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Kunsttagebuch: Künstler, Werk, Methodik – wodurch wird etwas zu Kunst?

GesichtsprofilWarum ist etwas Kunst oder wird etwas zu Kunst? Warum wird Anderes nicht als Kunst angesehen oder ist umstritten? Was also unterscheidet Kunst von Nicht-Kunst? Das entscheidende Kriterium ist die Beschaffenheit des Kunstwerkes selbst – bzw. des Kunst-Zyklus oder des gesamten Œu­v­res einer Künstlerin/eines Künstlers. Aber kann die Fixierung auf das Werk allein der künstlerischen Leistung gerecht werden?

Es stellt sich die Frage, was Kunst ausmacht: Welche Dimensionen sind für die Einordnung als Kunstwerk oder als „echte Kunst“ zu betrachten?

Ein Kriterium für die Einordnung als „Kunst“ kann das Innovationspotenzial eines Werkes sein. Damit wäre Kunst dadurch bestimmt, etwas Neues zu bringen und ein Künstler jemand, der als erster diese Kunst als Innovation geschaffen hätte. Damit wäre etwas Offensichtliches in den Vordergrund gestellt: Die Eigenschaft von Kunst, Sehgewohnheiten oder Erfahrungsgewohnheiten aufzubrechen und so zu einer Art Bewusstseinsereiterung beizutragen. So einfach ist es aber nicht.

Kunst, Künstler und Zeitströmungen

Denn Künstler und Werk sind schwer voneinander zu trennen. Würde man nicht rückblickend Kunstströmungen ausmachen können wie zum Beispiel den Impressionismus, den Expressionismus oder in Abkehr von der gegenständlichen Malerei durch die abstrakte Malerei, wäre die Relevanz eines Werkes schwer zu erkennen oder würde zu Missdeutungen führen. Ein Künstler und seine Kunst sind ihrer Zeit verhaftet. Der Künstler reagiert auf seine Zeit und deren Einflüsse, indem er seine Kunstauffassung Gestalt annehmen lässt.

Kunsterkenntnis und Kunsteinordnung

Entscheidend für eine Bewertung als Kunst, ist, wie weit man ein Kunstwerk durchdringen kann, wie genau in Bezug auf Zeitrelevanz man ein Kunstwerk betrachten kann. Rezipiert man alle Einzelheiten des möglichen Kunstwerkes, kann man es losgelöst von der Zeit als etwas zeitlos Wirksames ansehen. Stellt man es jedoch in eine Reihe mit Werken anderer Künstler, die ähnliche Auffassungen verwirklicht haben, kann sich das jeweilige Werk als Variation entpuppen, dem die Eigenständigkeit fehlen kann. Damit wäre das Innovationspotenzial relativiert. Und doch könnte das Kunstwerk Teil einer Kunstströmung sein, die alt hergebrachte Sehgewohnheiten verändert.

Kunst und ihre Zeit-Verhaftung

So betrachtet wäre eine sinnvolle Vorgehensweise, den Künstler und seine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten von seinen Einflüssen zu trennen. Das heisst: Wie sehr ist er seiner Zeit verhaftet? Oder wie sehr schafft er etwas Neues, das es in dieser Form vorher nicht gab? Ein plakativ-populäres Beispiel ist der Schauspieler Marlon Brando. In seiner realistischen Darstellung eines gewalttätigen Menschen in dem Film „Endstation Sehnsucht“ (1951) hat er eine realistische Auffassung der Schauspielerei zelebriert, die man neu oder sogar revolutionär nennen kann, weil es sie so im amerikanischen Kino bis dahin nicht gab. Brando wurde von Fachleuten als bedeutendster Schauspieler des 20. Jahrhunderts angesehen. Das heisst: Ermessen läst sich der Grad des Neuen seiner Schauspielkunst erst dann, wenn man sie relativ zur damaligen Zeit und ihren etablierten Formen setzt. Man müsste also den Schauspieler und seine Art etwas darzustellen vor dem Hintergrund anderer Formen der Schauspielerei in der Zeit und davor betrachten, um sie adäquat analysieren zu können. Das heisst aber auch, dass Kunst sehr ihrer Zeit verhaftet ist und die Darstellungsweise etwa von Marlon Brando heutzutage ein Standard sein kann oder sogar ein alter Hut. Man kann den Film von Autor und Dramatiker Tennessee Williams und Regiesseur Elia Kazan als Teil des Film Noir ansehen, der 10 Jahre zuvor die heile Hollywood-Welt dekonstruiert hatte. Beeinflusst ist Endstation Sehnsucht von Sigmund Freuds Psychoanalys, deren Sichtweise die Innenwelt des Menschen war als ein bis dahin wenig erforschter Kontinent der Wirklichkeitserzeugung.

