Katwiesel

In einem Haus sorgt ein Sicherungskasten dafür, dass eine Überlastung des elektrischen Stromkreises nicht zur Katastrophe führt. So wie eine Sicherung den Stromkreis unterbricht, kann auch ein Mensch bei Überlastung ohnmächtig werden oder durchdrehen. Die elegantere Möglichkeit, um eine Überlastung beim Menschen gar nicht erst entstehen zu lassen, ist der Verdrängungsmechanismus. Er verhindert eine Sofortlast, indem er Traumatisches dem Zugriff des Bewusstseins entzieht.

Man stelle sich das vor: In Kenntnis der eigenen Belastungsgrenze, formt der menschliche Organismus einen abgeschotteten Bereich, den er ganz dem Vergessen anheim fallen lässt oder dosiert für eine erst nachfolgende Bewältigung zur Verfügung stellt. Oft erscheinen die zu bewältigenden Inhalte im Traum projiziert von einer Virtualitäts-Maschine wie ein Kinofilm, in dem man als Heldin oder Held durchlebt, was im realen Leben schwer zu ertragen war.

Der Traum als Film des Unbewussten

Der Traum ist aber ebenfalls dem bewussten Zugriff entzogen. Der Traum ist ein Inhalts- und Erlebnis-Reservoire, das man in einem Zustand des Schlafes, also der Abwesentheit, durchlebt. Handfeste Traumata oder peinliche Situationen, Entwicklungsschritte wie die Entdeckung der eigenen Sexualität oder des möglichen Todes im Alter werden hier in einem Automatismus thematisiert, betrachtet und sickern so meist hinein ins bewusst erlebte Leben.

Kunst als Therapie

Man kann manche Therapien als Methode auffassen, das Verborgene und Vergessene zu bewältigen, indem man es sich vergegenwärtigt. Vergegenwärtigung ist Auseinandersetzung. Es mag dabei zum Teil um eine dosiert-konfrontative Methode gehen, die in ihrem bewussten Erleben nicht einfach ist sondern schwerer wird im Akt der Betrachtung und der Formulierung bzw. Formgebung des Erlebten.

Das Trauma als Kunstwirkung

Doch lässt sich festhalten, dass Verdrängtes, das niemals das Tageslicht erblickt, schädlich wirkt, weil es das Innenleben schleichend negativ neeinflusst oder gar vergiftet. Denn traumatisch Erlebtes und dann Verdrängtes ist nicht ausgelöscht und wegradiert. Es ist vorhanden und befeuert Ängste. Die Kunst der Verdrängung ist deshalb nicht Vergessen sondern dosierte Bewältigung, die aber individuell verschieden ist. Ein und demselben Erlebten könnten unterschiedliche Menschen unterschiedliche Relevanz zuordnen.

Verdrängung im weitesten Sinne

Verdrängung kann deshalb weiter gefasst werden: Es geht im Verdrängungsprozess nämlich nicht immer nur um schwerwiegende Ereignisse und Traumata. Es kann um vieles Andere gehen, das man nicht ansehen will, zum Beispiel die eigenen negativen Eigenschaften, Fehler, die man gemacht hat, oder Verhaltensmuster, die man nicht ändern kann. Dazu zählt auch, wie und wodurch man sein Selbstbild konstruiert oder etwa, welche Art von Lebenslüge man lebt, die zu Widersprüchen und zu Konflikten führt.

Kunst als Bewältigungsstrategie

Es geht in der Auseinandersetzung mit der Welt und dem Bewältigen des eigenen Lebens also immer wieder um Aufgaben und Problemstellungen, die Denken, Fühlen und Handeln bedingen, Stress und Ängste erzeugen und so zu einer Belastung werden können. Das beginnt zum Beispiel beim Sportler, der eine Bestleistung erzielen will, geht über den Kaufmann, der vor einem Vertragsabschluss steht, und reicht bis hin zum Künstler, der einen Ausdruck für etwas sucht, das er innerlich spürt. Immer wieder bedingt eine Drucksituation eine Handlung, der Druck kann aber punktuell oder lang andauernd belasten, wodurch der Verdrängungsmechanismus zum Tragen kommt.

Kunst als Ausdrucksform

Dieser Verdrängungsmechanismus ist deshalb für die Kunst so interessant, weil sich aus ihm Träume und Unbewusstes speisen, die wiederum Ausdrucksformen bedingen, die in der Kunst wesentlich sind. Das bezieht sich nicht nur auf die Kunstrichtung des Surrealismus, der direkt Traummotive verarbeitet. Man kann annehmen, dass Kunst als Ausdrucks und Kommunikationsform ganz allgemein aus dem schöpft, das nicht bewusst ist und eher intuitiv empfunden wird. Kunst ist so betrachtet die Formsuche der Intuition. Künstler*innen sagen mit ihrer Kunst nicht nur etwas über die (Außen-)Welt aus, sondern auch über ihre Innenwelt. Kunst kann also als Bewältigungs- und Ermächtigungsstrategie, die Unbewusstes und Verdrängtes zeigt und damit nach außen kehrt, mithelfen, Belastungen abzubauen.

Kunst als Sprache des Unbewussten

Man kann in dieser Betrachtung noch weiter gehen: Ausübung und Kreation von Kunst können in einen ganz eigenen Symbolkosmos münden und eine Symbol-Sprachgenese des Unbewussten fördern. Das heißt, Kunst wäre für den jeweiligen Künstler eine individuelle Zeichen- und Symbolsprache, die aber nicht unbedingt vollständigt entschlüsselt wird. In der Folge entwickeln Künster*innen eine ästhetische Grammatik, die im Fortschreiten des Werkes eine kommunikative Metaebene aufbaut und etabliert. Die kann als mächtige Chiffre des Unbewussten einem Künstler etwas noch Grundsätzlicheres über sich selbst sagt und dem außenstehenden Betrachter über den Gegenstand des Werkes, der immer auch die Wahrnehmung und die Realität der Welt umfasst.

Kunst als Botschaft des Verdrängten

Was Kunst ihren Schöpfer*innen mitteilt? Das kann mit der recht konkreten Abbildung eines verdrängten Ereignisses beginnen, die verschüttet und verschlüsselt war und im Kunstwerk in einem ersten Schritt entschlüsselt werden soll. Der Sinn eines Bildes muss sich aber nicht sofort erschließen, weil er nicht offensichtlich vermittelt ist und deshalb bewusst für einen Künstler zuächst nicht zu entschlüsseln ist. Hier wäre das Kunstwerk fast als Traumersatz zu betrachten, allerdings nicht in flüchtig-virtueller Form sondern manifest und greifbar und damit auch begreifbarer. Kunst wäre damit ein Denk- und Fühlgegenstand der Betrachtung, der einer Entschlüsslung etwas näher kommt als der Traum. Denn dem Kunstwerk kann man nicht ausweichen, es nicht vergessen, es ist da und vorhanden und ganz real, und dadurch wird es konfrontativer und nachhaltiger und befördert eine Auseinandersetzung. Entweder mit Verdrängtem, das vorher scheinbar unsichtbar war und nun in der Kunst abgebildet wird, oder mit der Außenwelt, deren Komplexität nicht wahrzunehmen, nur zu ahnen ist und in der Kunst widergegeben werden kann.