Maennergesicht
Es gibt viele Comicgeschichten, die erdacht oder sogar fertig getextet und gezeichnet aber nie gedruckt wurden. Barry Windsor-Smith ist ein Zeichner und Autor, dem das oft passiert ist. Man kennt das Pronlem von Regisseuren wie Stanley Kubrick (1928-1999): Er arbeitete an verschiedenen Projekten, das heißt, er bereitete seine möglichen Filme akribisch und langwierig vor, aber dann kam es oft doch nicht zur Realisierung. So hat Kubrick etwa jahrelang einen Film über Napoleon vorbereitet, als er jedoch mit seinen Vorarbeiten soweit war, kam ein Konkurrenzfilm schneller auf den Markt und das Kubrick-Projekt war gestorben. Das mag mit ein Grund sein, warum Kubrick vergleichsweise wenig Filme realisiert hat.

Die Gründe einer Nicht-Realisierung im Filmgeschäft können vielfältig sein, aber ein Grund, der zum Standard geworden ist, ist die sogenannte „Produktionshölle“. So nennt man einen Status, bei dem der Film Ewigkeiten beim Produzenten feststeckt und dann Jahre später – oder unter Umständen gar nicht – realisiert wird. Es kann an der Finanzierung liegen, daran, dass das Drehbuch nicht gefällt, daran, dass der Produzent auf einen Ansatz wartet, den Film marketingmässig zu bewerben oder am mangelnden Vertrauen, dass der Film einspielen würde, was man dafür ausgeben müsste. Auch die Arbeit an anderen Projekten und die damit einhergehende Arbeitsbelastung kann ein Grund sein. Was im Film geht, geht im Comic auch.

Barry Windsor-Smith, der Eigenwillige

Einer der Comicschaffenden, der bei den Verlegern angeeckt hat und dessen Projekte dann oft nicht das Licht der Druckmaschine erblicken durften, ist Barry Windsor-Smith. Seine nicht realisierten Projekte in der amerikanischen Superhelden-Comic-Kultur sind Legende. Man weiß von Barry Windsor-Smith, dass er eigenwillig und wenig kompromissbereit war und ist. Er hat zahlreiche Comicverleger öffentlich kritisiert und sich damit einiges verscherzt. Aber ganz grundlegend war er wohl meistens nicht mit der finanziellen und vertraglichen Konditionen einverstanden, weil er immer wusste, dass er einer der besten Comiczeichner in Amerika war. Dabei hätte man nach seinen Anfängen in den 1960er-Jahren und seiner preisgekrönten Phase Anfang der 1970er-Jahre denken können, dass er viele besondere Werke im Bereich der Comics würde schaffen können. Doch es kam etwas anders, obwohl sich die Comiclandschaft in den 1980er-Jahren grundlegend und eigentlich zu seinen Gunsten ändern sollte. Denn Barry Windsor-Smith wollte erwachsener erzählen, ihn nervten die Kinderinhalte.

The Dark Knight returns und Watchmen

Eine Zäsur in der amerikanischen Superhelden-Comic-Kultur leiteten nämlich zwei Werke als Heft-Mini-Serien ein, die den alten Superheldenmythos auf unterschiedliche Arten dekonstruierten und neu interpretierten. „The Dark Knight Returns“ (publiziert Februar bis Juni 1986) von Frank Miller und „Watchmen“ (publiziert September 1986 bis Oktober 1987) von Alan Moore und Dave Gibbons.

  • „The Dark Knight Returns“ zeigt einen gealterten, dunkleren und gewalttätigen Batman, der in einer verkommenen Welt letztlich sogar gegen Saubermann Superman antreten musste. Die Personenzeichnung war nicht mehr glorifizierend, die Darstellungsweise realistisch, der Held wurde noch stärker zum Antihelden.
  • „Watchmen“ kreierte einen eigenen Retro-Superhelden-Kosmos, in dem die Fallstricke und Widersprüche zwischen Superheldendasein, politischer Eingebundenheit und persönlich-menschlichem Schicksal Thema waren.

