Mensch mit PfeilenKunst strebt nach Wahrheit. Als Wahrnehmungs- und Wiedergabemethode betrachtet die Kunst die Welt und interpretiert sie. Das Ergebnis wird rezipiert und reiht sich ein in all die Versuche, der Welt und ihrer Abbildbarkeit gerecht zu werden. Wer dabei eine Sichtweise etabliert, die letztlich anerkannt wird, dem wird zugeschrieben, das Bewusstsein zu erweitern, weil er die Welt auf eine andere Weise als bisher abbildet und sie uns so aus einer anderen Perspektive offenbart – fast so, wie die Philosophie, bei der es um die Wahrheit ansich geht.

Dabei fällt auf, dass Kunst als visuelles Medium eine Ästhetik hat und einen Abbildungsgegenstand, also eine Form und einen Inhalt, eine Oberfläche und eine Tiefe. Daraus resultiert die Frage nach der Wahrheit und nach ihrem Gegenteil, nach der Möglichkeit einer Unwahrheit, durch Leugnung oder eine Art von Verschleierung. Es geht auch um den Gegensatz zwischen Wahrhaftigkeit und Lüge sowie zwischen Sein und Schein. Ist die Kunst als eigene Welt ein Verdrängungsinstrument aber zugleich ein Tabubrecher, der den schönen Schein torpediert?

Himmel und Hölle in der Kunst

Stell dir vor, du hättest die Wahl: Du kommst nach deinem Tod entweder in den Himmel, in dem alles herrlich ist, allerdings um den Preis, dass dieses schöne Leben und all seine Wunder nur durch permanente Lüge aufrecht zu erhalten ist, um das Schlimme, das den Englein, die Suppe versalzen könnte, komplett auszublenden. Oder du kommst in die Hölle, in der du ein leidvolles, entbehrungsreiches Leben führen müsstest, allerdings mit dem Vorteil versehen, dass dort permanente Ehrlichkeit herrscht. Denn der Schrecken würde besonders nachhaltig wirken, wenn der Höllenbewohner weiß, welche Untiefe hinter jeder menschlichen Fassade lauert. Wofür würdest du dich entscheiden?

Die Schönheit der Wahrheit

Wenn man jemandem die Wahrheit sagt oder als Künstler zeigt, kann es hässlich werden. Aber wie schön ist die hässliche Wahrheit in der Kunst bzw. wie schön hässlich sollte oder darf sie sein? Einige Künstler haben dem Betrachter Hässliches gezeigt, vielleicht manchmal die hässliche Seite des eigenen Selbst, und sind damit berühmt geworden. Ein paar Beispiele:

  • Otto Dix (1891-1969) zeigte in der Phase der neuen Sachlichkeit Zerrbild-Visagen des zeitgenössischen Menschen,
  • George Grosz (1893-1959) die Dekadenz von Gesellschaft und Großstadt,
  • Edvard Munch (1863-1944) die Brüchigkeit der menschlichen Seele oder
  • Jonathan Meese (geb. 1970) narrenkappenhaft die Welt der Neurotik als Groteske.

Manchmal befanden sich Künstler auf einer Trennlinie zwischen Schönheit und dem Schrecken der Welt und wandelten auf beiden Seiten. Entweder im Verlauf eines Prozesses der eigenen Veränderung oder als Tanz auf dem Vulkan mit Anleihen bei beiden Welten:

  • Francisco de Goya (1746-1828), malte zunächst bei Hofe des spanischen Königshauses Gemälde, später thematisierte er in drastischen Radierungen den Schrecken des Krieges und zeigte dabei eine neue Form von Realismus, der gar nicht mehr schön sondern dreckig und gewalttätig wirkte.
  • Aubrey Beardsley (1872-1898) war ein vollendeter Stilist des englischen Jugendstils und mischte ihn mit für damalige Verhältnisse unzüchtigen Motiven und mit Schreckensbildern.
  • Gilbert & George (geb. 1943 & 1942) perfektionierten als langlebiges Künstler-Duo  innerhalb eines strengen formalen Rahmens einen Hybrid-Stil zwischen Fotografie und Comicstrip und schufen über die Jahrzehnte hinweg ein schrilles Panorama, dem nichts Menschliches fremd war. Die mustergültige Formvollendung vieler Abbildungen steht oftmals im Kontast zu Motiven voller Aggression, mit Exkrementen und jedwedem Tabubruch.

Diese Künstler zeigten uns als zwei Seiten einer Medaille beides zugleich: das Ästhetische und Angenehme und das Unangenehme und Schreckliche. Was ist dabei die Wahrheit und was die Lüge und in Abhängigkeit stehen sie zueinander?

Verdrehte Zwillinge: Schönheit und Hässlichkeit

Manch ein Künstler überästhetisierte einerseits und trieb die Schönheit auf die Spitze, andererseits stellte er den Abgrund hinter der Menschlichkeit dar, manchmal, indem er sich der Schönheit bediente, um die Fallhöhe zwischen Schönem und Hässlichem spannend und widersprüchlich zu dehnen. Schönheit macht den Schrecken konsumierbar, andererseits verschlimmert sie auf den zweiten Blick seinen Irrwitz – die Drastik des Kontrastes ergibt einen Hingucker.

