Jahrzehntelang als Zeichner in der Comic-Branche tätig und dabei relativ gleichbleibend hervorragend zu sein, ist kaum möglich. Es hat damit zu tun, dass bei Comics viel schnell gezeichnet werden muss, damit man davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Ansonsten bleibt man nicht oder nicht nur bei den Comics und verdient mit anderen Arbeiten seine Brötchen.

Etwa für die Werbung (wie Neal Adams), beim Fernsehen (wie Howard Chaykin), beim Film (wie Kyle Baker, der mit der Graphic-Novel „Why i hate Saturn“ (1990) für Aufmerksamkeit gesorgt hatte), beim Trickfilm (wie der späte Jack Kirby), in der Spieleindustrie (wie Simon Bisley) illustrativ im Verlagswesen (wie Bill Sienkiewicz) oder als Buchcover-Illustrator (wie der berühmte Frank Frazetta, der als Comicszeichner angefangen hatte).

Quantität oder Qualität?

Man ist als bekannter Comiczeichner auch schnell versucht, eine Zusammenarbeit etwa im Rahmen eines Ateliers oder Studios mit Assistenten oder anderen Kooperationspartnern zu pflegen, die oft genug das Ergebnis um den Preis eines höheren Outputs verwässern. Dies bezieht sich etwa auf den Vorgang des Tuschens der Entwurfs-Bleistiftzeichnungen oder die Farbgebung. Manchmal hat ein bekannter Zeichner auch nur die Seiten anskizziert und lässt sie von anderen Zeichnern weiter bearbeiten, verfeinern und ausführen. Richard Corben hatte in späteren Jahren auch Assistenten und Kooperationspartner wie seine Tochter Beth, die für die Farbgebung zuständig war.

Comickunst am Fließband?

Und dann ist da noch der Kulturunterschied. In Japan und Amerika werden Comics in einem atemberaubenden Tempo und hochgradig arbeitsteilig wie am Fließband produziert. Das heisst, wenn ein Zeichner gleichbleibend hohe Qualität liefern können soll, dann müsste er eigentlich eher aus dem lahmen und verschnarchten Europa kommen. Denn hier wird langsam gearbeitet.

Lebenslang zeichnerische Comic-Meisterwerke

Richard Corben (Jahrgang 1940) jedoch, der am 2. Dezember 2020 achtzigjährig verstorben ist, war Amerikaner, kam also aus dem Land des Lohndumpings und der (ehemals) sklavenartigen Fließband-Zeichenarbeit und hat es dennoch geschafft, als hochbegabter Zeichner ein Meisterwerk nach dem anderen abzuliefern – und das mit nur extrem wenigen Ausnahmen bis hinein ins hohe Alter. Nur wenige Comiczeichner waren dazu im Stande. Die meisten Könner hatten im ersten Drittel oder bis zur Mitte ihres Lebens ihren zeichnerischen Höhepunkt und was danach kam, war eher zu vernachlässigen. Nicht so bei Richard Corben.

Richard Corben und Jean Giraud

Weltweit ist der Zeichner Richard Corben über seine Veröffentlichungen in „Metal Hurlant“ (Frankreich) sowie dessen Schwestermagazine „Heavy Metal“ (Amerika) und „Schwermetall“ (Deutschland) oder in anderen Erwachsenen-Comic-Magazinen wie dem belgischen „Gummi“ ab 1975 bekannt geworden. Dabei war er so etwas wie das amerikanische Gegenstück zu Jean Giraud alias „Moebius“, der der französische Starzeichner mit einem außergewöhnlichen in dieser Form noch nicht gekannten Zechenstrich war.

Metal Hurlant und „Den“

Während Moebius durch eine überbordende Vielstrichigkeit auffiel, brillierte Richard Corben bezüglich der Farbgebung mit der für Comics neuen und sehr aufwendigen Spritzpistolen-Technik, mit der er eine nie gesehene Räumlichkeit seiner Darstellungen erzielte, die für Aufsehen sorgte. Seinen darstellerischen Höhepunkt erreichte Corben in seinem Werk „Den“. Diese Geschichte hatte er zunächst im Undergrond-Comic „Grim Wit“ publiziert, richtig bekannt wurde sie aber über die Veröffentlichung in „Metal Hurlant“ und anderen. Später wurde „Den“ in Albenform publiziert und erhielt mehrere Fortsetzungen.

Strichtechnik und Farb-Zeichenwelt

Allerdings war Corben, was zu dieser Zeit etwas in den Hintergrund geriet, ebenfalls ein Meister der Schwarz/Weiß-Strichtechnik. Dies hatte er sowohl bei seinen Underground-Comic-Arbeiten der 1960er und 1970er-Jahre bewiesen als auch bei seinen Horror-Kurzgeschichten für die Magazine „Eerie“, „Creepy“ und „Vampirella“ des amerikanischen Warren-Verlages. Bei letzterem entwickelte er sich zwar zusehends weg von der Strichschraffur und hin zur räumlichen Grauwertsetzung oder oppulenten Farbgebung, doch manche früheren Arbeiten zeigen, wie virtuos er auch ohne Farbe zeichnen konnte. Vor allem in seinem Spätwerk für die Verlage Marvel (X-Men, Ghost Rider, Banner/Hulk, Punisher, Cage), Dark Horse-Verlag (Hellboy) oder DC (Swamp Thing, Batman und diverse andere) kam er auf diese Strichführung zurück.

