HeldWenn man über die Geschichte der stilprägendsten amerikanischen Comics nachdenkt, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Burne Hogarth als Zeichner der „Tarzan“-Tageszeitungs-Sonntagsseiten ab 1936. Manch einem Comic-Experten gilt er im Hinblick auf die Kunst der Comics als einer der besten Zeichner. Doch eines ist auffällig – Hogarth ist mit nur einer Comicfigur bekannt geworden, eben mit Tarzan. Alles andere, das er an Comics geschaffen hat, wirkt wie eine eher unbedeutende Fußnote in seinem Werk.

Warum eigentlich hat er nicht da weiter gemacht, wo er mit den Comics angefangen hat? Warum hat es nicht mehr atemberaubende Comics von ihm gegeben? Die Antwort darauf liegt auch in der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der auf der politischen Ebene Vorgänge zu beobachten waren, die auch heute wieder hoch aktuell sind.

Burne Hogarths Werdegang

Die Liste der von ihm geschaffenen Comics ist kurz und es ist nicht selbstverständlich, dass er die Hälfte seines Berufslebens nicht mehr Comics gezeichnet hatte sondern an verschiedenen Kunstschulen lehrte. Bereits im Alter von 12 Jahren wurde er am „Chicago Art Institute“ eingeschrieben. Sein Lebensweg mit seiner berufliche Laufbahn als Comiczeichner lesen sich wie folgt:

  • 1911: Geburt
  • 1923, im Alter von 12 Jahren, Kunsterziehung und Besuch von Studienkursen zu Anthropologie, Psychologie und Kunstgeschichte am „Chicago Crane College“, der „Northwestern University“ und der „Columbia University“ in New York City
  • 1926, Assistenzzeit mit 15 Jahren, Hogarth zeichnete zunächst Cartoons und Illustrationen für Tageszeitungen und Magazine
  • 1927: „Famous Churches of the World“ für Associated Editors Syndicate
  • 1929: Comicstrip „Ivy Hemmanhaw“ für Bonnet Brown Company
  • 1930: Comicstrip „Strange Accidents and Odd Occupations“ für Leeds Features
  • 1935: Kunsthistorische Lehrtätigkeit bei „Works Progress Administration“, die als Arbeitsbeschaffungsbehörde für Millionen Arbeitslose während der „Great Depression“ aktiv war; außerdem Assistenzzeit bei King Features und Comicstrip „Pieces of Eight“ für McNaught Syndicate
  • 1936-1945/1947-1950: Comicstrip „Tarzan“ für United Features Syndicate
  • 1945: Comicstrip „Drago“ für Robert Hall Syndicate
  • 1947: Lehrer und Mitinhaber der später „School of Visual Arts“ genannten Kunstschule
  • 1947/1948: Comicstrip „Miracle Jones“ für United Features Syndicate
  • 1958-1993: Danach erschienen noch die zwei Tarzan-Bücher „Tarzan of the Apes“ (1972) und „Jungle Tales of Tarzan“ (1976). Hogarth veröffentlichte außerdem eine Reihe an Anatomie-Zeichen-Lehrbüchern, die zwischen 1958 und 1993 entstanden. Zwischendurch zeichnete er Tarzan-Comicheft-Cover, arbeitete als Illustrator in der Werbung und behielt seinen Schwerpunkt in der Lehrtätigkeit.
  • 1996: gestorben

Schlecht bezahlte Comiczeichner

Weitere Comic-Veröffentlichungen und die Details seiner Buchveröffentlichungen sind hier nachzulesen. Der entscheidende Bruch bei den Arbeiten an „Tarzan“ für das United Features Syndicate kam der Aussage Hogarths zufolge 1945 zustande, weil man sich nicht über die prozentuale Beteiligung der weltweit publizierten Tarzan-Neuauflagen in Buchform einigen konnte, an denen er nicht beteiligt wurde. Da die damaligen Zeiten gerade für Comiczeichner finanziell nicht die besten waren und Hogarth mit seinem Folgestrip „Drago“ keinen Erfolg hatte, kehrte er zum Tarzan-Comic zurück, zerrieb sich aber zwischen Tarzan-Sonntagsseiten, Tarzan-Dailystrips und dem Aufbau seiner Kunstschule und seiner dortigen Lehrtätigkeit. United Features Syndicate wollte nicht davon ab, dass er auch die Daily-Strips produzieren sollte, was den Arbeitsdruck für Hogarth verstärkte.

