefällig in der Form und in jeder Lebenslage schreibfähig.

Warum neigen wir dazu, krass Überdimensioniertes zu erwerben?
Wir stellen uns vor, dass wir Hersteller von Mülleimern sind. Die Mülleimer wären so beschaffen, dass der Müll, wenn er einmal drin wäre, nicht mehr rauspurzelt, egal, ob man den Papierkorb hoch- oder umwirft oder damit Basketball spielt. Das läßt sich die Nasa nicht zweimal sagen. Sie kauft das Ding und nimmt es mit in den Himmel. Wir sind begeistert und werben fürderhin damit: „Rolf+Rolfs Space-Mülleimer“. Auf der Verpackung bilden wir Astronauten ab, in der Gebrauchsanleitung schreiben wir, dass man ihn in einem Rutsch vom absoluten Kältepunkt auf +16.000° erhitzen kann. Und alle kaufen es, jahre-, jahrzehntelang. Eine Erfolgsgeschichte. Obwohl es völlig egal ist, dass er das alles kann. Für den normalen Nutzer ist das nämlich völlig unerheblich. Und so ist das auch mit diesem Stift.

Extremities: Schreiben als Überlebenskampf

Aber es hört sich gut an, es ist ein Beleg für seine Tauglichkeit in Extremsituationen. Ehrlich gesagt haben wir den Stift aus genau diesem Grund besorgt. Denn wir haben letztens wieder drüber geredet, dass in Russland bereits zum 6. mal die „Miss Atom 2009“ gewählt worden war. Sie ist 25 Jahre alt, arbeitet in einem Forschungsreaktor und hat die Maße 95-69-97. Wir vermuten, dass die Taillie so dünn ist, weil die Wirkung der atomaren Strahlen schon weiter fortgeschritten ist und zunächst da angegriffen hat.

Beim Unterwasserschreiben: Der Gummi-Ring in der Mitte des Schaftes verhindert im geschlossenen Zustand das Eindringen von Wasser.

Für die Ewigkeit? Schreibgeräte und Halbwertszeiten
Die plumpe PR-Aktion, die das Tschernobyl-Land in einem positiven Licht erscheinen lassen soll, könnte den nächsten Super-Gau einleiten, sehr wahrscheinlich sogar. Wenn ein Politiker sagt „Die Renten sind sicher“, dann müssen wir alle Angst haben. Wenn ein Politiker die „Miss Atom“ kürt, will er uns sagen: „Es ist nicht schlimm, wenn ihr übermorgen alle verstrahlt seid, das ist doch ganz normal.“ Nachdem uns dann Haare und Zähne ausgefallen sein werden, wir verstrahlt kaum noch bewegungsfähig sind und jetzt normalerweise mit Blut unsere letzten Mitteilungen an die Nachwelt auf den durch den Fallout weißen Asphalt schreibkratzen müssten, macht es „Klick“ in unseren sampeckinpah-verlangsamten Hirnen und wir erinnern uns recht abgespaced an unseren Space-Pen. Jetzt ist es glasklar: Wegen solch einer Situation hatten wir ihn uns besorgt.

Das Mienenspiel: Zentral für das Profil des Space Pen

Er hat eine gasdruckbetriebene Miene, das heißt, in der Miene ist ein Druck aufgebaut, der die geleeartige Spezialtinte, die sogar z.T. auf Fett schreiben kann, quasi herausdrückt. Die Tinte ist also nicht darauf angewiesen, nach unten fließen zu müssen, um auszutreten – und das ist der Grund dafür, dass die Tinte auch nicht versiegt, wenn man von unten nach oben schreiben würde. Der Gasdruck sorgt auch dafür, dass der Schreibfluß bis zum letzten Tropfen gleichmässig ist. Die Miene hält einen erhöhten Druck aus, funktioniert zwischen -34° und +121°, schreibt unter Wasser sowie im schwerelosen und luftleeren Raum. Die angegebene Lebensdauer beträgt 100 Jahre. Die Präzision der eingepassten Wolframcarbid-Kugel an der Mienenspitze soll das leidige Schmieren der Tinte verhindern, das so viele Billigkugelschreiber auszeichnet. Allerdings gibt es inzwischen auch viele andere Mienen, die nicht mehr schmieren.

Erst zusammengesteckt erreicht der Kugelschreibercorpus die normale Schreiblänge.

Die Eigenschaften: Extrembeanspruchung, klein, mobil
Der Kugelschreiber ist klein, fast komplett aus Metall, außen aus Stahl, innen mit Messinggewinde. Es passt durch seine Dimensionierung in jede Tasche. Zum Schreiben wird die Verschlußkappe hinten aufgesteckt, so erhält der Kugelschreiber nahezu die herkömmliche Schreiblänge zur normalen ergonomischen Handhabung. Der Space Pen wirkt sehr präzise gearbeitet. Steckt man die Kappe hinten auf, verschließt der Vorderteil des Kugelschreibers den Innenraum der Kappe so exakt, dass vermutlich dort kein Wasser eindringen kann, würde man unter Wasser schreiben. Ist der Kugelschreiber normal verschlossen, also ist das Schreibende in der Verschlußkappe, sorgt ein zentrierter Gummiring dafür, dass auch so herum kein Wasser eindringen kann. Das sind die kleinen Details, die zeigen wie durchdacht und durchentwickelt dieses Schreibgerät ist.

Space Oddity: Über Billigprodukte erhaben
Der SpacePen ist nach all den bisherigen Billigprodukten, die hier beschrieben wurden, eine Labsal für jeden unterwegs schreibenden Menschen. Er ist hochwertig, hat einen geringen Platzbedarf. Das Design ist aufs Wesentliche reduziert und wurde schon im Museum of Modern Art ausgestellt, das eine Produktdesignabteilung unterhält. Neben Blau, Schwarz und Silber als Sonderfarbe gibt es sieben weitere Farben in den Mienenstärken fein, mittel und breit. Generell haftet die Tinte auf fast allen glatten Oberflächen, auch auf Kunststoff und beschichtetem Papier. Gekostet hat das gute Teil 39,- Euro.

Wie es weitergeht: Am Ende in den Fluten
Wir haben uns inzwischen wasserresistentes Papier besorgt und tauchen nachher nochmal. Vielleicht klappt’s diesmal. Aber selbst wenn, wäre es unnütz, weil wir uns einfach an den Küchentisch setzen könnten, um zu schreiben.

Weitere Folgen der Serie „Schreibgeräte“:
1. Kuriose Schreibgeräte: Der 1-Euro-Raketenkulli hebt ab
2. Kuriose Schreibgeräte: Der Kugelschreiber mit Wow-Faktor
3. Kuriose Schreibgeräte: Der Kugelschreiber mit Gefahrenpotenzial
4. Kuriose Schreibgeräte: Der Puschel-Kuli

http://www.endoplast.de/2009/08/05/kuriose-schreibgerate-der-kugelschreiber-mit-gefahrenpotenzial/
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