Big brother is watching you

George Orwell hatte in seinem Überwachungs-Staat-Klassiker „1984“ die Vision, dass in unser aller Wohnung eine Art Fernseher steht, in den man nicht nur hineingucken kann – der Fernseher kann auch zurückgucken und Dich überwachen.

Liest man diese Überwachungsidee Orwells zum ersten Mal, hat sie etwas beängstigend Folgerichtiges. Orwell bezog sich auf Fernsehgeräte, die ab Anfang der 1930er Jahre Einzug in die Wohnzimmer gehalten hatten und die heute als Mittler einer zweite Lebenswelt etabliert sind. Was nicht so überzeugend in „1984“ wirkte, waren Überwachungsanlagen in der Außenwelt: Mikrophone und Kameras konnten schließlich nicht überall in der weitläufigen Natur vorhanden sein. Und das Zeitalter der Satelliten war noch nicht angebrochen. Irgendwie fehlte in Sachen „Überwachung“ zudem die aberwitzige Wendung. Jene Wendung, die dem Leser im Sinne einer klassischen Tragödie hätte verdeutlichen können, dass alles noch viele paranoider wäre – weil selbst herbeigeführt. Ein mächtiger Überwachungsapparat ist ein klarer Feind. Was aber, wenn man selbst die Grundlage dafür legt, überhaupt überwacht werden zu können? Mehr noch: Wenn man sich quasi selbst überwacht? Das klingt schon irrwitziger, und es beschreibt genau die Situation, in der sich heutzutage jeder Smartphone-Nutzer mit Internetzugang befindet.

„1984“ als Vorläufer des Smartphone: Technisierte Überwachung

„1984“ ist noch unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges zwischen 1946-48 geschrieben und ein Jahr später veröffentlicht worden. Orwell hatte einfach die Jahreszahl „48“ in „84“ gedreht, um gedanklich in die ferne Zukunft enteilen zu können. „Überwachung“ ist dabei die eine Achse des Schrecklichen im Roman, der ein perfekt-totalitäres System schildert. „Manipulation der Wirklichkeit“ und „Gehirnwäsche“ die andere Achse. Aus heutiger Sicht, bei der Begriffe wie „Datenschutz“, „Vorratsdaten-Speicherung“ oder „Internet-Profile“ zum Thema geworden sind, bemerkenswert, dass der Held aus „1984“ ein „Winston Smith“ ist, also einer, der einen unspezifischen, austauschbaren Allerweltsnamen trägt. Die konsequente Steigerung eines solchen Namens wäre die Durchnummerierung von Menschen. Tatsächlich ist heutzutage die IP-Nummer des Gerätes, mit dem man ins Internet geht, zunächst relevanter als der eigene Name. Smith will seine Privatsphäre schützen, auch weil er sich verliebt hat. Er möchte sein Leben leben, am besten ohne Überwachung. Das erinnert ein wenig an den zeitgemäßen Wunsch der informationellen Selbstbestimmung des heutigen ganz realen Bürgers.

Überwachung als informationelles Harakiri?

Der Wille zur Überwachung erwächst im Buch aus dem Bestreben des Regimes, alle Menschen zu kontrollieren. Die Überwachung vollzieht sich über den sogenannten „Teleschirm“, der überall vorhanden ist. Aus heutiger Sicht muss man konstatieren: Er hätte einen gravierenden Nachteil, ihm fehlt nämlich die Mobilität, die Eigenschaft den Menschen durch seinen Alltag zu begleiten. Im Zeitalter des mobilen Internet erscheint das orwellsche Modell naiv, weil ja auf der Hand liegt, dass die totale Überwachung sicherstellen muss, den Menschen nie aus den Augen zu lassen, um ihn wirklich lückenlos überwachen zu können. Hier spielt das Zeitalter der Ortsbezogenheit und Geolocation per GPS eine entscheidende Rolle, weil nicht nur Weltanschauung, Interessen und Verhalten des einzelnen Menschen über sein Surfverhalten und die Katalogisierung der von ihm besuchten Seiten beschreibbar sind sondern zudem sein Aufenthaltsort. Hier kommt der Begriff der „Augmented Reality“, der „erweiterten Realität“, zum Tragen: Grundlage auch dieser Technik sind nämlich GPS und damit ein äußerst präzise ermittelter Aufenthaltsort. Sonst würde das System nicht funktionieren. Bin ich beispielsweise in einer fremden Stadt, kann ich mein Handy auf einen Ort, eine Sehenswürdigkeit, ein Haus oder ein Restaurant richten und es blendet mir textlich oder audiovisuell weitere Informationen dazu ein. Koppelt man die Internetprofile eines Menschen mit denen anderer Menschen, mit denen er zu tun hat – zum Beispiel auch, wenn er in sozialen Netzwerken mit Gleichgesinnten interagiert –, kann man soziale Gruppen und ihre Aufenthaltsorte und Bewegungsprofile isolieren. In den Händen eines totalitären Regimes geben die Daten, die beispielsweise Facebook, Google oder Twitter verwalten, Aufschluss über Regimegegner, deren politische Gesinnung und deren Kreise von Sympathisanten. Hier schließt sich der ideele Kreis hin zu „1984“. Das ist kein Science Fiction mehr sondern spielt ganz real heute bei Regimen – ob in Libyen oder China – eine große Rolle. Die physisch ausgetragene Unterdrückung hat sich ins Virtuelle verlagert. Wobei „virtuell“ nicht „konsequenzenlos“ bedeutet. Im Gegenteil. Der Überwacher weiß heutzutage viel mehr über sein Opfer und kann anstatt einzelner Personen ganze Sympathisanten-Gruppen über soziale Netzwerke ausspähen und letztlich von der Bildfläche verschwinden lassen.