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Der Kalte Krieg heizt ein

Man muss bedenken, dass Hogarth zwar selbstbewusst genug war, sich bei Tarzan nicht zu sehr zu verausgaben und unter Wert zu verkaufen. Er galt als gut bezahlter Comiczeichner und hatte auch Nebenarbeiten wie Comic-Werbeanzeigen und diverse Illustrationen erledigt. Ein anderer Aspekt ist, dass Hogarth in einer Zeit des Kalten Krieges groß wurde, in der in Amerika Kommunisten und alle, die man dafür hielt, verfolgt wurden. So waren etwa Filmschauspieler und Filmgrößen wie John Wayne, Ronald Reagan (von 1981-1989 auch der 40. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika), Gary Cooper, Cecil B. DeMille, Walt Disney, John Ford, Clark Gable, Ginger Rogers, Barbara Stanwyck, Robert Taylor oder King Vidor Mitglieder der antikommunistischen „Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals“, die dafür sorgte, dass unliebsame Drehbuchautoren oder Schauspieler Schwierigkeiten bekamen, Jobs zu finden. Die „Allianz“ wiederum arbeitete mit Organisationen wie dem „House Un-American Activities Committee“, also dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ zusammen oder direkt mit Senator Joseph McCarthy, dem Vorsitzenden des „Chair of Senate Government Operations Committee“. McCarthy war Namensgeber des zum Paranoiden neigenden „McCarthyism“ bzw. der „McCarthy-Ära“, in der Andersdenkende bzw. kritisch Denkende auch in der Medienlandschaft im weitesten Sinne befragt, verfolgt und verunglimpft wurden. Vor allem aber kann McCarthy als historischer Vorläufer solcher Politiker wie Donald Trump oder Boris Johnson gelten, weil er die politische Lüge zum Strategieinstrument umfunktionierte, mit der er im aufkeimenden Medienzeitalter Wähler-Aufmerksamkeit für sich generierte. McCarthy begriff schnell, dass sensationelle, aus der Welt gegriffene Behauptungen, einen höheren Nachrichtenwert haben.

Konstruierte kommunistische Unterwanderung

So behauptete er, die amerikanische Regierung sei kommunistisch unterwandert. In der sogenannten „Wheeling-Rede“ (benannt nach dem Ort Wheeling in West Virginia) vom 9. Februar 1950 sagte McCarthy, der vor dem Krieg Demokrat gewesen war und danach Republikanerer, er hätte eine Liste mit 205 kommunistischen Mitarbeitern des amerikanischen Außenministeriums. Auch griff er den amerikanischen Außenminister Dean Acheson als Mitwisser dieser angeblichen Unterwanderung an. Aufgefordert, seine Behauptungen zu belegen, wurde McCarthy ungenauer, nannte in der Folgezeit andere Zahlen und konnte nicht einen einzigen konkreten Namen beibringen. Allerdings verfing die McCarthy-Stretegie fortwährender Lügen in den Medien, obwohl die von ihm behauptete Liste gar nicht existierte. Die Medienwirklichkeit der kommunistischen Unterwanderung Amerikas war geboren.

Paranoia-Zeit der harten Einschnitte

Die Zeit nach dem 1. Weltkrieg zwischen 1914 bis 1918, die Zeit der Weltwirtschaftskrise, die 1929 begann und über ein Jahrzehnt lang Auswirkungen wie hohe Arbeitslosigkeit brachte, und schließlich der 2. Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 hatten die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Amerika ökonomisch stark beeinträchtigt. Andere Ereignisse wie der Sieg der Kommunisten in China 1949 mit Mao Zedong an der Spitze hatten zu einer Verunsicherung der Amerikaner beigetragen. McCarthy destabilisierte mit immer neuen unbewiesenen Behauptungen das amerikanische Sicherheitsempfinden. Die damaligen Ereignisse erinnern fatal an heute. Nur ist das Label der scheinbaren, allumfassenden Bedrohung nicht mehr der „Kommunismus“ sondern heutzutage der „Islam“. Burne Hogarth hatte im politischen Klima der damaligen Zeit gelebt und gearbeitet.