Wahrheit und Populismus

Die Hässlichkeit der Welt ist ganz real. Sie offenbart sich bei Goya, dem ehemaligen Ästheten höfischer Darstellungen, wenn er Kriegsgräuel rund um Napoleon Bonapartes Krieg auf der Iberischen Halbinsel (1807-1814) radikal darstellt. Hass und Hässlichkeit als ungeschminkte Wahrheit verkommenen Menschseins findet man heute in jeder Ecke des Web, in der diskutiert wird. Etwa in den populistischen Web-Fake-News. Wenn ein amerikanischer Präsident angesichts hunderttausender Toter twittert, Corona sei nur ein Schnupfen, ist das schwer erträglich. Wenn er sich selbst bereichert und anderen vorwirft, sie würden es tun, wenn er sagt, er hätte die Wahl gewonnen und andere wollten die Wahl stehlen, obwohl er es selbst mit aller Macht versucht hat – dann ist der Kontrast zwischen Wahrheit und Lüge am größten. Ihre Ambivalenz schafft ein gesellschaftliches Wahrnehmungs-Spannungsfeld. Ganz ähnlich wie in der Kunst, wenn dort die Extreme „Hässlichkeit“ und „Schönheit“ aufeinandertreffen.

über und unter der Oberfläche

Die Hässlichkeit des Hasses in dieser Art des lügenden Menschseins wird schnell spürbar. Die Lüge muss nicht, kann aber sehr hässlich sein, wenn sie sich um das, um das es geht, herumdrückt. Denn Lüge als angsterzeugende Feigheit wirkt hässlich. Also wäre im Umkehrschluss Wahrheit schön. Wer zeichnet oder malt, hat deshalb zwei prinzipielle Möglichkeiten, die naheliegend scheinen:

  • Die Schönheit der Welt darzustellen, indem er ihre Oberflächen präsentiert, oder
  • ihre Hässlichkeit zeigen, indem er unter die Oberfläche schaut und das „Dahinter“ zeigt.

An der Oberfläche kann etwa ein Lächeln sichtbar sein, unter dem Lächeln kann sich aber eine Absicht verstecken, die überhaupt nicht freundlich ist – Hässlichkeit und Schönheit wären dabei so nah beieinander, dass sie sich neutralisieren könnten. (Andererseits ist nicht gesagt, dass Hässlichkeit nicht auch an der Oberfläche sein könnte und Schönheit darunter. Die Vereinfachung ist hier ein Mittel der Veranschaulichung. Tatsächlich durchdringen sich Schönheit und Hässlichkeit und sind nur selten in Reinform vorhanden.)

Schönheit und Wahrhaftigkeit

Was also ist Schönheit? Offenbart sie sich tatsächlich in der Wahrheit bzw. einer Wahrheit? Wahrheit ist Mut und Offenheit. Wahrheit ist Ehrlichkeit und Ehrlichkeit schafft Vertrauen, auch wenn Ehrlichkeit zugleich Hässliches offenbart. Wer wollte wissen, was Menschen wirklich ganz tief drinnen denken? Etwa so wie in den hasserfüllten Kommentaren im Internet zu lesen, in denen Menschen eine Seite zeigen, die man so massiert im Vor-Internetzeitalter nicht kannte. Ein Ziel von Kunst ist als kleine Schwester der Wahrheit die Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit ist Unmittelbarkeit, Konfrontation, Street-Credibility, Ehrlichkeit. Wahrhaftigkeit hat deshalb einen guten Ruf, weil sie die Welt zeigt, wie sie auch ist, doch diese andere Welt ist dunkel und schwierig. Dem, der gerne verdrängt, zeigt sie, was wirklich geschieht. Sie radiert den „Blinden Fleck“ weg und zeigt uns all die Hässlichkeit, den Egoismus, die Krankheit und Verderbtheit. Und das soll schön sein? Es ist schön, sofern es echt ist, echt und real. Vorgeschobene Schönheit offenbart ihre Hässlichkeit in einer Seifenblasen-Virtuaität.

Die große und die kleine Wahrheit

Zudem befreit die Wahrheit von der Lüge, auch wenn dieser Vorgang schmerzhaft sein mag. Und: frei zu sein ist schön. Wer sich von einer Lebenslüge befreien kann, hat die Chance er selbst zu sein, so zu leben und zu wirken, wie es ihm gemäß wäre. Freiheit bedeutet, sich selbst zu verwirklichen, sich auszudrücken, kurz: man selbst zu sein, indem man selbstbestimmt agiert. Der Künstler tut dies, indem er sich sich selbst annähert, sich abbildet, sich in seiner Kunst Gewissheit über die Welt verschafft. So betrachtet, ist Kunst eine Suche nach Wahrheit – nach der großen umfassenden Wahrheit oder der kleinen individuellen.