Kunst-Innovationen

Was sich sinnvoll anhören mag, ist eine Möglichkeit, sich der Kunst zu nähern. Dies betrifft innovative Kunst. Aller anderen Kunst, die nicht innovativ ist, würde man damit den Anspruch Kunst zu sein absprechen oder zumindest weniger zusprechen. Wodurch sich zeigt, wie schwierig es ist, Kunst in ihrer Vielfalt zu definieren. So ist also die Verortung in der Zeit von Kunst, ein wichtiger Bezugspunkt. Dass manche Kunst schnell und andere kaum altert, ist aber eine weitere Besonderheit, die nicht nur durch den zeitlichen Bezug erklärt werden kann. Ebenso ist es möglich, dass Kunst mit hoher Zeitverhaftung schnell irrelevant erscheint, um zeitversetzt wieder relevant zu werden. Dies geht über Modeströmungen hinaus und bezieht sich auf gesellschaftliche Lebenswirklichkeiten und wie sehr Kunst, die auch lange vorher entstanden ist, inhaltlich dort wieder andocken kann. So hat die Renaissance als Achsenzeit zwischen Mittelalter und Neuzeit zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert künstlerische Ideale der Griechen und Römer aus der Antike übernommen.

Kunst-Methoden

Methoden der Kunst können zum Beispiel die realistisch-naturalistische oder sogar photorealistische Abbildung des Wahrgenommenen sein. Es geht dabei um eine bestimmte weltabbildende oder welterklärende Sichtweise.

Zu Kunst wird in diesen Beispielen etwas, wenn die Konzeption neuartig und zwingend ist, in die Tiefe geht also durchdekliniert wird und andere Künstler beeinflusst. Hier sind allerdings zunehmend die Wirkmechanismen des Kunstmarktes wichtig geworden wie auch der Umfang des Gesamtwerkes, der das Gesamtkonzept abbildet und vielfältig ausformt.

Künstler-Kunst

Bleibt der Künstler selbst: Er ist im Kunstgeschehen ein Sublimationspunkt, in dem sich Werk und Konzept greifbar verdichten. Was er sagt, tut und schafft, wie er lebt, was er bestätigt oder verneint formt – sofern er bekannt wird – sein Image. Künstler als Wegbereiter werden in der Rückschau oft ins Genialische verklärt. Zeitgemäße Künstler wie Jonathan Meese ordnen ihrem Werk medienwirksame Manifeste, Erklärungen oder Proklamationen zu. Ein Künstler wie Josef Beuys sah wohl seine Kunst als Manifestation seines Glaubens, seiner Philosophie und wie viele andere sowieso seines Erlebens. Der Künstler scheint fast wie eine Marke dafür zu stehen, was sein Werk aussagt und seine Herangehensweise konzeptionell nahe legt. Dabei wird der oberflächlich Eingeordnete dann als „Künstler“ wahrgenommen, wenn er sich außerhalb der Gesellschaft verortet und dieser den Spiegel vorhält. Die Frage ist hier, ob ein Künstler leiden muss, um Kunst schaffen zu können, oder ob er reich sein und gut leben darf, aber deshalb nicht oder nicht weniger ernst genommen wird. Der kommerzielle Erfolg kann die Glaubwürdigkeit des Künstlers schädigen und in Frage stellen. Davon abgesehen stellt sich die Frage: Ein Künstler, der als Künstler wahrgenommen wird und als Künstler lebt, wie es das Klischee nahe legt, muss nicht unbedingt Kunst oder sogar große Kunst schaffen. Zwar mag es nahe liegen, dass ein chaotisches Leben, das zu bürgerlicher Dysfunktionalität führt, viel Platz für künstlerische Kommunikationsformen schafft. Aber würde das heißen, dass in einer reichen Gesellschaft die Qualität der Kunst nachlässt?

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