Populismus-Konzepte früher und heute

Als McCarthy schließlich mehr und mehr gedrängt worden war, die Namen der von ihm behaupteten kommunistischen Spionen im Außenministerium zu nennen, legte er einige wenige vor, die genannten Personen stellten sich aber als nicht-kommunistisch heraus. Das war aber erst der Auftakt der populistischen Einflussnahme von Joseph McCarthy, in dessen Folge eine Art Hexenjagd nicht nur auf Intellektuelle begann. Damals wie heute fielen diesen Umtrieben auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen viele Menschen und Karrieren zum Opfer. Nur zwei Beispiele:

  • Romancier Nelson Algren: Bekannt ist zum Beispiel, dass Nelson Algren, der Autor des Romans „Der Mann mit dem goldenen Arm“ (und teilweise der Lebensgefährte von Simone de Beauvoir) immer mehr Schwierigkeiten hatte, seine Bücher zu veröffentlichen, auch weil er mutmaßlich auf einer schwarzen Liste stand. Algren war bekennender Kommunist aber er hatte nichts und niemanden unterwandert.
  • Drehbuchautor Dalton Trumbo: Ein weiteres Bespiel ist der Autor, Drehbuchautor und Regisseur Dalton Trumbo, der mit seinem Buch und Anti-Kriegs-Film „Johnny zieht in den Krieg“ bekannt geworden war. Trumbo verweigerte eine Aussage vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ und berief sich dabei auf den fünften Zusatzartikel der US-Verfassung. Das ist ein nachträglich eingefügter Bürgerrechtsartikel, der unter anderem mit einschließt, dass gemäß eines Auskunftsverweigerungsrechtes niemand in einer Untersuchung gegen sich selbst aussagen muss. Dennoch musste Trumbo wegen Missachtung des Kongresses für elf Monate ins Gefängnis und erhielt defacto ein Berufsverbot. Er umging dies, indem er unter falschem Namen arbeitete und konnte so lange Zeit nicht unter seinem eigenen Namen Drehbücher schreiben. Erst 1960 tauchte sein Name wieder offiziell in Filmen auf. Zwei seiner Drehbücher, die unter falschem Namen entstanden waren, bekamen Oscars.

McCarthys Diffamierungs-Kampagne

McCarthy fuhr fort, unliebsame politische Gegner als Kommunistenunterstützer oder kommunistisch beeinflusst bzw. unterwandert zu diffamieren. Selbst die Truman-Regierung bezichtigte er einer geheimen umfassenden Verschwörung. Bald darauf sah er in jedem, der nicht proaktiv kommunizierte, gegen Kommunisten zu sein, einen Kommunisten. Die Nicht-Erfüllung seines Postulats stilisierte er zum Beweis der Kommunistenschaft. Tatsächliche Beweise blieb er meist schuldig.

Burne Hogarth als Opfer?

Diese Schilderungen mögen einen Eindruck von der damaligen Atmosphäre geben. Burne Hogarth war offensichtlich Kommunist und hatte mit seinem Tarzan-Comic einen der weithin beachteten Comics dieser Tage vorgelegt und war ein viel beschäftigter Zeichner. Ob und inwieweit er der Kommunistenhatz zum Opfer fiel und inwieweit er auf einer schwarzen Liste stand, ist nicht bekannt. Paul Chadwick hatte 2018 jedoch unter einem Artikel, in dem das Leben Hogarths nachgezeichnet wird, folgenden Kommentar geschrieben:

  • Originaltext: „Years later Archie Goodwin told me Burne exhorted a gathering of comics professionals who were discussing forming a guild or union that they should en masse join the Communist party. The suggestion landed with a wet thud on the floor.“
  • Deutsch übersetzt lautet dieser Kommentar etwa: „Jahre später erzählte mir Archie Goodwin, dass Burne eine Versammlung von Comic-Profis anregte, die über die Gründung einer Gilde oder einer Gewerkschaft diskutierten, die sich der Kommunistischen Partei anschließen sollte. Der Vorschlag landete mit einem feuchten Plumps auf dem Boden.“

Burne Hogarth vor dem Komitee

Außerdem ist bekannt, dass Burne Hogarth und sein Kompagnon bei der „Cartoonists and Illustrators School“, Silas Rhodes, die danach in „School of Visual Arts“ umbenannt wurde, 1956 vor das McCarthy-Komitee nach Washington geladen und befragt wurden. Sie beriefen sich ebenfalls auf den 5. Verfassungszusatz. In der Befragung hat Rhodes McCarthy angeschrieen und McCarthy hat geantwortet: „I don’t doubt a bit you are a full-fledged Communist.“ Übersetzt: „Ich zweifle nicht im geringsten daran, dass Sie ein richtiger Kommunist sind.“ Hogarth und Rhodes hatten als Geschäftsidee gehabt, Kriegsveteranen zu Illustratoren auszubilden. Über ein Bundesgesetz zur Wiedereingliederung von Veteranen (das „G.I. Bill of Rights“) bekam ihre Schule dafür Fördergelder. In der Anhörung ging es darum, keine Schulen mehr zu bezuschussen, die vorgeblich kommunistisch unterwandert waren. Wobei auch viele unter der Kampagne leiden mussten, die keine Kommunisten waren.

