Jim Steranko, der eigentlich James Steranko heißt, ist ein Zeichner, an dem man nicht vorbei kommt, wenn man sich für amerikanische Superheldencomics interessiert – er wird als Legende allerorten in den Himmel gelobt, obwohl er eigentlich gar nicht eigenständig zeichnen kann. Was ist sein Geheimnis? Woher kommen der Einfluß seines Werkes und die Verehrung für ihn? Die Antwort darauf ist ein interessantes Lehrstück über Trivialität und Anspruch in der Comicindustrie. Im Gegensatz zu vielen anderen Zeichnern der Superheldenverlage hat Steranko nie viel produziert. Im Wesentlichen werden mit ihm nur zwei, drei Werke in Verbindung gebracht. Jim Steranko hat einige Comic Books gezeichnet, einige Paperback-Romancover, hat ebenso spärlich für zwei Filme gearbeitet und ein paar singuläre Geschichten veröffentlicht. Zunächst: Der Zeitgeist des sich Verkaufens, sich Promotens und sich Darstellens legt nicht erst heute nahe, die eigenen Fähigkeiten als etwas Seltenes und Genialisches darzustellen. So wie jede Pommesbude kein Fastfood, sondern in Wirklichkeit Spezialitäten bietet, jeder Pornostar in Wirklichkeit ein Charakterdarsteller ist und jeder Comiczeichner ein Künstler, so hat Jim Steranko es immer verstanden, sich zu verkaufen und entsprechend darzustellen.

Der Mann, der Entfesselungs- und Zauberkünstler war, beherrscht die Kunst des Namedroppings. Mal stand er Pate für einen Comichelden von Jack Kirby, mal hat er Indianer Jones für Steven Spielberg entwickelt, mal mit Francis Ford Coppolla zusammengesessen und diskutiert oder er zieht über Batman-Erfinder Bob Kane her. Kaum eines seiner Werke beeindruckt durch besonderes handwerkliches Können. Die berühmten Shield-Nick-Fury-Hefte sind ein simples Jack-Kirby-Plagiat und das Artwork rettete wieder mal Über-Inker Joe Sinnott. So haben Comiczeichner wie Frank Miller oder Barry Windsor-Smith allerdings auch angefangen: durch das simple Nachahmen des einmaligen Kirby-Stiles. Bei Steranko sind allerdings grafische Spielereien oder Effekte enthalten, Anleihen an Salvador Dali, immer wieder an Op-Art und Pop-Art. Bezüglich des visuellen Erzählens ist Steranko sehr kreativ – und das macht seine Wirkung aus. Ähnlich wie Kirby hat Steranko mit Collagen experimentiert und bei all dem zeigt er durchaus Geschmack. Aber: Betrachtet man sein grafisches Werk, fällt auf, dass man eigentlich kaum einen eigenen Stil sieht. Neben Übervater Kirby immitiert er erfolglos Barry Windsor-Smith, dann bringt er sich das Malen bei, um mal wie Frank Frazetta und mal ähnlich wie Bill Sienkiewicz zu malen – allein: es klappt nicht so ganz. Bei den Auftraggebern in der Comicindustrie stieß seine Arbeit eher selten auf die große Gegenliebe, wie das im Gegenteil später bei vielen Fans der Fall war. Viele Jobs, die er haben wollte, hat er nicht bekommen. Auch das ist ein Grund dafür, dass es nicht viel Material von ihm gibt.

Sein berühmtes Taschenbuch Chandler: Red Tide bei Pyramid Books (mit von der Partie auch der visionäre Verleger Byron Preiss, der auch Howard Chaykin und Alex Nino mit ambitionierten Projekten für einen erwachsenen Markt verlegt), hat er nicht nur gezeichnet sondern auch geschrieben und coloriert. Das Werk ist interessant gezeichnet und so etwas wie der Vorläufer von Sin City gewesen. In seiner Licht-Schatten-Wirkung erinnert das Heftchen seinerseits stark an das zeichnerische Werk von Alex Raymond und Al Williamson. Steranko schien immer wieder Elemente anderer Comics oder von Fotografien mit in seine Geschichten einzufügen und diese dabei simpel abzuzeichnen. Man kann Steranko auch eher als Art Director auffassen, der zwar das zeichnerische Handwerk nicht perfekt und nicht eigenständig beherrscht, dafür aber immer Ambitionen hatte, Elemente aus unterschiedlichsten Quellen zu kombinieren – was für die damaligen Comics, die im Akkord produziert wurden, selten war. So ist ein berühmtes Cover (Nick Fury – Agent of S.H.I.E.L.D. Nr. 6), das Nick Fury im Weltraum zeigt, beeinflusst von Wally Woods Arbeiten oder von Frank Frazetta oder Gary Morrow. Unzweifelhaft hat sich Steranko jedoch nicht nur bezüglich der Strichführung auf diesem Cover bei Will Eisners The Spirit bedient, sondern vor allem dessen grafische Ideen und Layoutideen sehr oft entlehnt. Typografisch-illustrative Lösungen waren das Markenzeichen von Eisner. Es werden jedoch Steranko diverse Innovationen zugeschrieben, die vor ihm Will Eisner bereits realisiert hatte. Auch ein viel zitiertes Stilmittel Sterankos, die Abfolge von Comic-Panels ohne Worte, ist nicht seines, sondern von Will Eisner eingeführt. Ein weiterer Grund, warum Steranko den Status einer Legende hat, ist, dass Comichefte als Medium nun einmal Trivialkultur sind. Der Plot der berühmten Steranko-Serien um Captain America oder Nick Fury – Agent of S.H.I.E.L.D. ist nun einmal trivial-patriotisch. Da ragt Steranko mit seinem collagenhaften Sammeln aller möglichen Elemente aus der Hochkultur heraus. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er als Zeichner oder Maler nicht sehr talentiert ist. Es gibt noch zwei Geschichten, die außergewöhnlich gestaltet sind und den Ruf von Steranko gestärkt haben. „Repent Harlequin said the Ticktockman“ und Outland. Steranko hat viel abgezeichnet und offenbar durchgepaust. Dabei bedient er sich stilistisch bei allem, was angesagt ist und Rang und Namen hat. Seinen nachhaltig gute Ruf verdankt Steranko dem Faktum, dass er bei vielen seiner wenigen Arbeiten an den Comicheften mehr wollte als das übliche. Er war eitel genug, mehr zu wollen als die herkömmlichen grafischen Arbeiten, und bediente sich an aktuellen Ideen, wo er sie finden konnte. Dabei ist sein Werk ein Konglomerat verschiedenster Versatzstücke, was aber nicht darüber hinweg täuschen kann, dass er einen eigenen Stil vermissen lässt. Wohl aber hat er Geschmack. Dass Jim Sterankos Werk Nick Fury Agent of SHIELD in der Artist’s Edition des IDW-Verlages erschienen ist, die nur hochklassig gezeichnete Werke nachdruckt, geht aber in Ordnung, weil die Heftserie trotz des vorher Gesagten Comic-historisch ihren Stellenwert hat; denn sie wollte visuell mehr, als die meisten anderen Superhelden-Comichefte, die es damals gab.