Der Propagandakrieg als neue Dimension der Auseinandersetzung

Auch bei Orwell geht es aber mustergültig weit über die reine Überwachung hinaus. Basierend auf den Strategien ab dem 2. Weltkrieg ist ein Krieg nicht nur ein gewaltdurchdrungenes physisch-technisches Kräftemessen der Armeen, sondern zugleich ein Propagandakrieg mit gefälschten, retuschierten oder zensierten Informationen, otos, Filmen und vieler weiterer medialer Vermittlungsebenen. Orwell’s fiktives „Ministerium für Wahrheit“ sammelt nicht nur Daten über alle Menschen, es fälscht und manipuliert die Wirklichkeit. Unliebsame Wahrheiten werden aus Dokumenten getilgt und unwiederbringlich gelöscht. Zugleich werden sogar Gedanken durch Selbstsuggestion und Gehirnwäsche unterbunden. Ein Zuwiderhandeln nennt sich im Buch demzufolge „Gedankenverbrechen“/„Thoughtcrime“. Wer wollte im Zeitalter der politischen Manipulation beispielsweise selbst von Wikipedia-Einträgen darin Science Fiction sehen?

Unser täglich Brot: Der allmächtige Algorithmus

Das Aberwitzige, jene irrwitzige Wendung, die Orwell noch gefehlt hatte, realisieren wir heute in jeder Sekunde unseres digital-virtuellen Lebens: Handys kosten 1 Euro, die Dienste von Google erhalten wir umsonst, der Austausch über soziale Netzwerke ist ebenfalls umsonst, eigentlich ist alles im Internet umsonst – scheinbar. Denn wir zahlen mit unseren Informationen, das Ergebnis ist unsere informationelle Selbstaufgabe, wir lassen uns wie beim Metzger fein-säuberlich in digitalisierte Häppchen zerlegen, die nur in dieser Form von Algorithmen interpretiert und weiterverarbeitet werden können. Wir lassen uns bit- und bytegenau wieder zu Sammelprofilen zusammensetzen, um uns mit genau der Werbung berieseln zu lassen, die scheinbar genauestens unseren Interessen entspricht. Dass dies die Theorie ist, ist ein weiterer Witz der Sache. Denn die Wortanalysen unserer Beiträge im Internet bewirken manchmal werbemäßig das Gegenteil. So wird die Twitter-Ikone „Magermaus“, bei der ein Mädchen anonym von ihrer Magersucht berichtet, auf Twitpic mit Werbung belästigt, die gar nicht passt. Der sprachanalytische Algorithmus, der die Häufigkeit bestimmter Begriffe im Sprachgebrauch auflistet, danach eine Interessenslage ermittelt und in Sekundenbruchteilen personenbezogene Werbung aussucht, die der ermittelten Interessenslage entspricht, hat gar nicht verstanden, worüber Magermaus tatsächlich twittert: Gesundheitliche und psychische Probleme und den persönlichen Niedergang einer Magersüchtigen, die zwar wohl viel übers Essen schreibt, aber keinen Hunger hat. Da weiß man eigentlich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll, wenn man die Werbung daneben sieht:

Magermaus

Bei diesem Twitpic-Bild wurde eine Werbung für Schönheits-OP's eingeblendet. Ob Magermaus das gefallen hätte? (Copyright der Illustration: "Magermaus")

Magermaus

Fett weg-Werbung. Auch etwas Irrwitzig für jemanden, der über seine Magersucht berichtet (Copyright der Illustration: "Magermaus").