Warum hat Hogarth so wenig gezeichnet?

Burne Hogarth, der Mann mit den genialischen Fähigkeiten als Zeichner klassisch erzählter Abenteuercomics, hätte der Welt als Comic-Zeichner mehr bieten können, als er letztlich publiziert hat. Dass er es nicht getan hat, hat verschiedene Gründe gehabt:

Monetäre Gründe, denn er wollte mehr Geld verdienen. Früh war ihm klar geworden, dass Zeichner von den Publikations-Agenturen, den „Syndicates“, bezüglich ihrer Rechte ausgenutzt wurden. Ein paar Jahrzehnte später sollte das in der Comic-Szene zum großen Thema und vielerorts geändert werden.

Künstlerische Gründe: Hogarth war ein früh Hochbegabter, der dahin kam, Kunst zu schaffen. Während er Tarzan zeichnete, schuf er für sich selbst Kunst an seinen freien Tagen und Wochenenden. Aber er wollte noch mehr in die Bildende Kunst eintauchen und war vor allem auch kunsthistorisch interessiert. Comics gaben ihm da zu wenig Raum zur Entwicklung.

Unternehmerische Gründe: Burne Hogarth war eigenwillig genug, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Er sah im ökonomischen Wiederaufbau Amerikas nach dem 2. Weltkrieg auch eine Chance für sich.

Politische Gründe? Inwieweit ihn die McCarthy-Ära aus der Bahn geworfen oder beeinflusst hat, ist nicht klar. Hätte er weiter Comics zeichnen können oder hätte er es auch unter anderen politischen Umständen nicht getan und sich trotzdem praktisch nur noch seiner Lehrtätigkeit und dem Bücherschreiben gewidmet? Zeitlich betrachtet hatten Hogarth und Rhodes ihren ersten Fördergeld-Bundeskontrakt erst 1952 oder etwas davor erhalten, also etwa zwei Jahre, nachdem Hogarth den Tarzan-Comicstrip endgültig zu den Akten gelegt hatte. In dem Buch „The Colored Cartoon, Black Representation in American Animated Shortfilms“ von Christopher P. Lehman ist vermerkt, dass unter anderem Burne Hogarth aber auch die Comic-Legenden Joe Shuster („Superman“) und Milton Caniff („Terry and the Pirates“) an einem Filmprojekt mitwirken wollten – wobei Caniff alles andere als ein Kommunist war, eher ein militärorientierter Nationalist. Dort steht zu lesen: „Their Association with a Project based on allegedly communist literature had the potential to taint their careers.“ Übersetzt heisst das etwa: „Ihre Assoziierung mit einem Projekt, das auf angeblich kommunistischer Literatur beruhte, hatte das Potenzial, ihre Karriere zu beeinträchtigen.“

McCarthy und Burne Hogarth

Im Amerika, das mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu tun hatte, gab es damals wie heute zwei Antworten: Stramm nationalistisch mit populistischen Auswüchsen, wie Senator McCarthy das verkörpert hatte, und kapitalismuskritisch wofür heutzutage etwa der Demokrat Bernie Sanders steht. Der damalige Kommunismus in Amerika bedeutete eine Konkurrenz zwischen zwei Systemen und damit zum anderen alternative Überlegungen zum Bestehenden. Burne Hogarth galt als beredsam und meinungsstark. Er wird seine Überlegungen Kollegen und vielleicht auch Schülern kommuniziert haben und ist denunziert worden, was ihn letztlich vor den McCarthy-Untersuchungsausschuss befördert hat. McCarthy hatte zum Ziel, alles was in seinen Augen kommunistisch war, inklusive der amtierenden US-Regierung, zu verunglimpfen und dort, wo er konnte, Kommunisten die Arbeit zu entziehen. Auch heute wieder wird im Bereich der Comics in Amerika (Stichwort #Comicgate) versucht, unliebsame Autoren und Zeichner zu verunglimpfen. Hogarth könnte dieses Gebahren damals den Absprung in seine Selbstständigkeit mit einer Zeichenschule erleichtert haben. Der Comicwelt sind dadurch unter Umständen einige Meisterwerke entgangen.