Vom Kinder-Medium zum Erwachsenen-Medium

Insgesamt markierten diese Werke einmal mehr die Abkehr von einem Infantil-Medium der Oberflächlichkeit hin zu differenzierteren Darstellungsweisen. Es ging bei Marvel, DC und anderen amerikanischen Verlagen immer noch um Superhelden, immer noch um Geschichten der Phantasie, aber plötzlich bevölkerten diese Erzählwelten nicht nur Übermenschen sondern zugleich Menschen mit Problemen, wie du und ich sie haben. Das gab es zwar im Jahrzehnt vorher schon einmal bei Marvel, nicht aber in epischer Breite und bis ins Detail ausgestaltet wie hier. Beide Werke thematisieren auch das Altern der Helden. Sie führten dem Medium „Superheldencomic“ vor Augen, dass es in die Jahre gekommen war und dass es Zeit wäre, erwachsen zu werden. Der kommerzielle Erfolg und auch die Reputation, die diese Werke seinem Verlag DC brachten, waren nachhaltig. Denn beiden Werken wurde literarische Qualität zugesprochen. In der Folge fühlten sich Comicschaffende ermutigt, erwachsener zu erzählen oder erwachsenere Inhalte zu bringen. Dies hatte seine Vorläufer in der 1970er-Jahren gehabt, in denen bereits Themen, die vorher auf dem Index standen, aufgegriffen worden waren.

Barry Windsor-Smith und seiner unpublizierten Projekte

Von diesem Geist beseelt hat Barry Windsor-Smith nach einer Auszeit von den Comics, in der er Kunstdrucke publizierte, vor allem den beiden großen Verlagen verschiedene Themen angeboten, die ambitionierter mit dem Superheldenthema umgehen wollten. Sein Ansatz hätte im Trend gelegen, allerdings war Barry Windsor-Smith wohl von seinen frühen Erfahrungen bei Marvel frustriert und offenbar nicht mehr bereit, künstlerische Kompromisse einzugehen. Seine nicht realisierten Projekte waren im einzelnen:

  • „Hulk“: Der Vorläufer seiner jüngst publizierten Graphic Novel „Monsters“ war Mitte der 1980er-Jahre als 23 Seiten starke Story um den Superhelden „Hulk“ entstanden, die Barry Windsor-Smith Marvel angeboten hatte. Sie ist nie realisiert worden. Barry Windsor-Smith sagt, dass er Verlag seine Grundidee der Geschichte entlehnt mit einem anderen Autor-/Zeichner-Team realisiert hat.
  • „Weapon X“: Zu der gefeierten „Weapon X“-Miniserie, die 1991 als Fortsetzung in „Marvel Comics Presents“ Nr. 72–84 veröffentlicht wurde, sollen noch ca. 40 unveröffentlichte Seiten vorhanden sein, die eigentlich mit den bereits veröffentlichten Seiten in einer Deluxe-Buchausgabe erscheinen sollten, was aber nie geschah, offenbar weil man sich nicht über die Konditionen einigen konnte oder es redaktionelle Eingriffe gegeben hätte.
  • „Superman“: 1999 hat Barry Windsor-Smith an einem Superman-Comic gearbeitet, das von DC nie veröffentlich wurde. Man weiß, dass DC gerade mit seinem Vorzeigehelden besonders sensibel und konservativ umgegangen ist.
  • „The Thing“: Nachdem Marvel Comics 1984 in „Marvel Fanfare“ Nr. 15 eine hervorragend gezeichnete und höchst originell geschriebene Geschichte um „The Thing“ von den Fantastic Four von Barry Windsor-Smith veröffentlicht hatte, war 1986 eine Serie mit demselben Protagonisten bereits offiziell angekündigt worden – aber nichts wurde veröffentlicht. 2006 wurde noch einmal angekündigt, dass die Geschichte als Graphic Novel veröffentlicht werden würde – aber auch das geschah nicht. Barry Windsor-Smith hat die unveröffentlichten Schwarz-/Weiß-Seiten vor einiger Zeit auf Facebook gepostet.
  • „Uncanny X-Men“: 1999 wurde von Barry Windsor-Smith das 56-seitige Hardcover „Adastra in Africa“ im Verlag Fantagraphics Books veröffentlicht. Dies war ursprünglich jedoch für die Marvel-Serie „Uncanny X-Men“ als „Lifedeath III“ um den Charakter „Storm“ bei Marvel geplant gewesen, hatte dort aber letztlich doch nicht erscheinen können.
  • „Storyteller“: Auch seine „Storyteller“-Heftserie, die bei Dark Horse zwischen 1996–97 erschienen ist, hat Barry Windsor-Smith nicht zuende gebracht. Unpubliziertes Material wurde später in Buch-Nachdrucken ergänzt.

