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Angst vor dem Unbekannten: H. P. Lovecraft oder wie eine Phantasiewelt ein Leben retten kann


LiebesGruft. Gut und schlecht, kommerziell oder anspruchsvoll, technisch gut oder amateurhaft umgesetzt – alle diese Kategorien sind egal, wenn es um kreative Phantasie geht, weil eine neue Idee und eine weitreichende Phantasie ein Wert ansich sind. Ein großes Glück ist es aber, wenn sich eine originelle Phantasiewelt, technische Akkuratesse und ein gewisser Anspruch ergänzen und bereichern, selbst wenn es hier um ehemalige Pulp-Literatur geht. Denn das hat H. P. Lovecraft auf sich vereinigt: seine eigenständigen Phantasiewelten beeinflussen tatsächlich bis heute die Populärkultur (siehe z.B. beim Comic und Film Hellboy oder den Alien-Filmen). Seine Art zu schreiben, war nicht nur abgründig, sie war auch technisch versiert, weshalb ein nicht unwesentlicher Teil seiner Arbeit Ghostwriting und die Überarbeitung von Texten anderer Autoren wurde. Lovecraft war ein kompetenter Stilist, der mitunter bis an die Grenzen der Welt der Begrifflichkeiten ging, obwohl er Autor vermeintlicher Schauergeschichten war. Eine seiner Spezialitäten einerhalb eines erzählerisch weitgesteckten konzeptionellen Rahmens war es, dem von ihm personifizierten Schrecken unaussprechliche Namen zu geben: Nyarlathotep, Cthulhu, Tsathoggua oder Yog-Sothoth hießen die Schlimmen. Sein Anspruch lag in diesem virtuosen Gebrauch der Worte, andererseits war es wohl seine Lebensaufgabe, den seiner Person in besonderem Maße innewohnenden Schrecken zu verbalisieren. Lovecraft hatte früh einen Nervenzusammenbruch und depressive Phasen, er war menschenscheu und geschüttelt von Ängsten. Er war auch, was wieder gut in aktuelle bundesdeutsche Realitäten passt, ein Ausländerfeind, der in seinem mittleren Lebensabschnitt in einem New York der Zuwanderer lebte, das ihn sehr beunruhigte und ihm Angst machte. Seine Sensibilitäten, Angstvorstellungen und Paranoia schienen der Antrieb für seine erschütternden literarischen Phantasien zu sein. Das Oktan im Schreib-Benzin des Lovecraft-Autos also war die pure, reine Angst. Dazu passt sein berühmtes Zitat: Das älteste und stärkste Gefühl des Menschen ist die Angst. Und die älteste und stärkste Form der Angst ist die Angst vor dem Unbekannten. Das machte sich Lovecraft in besonderer Weise zu eigen, indem er bis auf seine Spätphase in seinen Beschreibungen der Monströsitäten oft im Ungefähren blieb und so den Schrecken nur intensivierte. Sehr früh schien er gewusst zu haben, das schriftstellerischer Schrecken am nachhaltigsten wirkt, je mehr Raum er für die Schreckensphantasien des Lesers läßt. Lovecraft, 1890 geboren, war beseelt von einem Habitus und Ehrenkodex, wie ihn der Adel im 18. Jahrhundert der Vorstellung nach pflegte. Er stammte aus einer anfangs finanziell gut situierten Familie, die verarmte, als er noch Kind gewesen war. Sein Erwachsenenleben angesiedelt zwischen dem familiär-ökonomischen Trauma und seiner Ansprüchen, die ihn davon abhielten „niedere“ Arbeiten zu verrichten, führte dazu, dass Geld zeitlebens Mangelware wurde. Geschüttelt von seinen Ängsten und Neurosen, sublimierte er seine Angst vor dem Leben im Schreiben seiner Angstgeschichten. Sein schriftstellerisches Wirken maß er selbst an seinen Vorstellungen von einem Leben als standesgemäß Privilegierter und musste dabei seine Fähigkeiten vor anderen kleinreden und sich wie ein Versager fühlen. Indes wirken Lovecrafts Geschichten auch heute noch wie ambitionierte und zuende gedachte Albträume. In seinem nicht sehr langen Leben hinterließ er der Nachwelt eine inspirierende Phantasiewelt, in der sich jener zuhause fühlt, der weiß, warum man (alb)träumt. Kommentieren.

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