Zeichnerische Obsession

Richard Corben war ähnlich wie Moebius auf seine ganz eigene Weise ein Meister der Übererfüllung des Visuellen, ein Besessener der zeichnerischen Seite der Comics, und es gab kaum etwas, was er nicht überzeugend darstellen konnte in seinen Horror- und Science-Fiction-Geschichten. Seine Figuren offenbarten alle menschlichen Seiten, im Positiven we im Negativen, seine Monster war megamonströs, seine Heldinnen und Helden überausgestattet mit primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, was dem Image von Corben in all seiner Drastik und Nacktheit der Darstellungen etwas schaden sollte. Denn diese Derbheit, etwa die Darstellung der Vergewaltigung einer Frau in seinem Comic „Mutant World“, all die voyeristische Nacktheit, die aus den Underground-Comics stammte, verlieh vielen seiner späteren Comics etwas Billiges, im Gegensatz zu Moebius, dessen Image stets intellektuell-esotherisch geprägt war.

Disput mit Comic-Magazin „Heavy Metal“

In einem in Heavy Metal abgedruckten Interview wurde Richard Corben nach seiner Vorliebe für große Brüste bei Frauen gefragt und dies in Bezug zu seiner Ehefrau gesetzt. Corben war außer sich, als er das gedruckte Interview las und verbat sich diese Anspielungen in einem Brief, der später ebenfalls in „Heavy Metal“ abgedruckt wurde. Dies mag zeigen, wie groß der Widerspruch zwischen einer gezeichneten Traumwelt und der realen Welt mitunter sein kann. Richard Corben galt als sehr introvertierter und sensibler Comic-Zeichner, der einen wesentlichen Teil seines Lebens – ähnlich wie Produktivitäts-König Jack Kirby – hinter seinem Zeichenbrett verbracht hatte. Seine Comics jedoch waren vollgestopft mit Sex und Gewalt, die von ihm dargestellten menschlichen Beziehungen wurden oft genug durch diese beiden Einflussgrößen dominiert.

Farbgebung und Strichtechnik

Man kann davon ausgehen, dass beide, Richard Corben und Moebius, in wesentlichen Teilen ihres anfänglichen Wirkens von den amerikanischen Underground-Comics beeinflusst waren – wobei der Amerikaner Corben sowieso selbst einer der wesentlichen Protagonisten dieser Bewegung gewesen war. Beide standen offenbar speziell unter dem Einfluss des Könnens eines der größten zeichnerischen Stilisten der Underground-Comics, des Underground-Comic-Pioniers Robert Crumb. Als weithin bekanntester Undergroudler mit kultigen Strips wie „Fritz the Cat“ und „Mr. Natural“ hatte Crumb eine meisterliche Schraffurtechnik entwickelt, die Moebius aufgegriffen und weiter verfeinert hatte, während Corben in seinen anfänglichen Undergroundjahrten direkter darauf Bezug nahm und sich schließlich in zwei parallele Richtungen entwickelte, die in seinem Gesamtwerk abwechselnd zum Vorschein kamen:

  • Zum einen entwickelte er eine ihm eigene Strich- und Schraffurtechnik, die mal grob und mal fein und exquisit sein konnte.
  • Zum anderen widmete er sich zunehmend ästhetisch wie technisch der Farbgebung und dann im speziellen der Farbgebung, die Räumlichkeit erzeugen und seine Figuren plastisch erscheinen lassen konnte.

Richard Corben und der Trickfilm

Richard Corben kam aus dem Trickfilm-Bereich, in dem er ein Jahrzehnt lang gearbeitet und dort all das gelernt hatte, das er auch für das Comiczeichnen gut gebrauchen konnte:

  • Körperproportionen und
  • die Darstellung des menschlichen Körpers in seinen Bewegungsabäufen sowie
  • Licht- und Schattensetzung.

Speziell im Hinblick auf Schattenwurf und räumliche Lichtwirkung war Richard Corben einer der talentiertesten Comiczeichner, den das Medium hervorgebracht hat, vielleicht sogar noch vor Will Eisner (bei dessen Comic „Spirit“). Andere Comiczeichner wie

hatten ebenfalls von ihrem Vorengagement beim Trickfilm profitiert und waren insbesondere zu Profis bei der Darstellung der Bewegungsabläufe des menschlichen Körpers und seiner Perspektivwirkung geworden.

Richard Corbens Scheinwelten

Richard Corben war ein überaus origineller visueller Geschichtenerzähler, der das Medium so gut beherrschte, dass er dessen Möglichkeiten als Zeichner höchst ökonomisch nutzen konnte, damit visuell nie Langeweile aufkam. Zugleich war er ein Meister der kreativen, phantastischen Darstellung, den Scheinwelten und deren Dekonstruktion im Sinne des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick (1928-1982) interessierten. Das war in einigen seiner Undergrond-Kurzgeschichten-Comics ein Thema aber auch in seinem Hauptwerk „Den“, in dem ein bebrillter, leptosomer Junge zu einem muskulösen Helden in einer anderen Dimension wird.

Zwiespalt im Gesamtwerk

Richard Corbens Comics changieren inhaltlich zwischen intellektuellem und aufklärerischem Anspruch und simplen Comic-Stereotypen. Angestammte Rollenbilder werden abwechselnd sowohl dekonstruiert als auch klischehaft dargestellt. Auf nur eine dieser beiden Kategorien sind seine Comics nicht festzulegen. So wie Corben Licht und Schatten in seinen Comics visuell höchst eindrucksvoll genutzt hat, so gibt es inhaltlich Licht und Schatten in seinem Werk. Visuell ist es jedoch über jeden Zweifel erhaben. Richard Corben ist eines der wenigen wahren Genies der Comic-Zeichenkunst – und im Gegensatz zu amerikanischen Zeichnern wie Jack Kirby oder Neal Adams hat Richard Corben sein hohes zeichnerisch-gestalterisches Niveau nie wirklich verlassen, selbst wenn er für Verlage wie Marvel oder DC gearbeitet hat.