Die Gründe der Nicht-Veröffentlichung

Warum diese und vermutlich andere Projekte nicht veröffentlicht wurden, kann man im Einzelfall nur ahnen: Barry Windsor-Smith wollte unzensiert ernsthaftere, realistischere und erwachsenere Inhalte veröffentlichen, wollte seine eigenen Geschichten schreiben, ärgerte sich über fehlende Text-Credits, fragwürdige Verträge, die ihm weiterhin die Urheberrechte abspenstig machen wollten – womit er seine ganze Schaffenszeit hindurch zu tun hatte – oder über zu schlechte Konditionen. Das führte selbst, wenn er veröffentlicht wurde, zu immer neuen Konflikten und Problemen. Man kann Barry Windsor-Smith mangelnden Geschäftssinn, Dogmatismus oder Fatalismus vorwerfen, konstatieren, dass er und das amerikanische System gerade der Großverlage nicht gut miteinander kompatibel waren und sind, oder dass dieses System grundlegend auf einem Ungleichgewicht beruht, das Comicschaffende strukturell als untergeordnete Produzenten und nicht als Kreativ-Kräfte ansieht. Ein bisschen wurde im neuen Jahrtausend zumindest das Image der Comicschöpfer aufgewertet, seit nämlich Disney und andere aus Comic-Verfilmungen ein Milliardengeschäft gemacht haben. Für Barry Windsor-Smith allerdings kam dieser Trand zu spät.

Späte Veröffentlichungen von Barry Windsor-Smith

Jedenfalls führten diese Gegebenheiten im Falle von Barry Windsor-Smith dazu, dass er nur wenige Serien zeichnete und schrieb und sich bei kleineren Verlagen wie Malibu oder Valiant temporär versuchte in die Selbstbestimmung zu retten. Das Ergebnis war durchwachsen. Die zeichnerische Qualität bei Malibu konnte nicht an seinen alten Zeichenstandard anknüpfen. Seine „Storyteller“-Heftserie bei Dark Horse überzeugte zeichnerisch teilweise, vor allem aber war die Farbgebung eine Besonderheit, und die Heft-Serie profilierte Windsor-Smith zunehmend als Autor denn als Zeichner.

Barry Windsor-Smith fehlt der amerikanischen Comic-Kultur

Wie andere Zeichner veröffentlichte Barry Windsor-Smith Einzelzeichnungen meist für Comicheft-Cover oder wenig kontinuierlich einzelne Hefte bestehender Serien. Das sind Arbeiten mit überschaubarem Aufwand, die dementsprechend schnell bezahlt werden. Er hätte die Fähigkeiten gehabt, Graphic Novels zu zeichnen und die Comickultur nachhaltiger zu beeinflussen. Gerne würde man in das Archiv von Barry Windsor-Smith schauen, um zu sehen, welche Schätze dort noch schlummern. Dass relativ wenig von Barry Windsor-Smith publiziert wurde, der einer der profiliertesten Zeichner ist, ist eines der Dramen der amerikanischen Comickultur.