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Autonomes Fahren: Die Vision als Antwort auf das Nicht-Wissen

Stromkasten mit GraffitiWas tut man, wann man etwas nicht weiß oder sogar überhaupt nichts weiß? Die naheliegende Antwort: man erforscht den Gegenstand des Nichtwissens, um darüber etwas zu erfahren. Die originellere Antwort wäre aber: man denkt sich etwas aus.

Das würde die Religion erklären aber auch die Kunst, ganz allgemein das Musische oder die Politik der republikanischen Partei in den USA. Es gibt aber eine Tücke im Leben, mit der Elon Musk genauso zu kämpfen hat, wie Ottocar Normalverbraucher: es geht um die letzten paar Prozent des Nicht-Wissens, die oft entscheidend sind.

Autonomes Fahren und die Strategien des Nichtwissens

Elon Musks Autos sind schon recht intelligent, es fehlen aber noch ein paar Prozent daran, dass sie so viel können, sensorisch wahrnehmen und wissen, dass sie ganz autonom fahren könnten. Genauso verhält es sich mit dem Wissen ganz allgemein. Man weiß generell in einer Bildungsgesellschaft recht viel aber nie alles. Es fehlen letztlich ein paar Prozent, mindestens. Musk hat immer mal wieder erklärt, dass seine Autos praktisch fast autonom fahren könnten und noch öfter versprochen, sie würden es bald tun – allein, sie taten es nicht.

Apples iCar im Carport

Dazu muss man wissen, dass die geballte Brainpower des Silicon Valley sich mit dem Problem des autonomen Fahrens auseinandersetzt, dazu gehört auch Apple, das mal kurz davorstand, ein eigenes Auto zusammen mit Mercedes zu entwickeln, dies aber wieder verworfen hatte und seitdem betont schweigsam wie immer an seiner Software bastelt. Ihr „Carplay“ nutzt das iPhone als Autoschlüssel und überträgt seine Funktionen komfortabel zunehmend in die Modelle inzwischen vieler Automarken. Aber alle warten auf das eigene iCar mit dem Apple-Logo drauf. Ob das nicht zu spät kommt? Wo doch Tesla vieles, was so ein iCar ausmachen würde, schon realisiert, nämlich ein durchdachtes Softwaresystem, das alles im Blick hat und informationell miteinander vernetzt. Der Akkustand wird in Bezug zur Fahrzeit zur nächsten Ladesäule gesetzt, selbst Steigungen, Wind und Wetter werden dabei berücksichtigt. Doch Tesla ist zwar oft in den Schlagzeilen aber es gibt kompetente Konkurrenten im Hinblick auf das fahrerlose Fahren.

Waymo-Autos und ihre Selbstfahr-Software

Vor allem Waymo mit seinem „Driverless-Car“-Projekt ist weit gekommen, offenbar weiter als Tesla, denn autonomes Fahren ist hier schon einen Hauch mehr realisiert, ein paar Prozent mehr, die wohl entscheidend sind. Manches bezüglich des autonomen Fahrens bleibt für alle Tech-Companys ein Problem, vor allem das Wetter, wie Regen, Schnee und Eis. Allerdings muss man diese Prozente des Nicht-Könnens oder Nicht-Wissens in Bezug zum Menschen als analogem Fahrer setzen, der weit fehlbarer ist, als die Waymo-Technologie. Das Lieblings-Projekt von Google-Gründer Sergey Brin unter dem Dach von Googles Muttergesellschaft „Alphabet“ scheint kurz vor der Realisierung zu stehen. Weniger im Hinblick auf den Personen-Individual-Verkehr und mehr im Hinblick auf öffentliche fahrerlose Personenbeförderung durch Taxis in Großstädten. Googles Investitions-Unternehmen „Google Ventures“ hatte in der Vergangenheit Anteile an Uber übernommen und nach einem Rechtsstreit mit Uber, in dessen Konkurrenten „Lyft“ investiert.

Auftritt: Die deutschen Autobauer

Volkswagen und Mercedes Benz hingegen haben in einer Mischung aus Standesbewusstsein und Überheblichkeit vieles verschlafen, weil sie lange an eigenen Systemen gearbeitet haben aber nicht so weit kamen, wie die Pioniere aus Amerika. Ein Grund mag auch sein, dass man sich nicht in die daten-gierigen Hände der Amerikaner begeben wollte. Inzwischen arbeiten Mercedes und Volkswagen verstärkt mit Google und Apple zusammen, wenn es um ihre Auto-Software geht.

Unternehmerische Visionen

Religion, Kunst, das Musische? Angesichts der im anfangs geäußerten These, was alles auf Nichtwissen folgen kann, gibt es also viel handfestere Bereiche, die den Alltag bestimmen. Manchmal geht es noch nicht mal nur um ein paar Prozente, die an der Themendurchdringung fehlen, sondern um ein bestürzend großes Nichtwissen. Nehmen wir die Politik: wer kann in die Zukunft blicken? Wer will dort hinsehen und Schlüsse daraus ziehen, was der Klimawandel bewirken wird? Was genau von dem, was man tun will, würde welche Auswirkung haben? Wenn man welche Prioritäten setzt, um den Klimawandel aufzuhalten, wer würde darunter weshalb leiden, wer käme zu kurz und wer würde zum wütenden Wähler werden? Was für die Politik gilt, wenn es um Unvorhersehbares geht, gilt auch für den Visionär.

Visionär oder Verwalter?

In vergangenen Zeiten konnten Politiker Visionäre sein, in aktuellen Zeiten führen aber eher manche Unternehmer das Unvorhersagbare herbei. Etwa Apples Steve Jobs. (Auch Regisseure als Unternehmer gehören dazu, wie Christopher Nolan, Denis Villeneuve oder David Cronenberg.) Elon Musks Tesla macht vor, wie die Auto-Zukunft aussehen könnte. Unternehmer als Visionäre wissen am Anfang ihres Wirkens vieles nicht aber eins vor allem: was sie erreichen wollen. Dadurch erzeugen sie eine menschenbegeisternde Strahlkraft. Das Nicht-Wissen und Nicht-Können ist dabei regelrecht die Antriebsfeder dafür, es herauszufinden.

Das Unmögliche und seine Möglichkeiten

Dazu gehört, dass Unternehmen abseits der ganz großen Fragen gut darin sind, das Unausweichliche zu leugnen, um die Zielerreichung möglich zu machen. Der sagenhafte Wohlstand von Apple basiert auf prekärer Arbeit in China. Steve Jobs war Weltmeister darin, alles zu verleugnen, was ihn auf seinem Weg störte – auch die eigenen Misserfolge am Anfang – und eine eigene Realität zu simulieren, in die er seine Mitarbeiter hineinzog. So wurde das theoretisch Unmögliche praktisch doch möglich. Also: Wer nichts weiß, weiß auch nicht, dass es unmöglich ist, autonomes Fahren hinzukriegen – und so wird doch was draus, weil man vom verunsichernden Wissen um die Nicht-Machbarkeit gar nicht erst behindert wird.

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