Daten-Entäußerung contra Demokratie

Es ist gar nicht schwer, selbst im ganz großen Maßstab demokratische Mechanismen der Selbstbestimmung auszuhebeln. Die USA, England, Kanada, Australien und Neuseeland haben ab den 1990er Jahren in einem Verbund das Echalon-System betrieben. Das ist ein Spionage-System, das mittels Abhörstationen am Boden und per Satellit Telefongespräche und andere Kommunikations-Formen wie E-Mails, Funk usw. überwachen – das heißt mithören und aufzeichnen – kann. Die Anlage, die auch in Deutschland betrieben worden war, ist inzwischen abgebaut, vermutlich aber ersetzt durch die flächendeckende und weltweite satellitengestützte Überwachung. Computer werten dabei neben Informationen wie Adressen, semantisch Worte, Satzteile oder ganze Sätze aus, können Stimmen erkennen oder nach Themen suchen. Federführend betrieben wird der Spionagedienst von der amerikanischen NSA, die in Maryland allein dafür über 28.000 Mitarbeiter beschäftigt hat. Die zwischenzeitliche Digitalisierung fast aller kommunikativen Signale weltweit hat auch die Möglichkeiten, die Daten zu filtern und algorithmisch auszuwerten, ungeahnt erweitert. Man könnte sagen, dass die NSA die kommunikativen Lebensäußerungen der Welt über moderne Kommunikationstechnik erfasst und bewertet. Hätte Orwell sich das träumen lassen? Wenn in einem Personenkreis spezifische Begriffe überdurchschnittlich häufig in einem bestimmten Kontext verwendet werden, könnte die NSA diese Gruppe als terroraffin einstufen und genauer überwachen. Dass Echalon übrigens auch für Industriespionage zum Wohle der amerikanischen Nation eingesetzt worden war, ist verbrieft. Osama Bin Laden hatte, als er untergetaucht war, nie ein Handy oder das Internet genutzt, weil er um die Möglichkeiten der Überwachung gewusst hatte.

John Doe, Osama Bin Laden und Eric Schmidt

Guckt man amerikanische Krimis, in denen zunächst namenlose Leichen die Herausforderung des Ermittlers sind, wird man des öfteren mit dem Namen „John Doe“ konfrontiert. Osama Bin Laden wäre sicher gerne John Doe gewesen. „John Doe“ oder auch „Jane Doe“ wird im englischsprachigen Raum für eine nicht zu identifizierende (oft tote) oder imaginär-fiktive Person verwendet. Im Deutschen würde man „Max Mustermann“, „Lieschen Müller“ oder „N.N.“ sagen bzw. schreiben. („N.N.“ ist die Kurzform für „Nomen Nominandum“, was soviel wie „noch zu nennender Name heißt. Wir alle werden uns noch wünschen John oder Jane Doe zu heißen oder mit N.N. bezeichnet zu werden.) Eric Schmidt, der ehemalige CEO und jetziges Mitglied des Verwaltungsrates von Google Inc., denkt, dass die Menschen der Zukunft mehrmals in ihrer Lebensspanne ihren Namen ändern werden, weil der alte zu sehr von negativen Informationen belastet sein wird – ganz einfach, weil man heutzutage viel zuviel über jeden Menschen weiß. Dabei ist die Sammelwut von großen und kleinen Unternehmen oder von Geheimdiensten und öffentlichen Stellen das eine. Das andere aber ist die Naivität, mit der der moderne Webbürger gegen scheinbar freie Dienste und Gadgets sich und sein Leben als Digitalkopie zur Weiterverwertung weiterreicht. Orwell wäre angesichts dieser Wirklichkeit gewordenen Vision die Augen übergegangen. Denn die Kunst der Selbst-Überwachung grenzt an informationelle Selbst-Verstümmlung. Verstümmelt wird dabei möglicherweise die Freiheit des Individuums. „John Doe“, wenn es ihn als Mann ohne Eigenschaften tatsächlich gäbe, würde auflachen, wenn er sehen könnte, wie klar definiert heutzutage jeder einzelne Mensch der hochtechnisierten Staaten ist. Der Handlungsspielraum für den einzelnen wird enger. John Doe hätte diese Probleme nicht, weil niemand etwas über ihn wüsste.