Der Blinde Fleck und sein schmerzhaftes Radiergummi

Der Mensch ohne den blinden Fleck agiert wie eine Wahrnehmungslarve. Er muss sich an eine neue Sichtweise erst umständlich gewöhnen. Manch Künstler war in seiner Darstellungsweisen und seiner Formensprache unerbittlich und mutete seinem Publikum etwas zu. Zum Beispiel:

  • Lucian Freud (1922-2011) mit seinen erbarmungslosen Darstellungen nackter menschlicher Physiognomien.
  • Francis Bacon (1909-1992), der den Menschen als martialisches, gewalttätiges Wesen darstellt.
  • Egon Schiele (1890-1918), der das Sein bis kurz vor die Skelettierung des Menschseins trieb.
  • Pablo Picasso (1881-1973), dessen abstrakte Darstellungen zwar Allgemeingut und ikonisches Sinnbild für moderne Kunst ansich sind, ist hart mit der Liebe und den Liebesbeziehungen ins Gericht gegangen. Er hat dem Betrachter nichts geschenkt.

Schönheit der Seltsamkeit

Künstler sind deshalb in der Lage, Zeitströmungen aufzunehmen und zu verdichten, weil sie, indem sie einer Wahrheit nahe kommen wollen und deren Eigenartigkeit als schön empfinden, das Nicht-Gewöhnliche zeigen:

  • Pablo Picassos (1881-1973) Guernica kündigte einen Krieg an.
  • Franz Radziwill (1895-1983) zeigte eine endzeitige, zerstörte Welt.
  • Gottfried Helnwein (geb. 1948) zerrt den Mensch deformiert, als sexualisiertes Wesen, gar als Perversen ans Licht der Öffentlichkeit.
  • David Cronenberg (geb. 1943) oder David Lynch (geb. 1946) haben es sich als Filmemacher zur Aufgabe ihrer Kunst gemacht, Klischees des Wohlgefallens zu brechen das Abgründige zu zeigen.
  • H.-R. Giger (1940-2014) sieht die Welt als angsteinflössendes Horrorhaus.
  • Robert Mapplethorpe (1946-1989) hat als Fotograf überästetisierte Darstellungen von Blumen und menschlichen Körpern mit Erotik, Sex und dem Menschen als Lustobjekt kontrastiert.
  • William S. Burroughs (1914-1997), Beat-Autor und Sprachvirtuose mit dekadentem Humor, bot Surrealismus als intellektuelle drogen- und queer-gefilterte Welt-Betrachtungsweise.
  • Nelson Algren (1909-1981), Autor von „Der Mann mit dem goldenen Arm“ schrieb Literatur von unten als bodenständigen Naturalismus und leuchtete dabei das Leben der sozial deklassierten Verlierer des amerikanischen Raubtier-Kapitalismus knallhart aus.

Ist Schönheit immer Lüge?

Soll all das heißen, dass die vollendete Schönheit in den Werken von Künstlern wie

in Wirklichkeit hässlich ist oder etwas Hässliches hat? Dass deren mustergültige Schönheitsideale gemessen an der Realität eine Lüge sind? Die Überhöhung oder Idealisierung von Schönheit bzw. ihre Abstraktion mag eine eigene Methodik sein. Zu betrachten wäre sie in dem Wissen um den Grad der Idealisierung. Ein Auftrag dieser Kunst wäre es, visuell zu prognostizieren, wie die ideale Form aussieht. Als Kunstexkurs betrachtet mag das Sinn machen, oberflächlich betrachtet kann man die Schönheit der Mucha’schen Darstellungen wie eine positive Idealisierung ansehen, auf den zweiten Blick wirkt sie wie ein Zerrbild der Welt, etwa wenn man als Heizer auf einem Dampfer oder als Zwangsprostituierte arbeiten muss und im idealisierten Werk nur weltfremde Flachheit erblickt – eine Frage von Lebenswirklichkeit und Perspektive.

Verdrängung oder Konfrontation?

Der alte Streit zwischen der Kunstwelt und der Unterhaltungs-Industie, inwieweit es zum Menschsein gehöre, zu „verdrängen“, wie von den einen kritisiert wird, bzw. zu „entspannen“ oder „auszuspannen“, wie die anderen sagen, kann in die Einsicht münden, dass die Wahrheit als permanente Verabreichung nicht erträglich wäre. Der Mensch scheint ein Erkenntniswesen zu sein, das aufpassen muss, den Schleier der Wahrheit wohl dosiert zu lüften. Die Kunst hätte dann als Regulativ auch die Funktion, der Welt, die zur Scheinwelt tendiert, immer wieder das zu zeigen, was hinter der Oberflächlichkeit ihrer Schönheit lauert. Der Mensch hat andererseits ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Schönheit und Vollkommenheit. So bleibt am Ende die Wahl zwischen bequemer Schönheit und schmerzhafter Wahrheit – alles eine Frage der Dosis und des Intervalls der Abwechslung zwischen beidem.