TotentanzDie Medienwelt ist groß und breitgefächert. Sie besteht aus gedruckten Erzeugnissen – Presse, Comics, literarische Werke, Sachbücher –, aus audiovisuellen Botschaften via Film, Fernsehen, Internet und Radio. Zu ihr gehören neben Verlagen und Medienkonzernen auch Werbeagenturen und all die Freelancer zwischen Text, Grafik, Print und Web. Diese Medienwelt berichtet über die Welt da draußen. Sie spiegelt sie.

Indem sie sie abbildet und zugänglich macht, ersetzt sie in Teilen unsere direkte Wahrnehmung der realen Welt durch ihre kommunikativen Aktivitäten und Botschaften. Denn die Welt in ihrer Vielfalt und Gänze wäre für den Einzelnen so umfassend ohne die mediale Vermittlungsebene nicht wahrzunehmen. Doch das hat Nachteile.

Atemnot in der Informationsflut

Rein quantitativ hat das Entstehen der Medienwelt die Fülle an vermittelbaren und vermittelten Informationen über die reale Welt explodieren lassen. War im Vor-Medien-Zeitalter das Problem, überhaupt etwas über die Welt zu erfahren, ist nun das Problem in der Informationsflut das Richtige und Relevante zu erfahren. Zumal die Online-Medienwelt die Echtzeit immer mehr befördert hat und es inzwischen nicht mehr nur um Qualität sondern auch um Informationsmenge auf der Zeitachse geht.

Verflachung durch Echtzeit-Journalismus

Echtzeitjournalismus ist meist minderwertiger Journalismus, weil er die augenbicklichen Ereignisse nur breittritt und mit Mutmaßungen und Nichtwissen unterlegt. Ebenso ist die vermeintliche Echtzeitigkeit von Chat-Informationen und geteilten Links nicht im Sinne eines Erkenntnisgewinns. Es geht meist um das Bestätigen der eigenen relativ unpräzisen oder ungefähren Meinung und trägt nicht zur Öffnung des Meinungs-Spektrums bei, sondern zur Verfestigung, Verengung und geistigen Verarmung, bei der Fakten so lange gebogen werden, bis sie ins eigene Weltbild passen. Der Normalfall wäre, sich zu entwickeln und das eigene Weltbild immer wieder anzupassen, weil Informationen von außen wie bei einem Gedankenaustausch neue Erkenntnisse brächten.

Medien-Realität und Welt-Realität

Die Medienwelt befördert genauso wie die reale Welt Mythen und besondere Geschichten, die in ihr geschehen sind, die wiederum die Medienwelt abbilden und bezüglich ihrer Mechanismen und Ansprüche erfahrbar machen. Das Besondere an diesen medienimmanenten Ereignissen, die ein fortwährendes Thema bleiben, ist, dass sie einerseits die Grenzen der Medienwelt aufzeigen und andererseits eine Brücke schlagen zwischen medialer Virtualität und realer Welt. Denn in der realen Welt reiten z.B echte Cowboys auf echten Pferden. In der Medienwelt reiten Stuntmen auf dressierten Pferden und tun so als wären sie die Schauspieler, die wiederum so tun, als wären sie echte Cowboys. Und alle zusammen, die an einem Film arbeiten, tun so, als wäre die Geschichte, die audiovisuell gezeigt wird, wahr oder geradezu real. Auch ein Journalist, Ermittler oder Richter gibt vor, der Realität der Ereignisse nahezukommen und weiß doch, dass dies mal mehr und mal weniger gut geschehen wird. Was also ein Nachrichtensender verbreitet, wird als Bericht über die Realität angesehen. Im Nazi-Deutschland oder bei Fox-News in Amerika konnte und kann mit ansehen, wie unter dem Deckmantel der Nachricht Propaganda verbreitet wird.

Wo liegt die Trennlinie zwischen Fiktion und Realität?

Wenn dies bloße Unterhaltung bliebe und man meint, es gäbe stille Übereinkünfte zwischen Filmemacher und Zuschauer, die sicherstellen, dass man weiß, was wahr und unwahrhaftig ist, könnte die Medienwelt theoretisch funktionen, würde sie nicht ihre Rezipienten erziehen und konditionieren. So kann der waffengewaltige Bruce Willis in einer Kette weiterer Faktoren unter Umständen zum Vorbild für Amokläufer werden. Würde ein Clint Eastwood, der in seiner Dirty-Harry-Reihe Selbstjustiz am laufenden Band verübt hat, infrage stellen, dass seine Rolle reaktionär sei, weil dies bloße Fiktion ist und er ein Schauspieler und kein echter Selbstjustizler, könnte man ihm entgegenhalten, dass die Wirkung des Filmes zwischen Vernunft und Nachdenken auf der einen Seite sowie Wunschvorstellung und Emotionalität auf der anderen Seite verschwimmen kann. Inwieweit man auseinander halten kann, was Fiktion und was Realität sein dürfte, bleibt die Frage.

Pusteblume Filterblase

Nun ist in der Welt des Internet die Rede von Filterblasen. Dies sind abgeschlossene Räume bzw. Denk- und Kommunikationsräume, die dadurch entstehen, dass Algorithmen aufgrund einer Verhaltensauswertung verstärkt jene Informationen zugänglich machen, die der Meinung des Nutzers oder seinen Präferenzen entsprechen. Die plurale Informationsbasis wird dadurch tendenziell eingeschränkt. Anstatt sich also mit von der eigenen Meinung abweichenden Meinungen auseinanderzusetzen oder allgemeiner ausgedrückt: anstatt sich mit Andersartigkeit zu konfrontieren, was Unsicherheiten bringen würde, schottet man sich ab und lässt nur Meinungen zu, die tendenziell der eigenen entsprechen.