Das semantische Ungeheuer: Worte als Verräter

Jede Standardisierung im Web, vor allem auch die Einführung des so genannten „semantischen Web“, bei dem nicht mehr nur formale sondern qualitativ-inhaltlichre Bezüge zwischen Informationen hergestellt werden, leistet der Überwachung Vorschub. Wenn Du in einer Theater-AG ein Stück gegen den Terrorismus aufführst und Dich im Vorfeld telefonisch mit Deinen Schulkollegen über das Stück und seine Inhalte austauschst, dann nehmt euch in Acht. Denn ihr werdet am Telefon überdurchschnittlich häufig Begriffe benutzen, die der Terroristen-Sprache zugeordnet werden, weil ihr darüber sprecht, wie ihr eine Terroristengruppe spielen wollt, die einen Anschlag plant. Aber nicht nur das: Ihr seid eine Gruppe, so überschreitet ihr schnell das durchschnittlichen Mittel der Verwendung von bestimmten Begriffen. Ihr stellt unter Umständen eine Gefahr dar, weil der Algorithmus keinen Spass und keine Ironie versteht. Ihr ragt aus dem allgemeinen informationellen Rauschen hervor, als potenzielle Gefahr. Die NSA könnte eure Internet-Profile überprüfen, welche Seiten ihr besucht habt, wer auf Facebook Eure Freunde sind. Wieviel Geld ihr auf dem Konto habt und ob in jedem Fall geklärt ist, woher es stammt. Ob ihr schon mal über eure Kontaktgruppe Berührungspunkte zu Menschen hattet, die ebenfalls verdächtig sein könnten. Vielleicht ergibt diese Recherche nicht Auffälliges. Vielleicht seid ihr aber schon mal auf einer Demo aufgefallen und dort gefilmt worden und vielleicht seid ihr anderweitig bezüglich einer bestimmten politischen Gesinnung hervorgetreten. Wer weiß, ob das nicht der Anstoß dazu ist, eure digitalen Spuren ein paar Jahre lang weiter zu verfolgen?

Echalon und die totale Überwachung

Die zeitgemäße Überwachung Marke „Echalon“ stelle ich mir vor als die Gesamtheit aller Worte und Bilder, die über elektronische Helferlein verbreitet und mitgeteilt werden. Die NSA wird Durchschnittswerte für das Vorkommen bestimmter Begriffe errechnet haben. Werden diese Durchschnittswerte überschritten, das heißt, werden häufiger als sonst bestimmte Begriffe, die man zum Beispiel mit Terror in Verbindung bringt, gebraucht, steigt statistisch die Wahrscheinlichkeit eines Anschlages. Kann man den Gebrauch dieser Worte lokalisieren, zum Beispiel bezogen auf den „Großraum London“, ist zu mutmaßen, dass dort ein Anschlag stattfinden könnte. Echalon funktioniert wie ein modernes Orakel. Mit der Terrorismus-Bedrohung wird eine solche Überwachung gerechtfertigt. Gefragt, ob Du überwacht werden willst oder ob Google oder Facebook Dich auf Schritt und Tritt im Internet verfolgen dürfen, wirst Du aber nicht. Der Orwell-Slogan aus „1984“ „Big Brother is Watching You!“, der als einschüchternde Warnung und Teil der gesamtgesellschaftlichen Gehirnwäsche gedacht war, ist zweifach Wirklichkeit geworden: Einmal im Sinne der Geheimdienste als irrwitziges Überwachungsinstrument, das jedes Sciene Fiction-Szenario etwas blass aussehen lässt und einmal von Seiten ungezählter kleiner und großer kommerzieller Datensammler – von denen Facebook, Google, Twitter oder Apple nur die Spitze des Eisberges sind. Alle spähen Dein kommunikatives Verhalten und Deine Lebensumstände aus und legen diese Daten in Profilen ab, die Dich haargenau beschreiben. Mit Deinem ungeschützten Internetverkehr und mit Nutzung Deines Smartphones schüttest Du immer weiter Daten in die Informations-Mühlen und sorgst dafür, dass Dein Profil immer aktuell bleibt. Diese Profile werden kommerziell von der Werbewirtschaft genutzt, befriedigen Geheimdienste, bringen freundliche Diktatoren zum Lächeln und schränken die freiheitliche Demokratie ein. Und der Initiator all dessen bist Du selbst. Der Kreis der Datensammelwut hat sich damit geschlossen.

(Dank an Barbara Ward für den Hinweis auf die Magermaus-Screenshots.)