Falsche Bestätigung: Confimation Bias

Sieht man dies unter dem Blickwinkel des Confimation Bias (= Bestätigungsfehler oder Bestätigungsverzerrung), bei dem man jene Informationen präferiert, die dem eigenen Meinungsbild entsprechen, sieht man den Zusammenhang zwischen Filter-Bubble und Confirmation Bias. Hier spielt eine Rolle, dass das Gedächtnis sich besser an Verstärkungen erinnert. Hat man also eine Meinung und wird diese fortwährend bestätigt, wird damit der Bestätigte konditioniert und belohnt, indem er sich immer wieder selbst sagt, dass er recht gehabt hat. Die Wirkungsweise dieser Bestätigungsverzerrung des eigenen Meinungsbildes ist aber weitreichender. Weil es nicht einfach nur um eine Selektion einzelner Informationen aus einem Informationspool geht, sondern auch im Interpretation, Gewichtung und Auslegung von Informationen. So können selbst seriöse Statistiken mit unterschiedlichen Präferenzen im Hintergrund so uminterpretiert werden, dass sie völlig unterschiedliche Meinungen bestätigen.

Die algorithmische Filterblase

Die Neigung, sich durch die Bestätigung der eigenen Meinung zu belohnen, indem man entweder nur die dazu passenden Informationen aufnimmt oder Informationen in Richtung der eigenen Meinung uminterpretiert, korrespondiert mit der algorithmisch erzeugten Filterblase im digitalen Raum, die gar nicht erst abweichende Informationsfelder bereit hält bzw. ausspielt. Einem Facebook- oder Instagram-Nutzer werden so verstärkt Profile oder Posts vorgeschlagen, die er leicht in seine Welt integrieren kann. Der Amazon-Algorithmus schlägt Bücher vor, die zu dem passen, was man bisher gesucht und gekauft hat, und die Suchmaschine präferiert Anfragen nach der persönlichen Such- und Verhaltenshistorie.

Wahrnehmungsverzerrung: das Reality Distortion Field (RDF)

Ein weiterer Begriff, der hier eine Rolle spielt ist der des Reality Distortion Field (=Wahrnehmungs-Verzerrungs-Feld), das durch die Überzeugungskraft von Steve Jobs bekannt geworden ist, der sehr oft soweit an die Unmöglichkeit seiner Zielsetzungen glaubte, dass er Mitstreiter mitriss, das schier Unmögliche zu realisieren. Aus dem jeweiligen damaligen Blickwinkel schien eine bestimmte Aufgabe oder eine bestimmte Terminsetzung bei der Entwicklung des Personal Computers oder des Smartphones unmöglich, aber Jobs überzeugte sein Team von der Möglichkeit, es doch zu realisieren. Er unterwarf damit die Welt und ihre scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten der Kraft seines Willens. Jobs stieß damit zum Teil auf Gegebenheiten, die sich dann doch als Unmöglichkeiten herausstellten, was zum Beispiel dazu führte, dass er bei Apple gehen musste, zum Teil war er aber so mitreissend und kontrollierend, dass er Dinge ermöglichte, die als unmöglich galten.

Platzende Informations-Blasen: Glaube und Weltverzerrung

Der Begriff des Reality Distortion Field korrespondiert mit den Begriffen Wahrnehmungsverzerrung und Glaubenssystem. Die menschliche Wahrnehmung wird vom Gehirn als Rechenzentrum gefiltert und hierarchisiert. Sie ist also nicht objektiv, bildet nicht einfach nur ab, was wahrgenommen wird, sondern priorisiert es etwa nach individueller Wichtigkeit oder danach, wie die Welt gesehen und mit einem übergeordneten Weltbild verknüpft wird. Die Wahrnehmung kann wie eine Vorurteils-Maschinerie auch Voreingenommenheiten verstärken. Die intuitive Wahrnehmung der Welt und ihrer Geschehnisse hat aber wiederum mit dem individuellen Glauben in einem Glaubenssystem zu tun. Der Glaube ist deshalb entscheidend, weil er ohne Wissen und Wissensbasierung gut funktioniert. Ein amerikanischer Präsident etwa, der deutlich von seinem Konkurrenten geschlagen wurde, behauptet einfach lange vor der Wahl, während der Wahl und nach der Wahl, in Wirklichkeit hätte er gewonnen, und sei betrogen worden, und sofern er Menschen hat, die ohne Prüfung der Fakten an ihn glauben, glauben sie auch jede seiner Lügen. In diesem Fall würden Wahrnehmungsverzerrung, instrumentelle Lüge und individueller Glaube korrespondieren und wieder einen von psychischen Befindlichkeiten definierten Raum der Realitäts- und Wahrnehmungsverzerrung bilden, innerhalb dessen theoretisch alles geglaubt werden kann. Der Übergang zur Entrücktheit von der realen Welt ist fließend. Die Informationsblase, die sich so ergibt, läßt keine mißliebigen Ansichten mehr hindurch und hat den Zweck, sich selbst zu bestätigen.

Digitaler Eskapismus

Die digitale Welt, die virtuelle Realitäten geschaffen hat, bietet ein effektives Instrumentarium, um aus einer informationellen Mischkultur eine Monokultur zu machen, in der sich Hass und Verschwörungsglaubens-Systeme zusehends anreichern. Ein teilweise Verarmung in der differenzierten Wahrnehmung der Welt ist das Ergebnis, das einhergehend mit ökonomischer Ungerechtigkeit in der Gesellschaft zu einer Polarisierung führt. Und überstarke, polarisierte Meinungen können zu radikalen Handlungen führen.