Trumppresident

Wenn man den Auswüchsen in der politischen Landschaft beikommen will, hilft das Kabarett weiter. Da die Entgleisungen in der Politik kabarettistischer als das Kabarett selbst geworden sind, muss es neue Wege geben, die Politik zu entlarven. Deshalb scheint in die Bildende Kunst wieder mal ein kaberettistischer Faktor eingesickert zu sein.

Wie gut ist die Kunst bei der Vermittlung ihrer kritischen politischen Inhalte und wie relevant ist sie dabei? Am Beispiel Donald Trumps als Motiv in der aktuellen Bildenden Kunst kann man diese Frage stellen und beantworten.

Plastiken „The Emperor Has No Balls“

Der Präsidentschaftsanwärter der republikanischen Partei, Donald Trump – von dem Michael Moore gerade gesagt hat, er hätte nicht ernsthaft kandidieren wollen, sondern zunächst nur, um seinen Marktwert bezüglich seiner NBC-Show zu erhöhen – ist mehrfach nackt abgebildet worden. Mitte August 2016 hat das Künstlerkollektiv „Indecline“ Trump-Figuren mit Micropenis und ohne Hoden im öffentlichen Raum in vier amerikanischen Städten aufgestellt. Die lebensgroßen Statuen wurden bald danach wieder entfernt. Auffällig ist hier die Nacktheit der Figur und die Unterentwicklung seiner primären Geschlechtsorgane. Ungewöhnlich auch, dass eine derart regide Darstellungsweise eines Präsidentschaftskandidaten im öffentlichen Raum gezeigt wird. Eine Provokation pur.

Gemälde „Make America Great Again“

Die Nacktheit von Donald Trump war aber schon in einem anderen Skandal-Kunstwerk vorher ein Thema: Die in Los Angeles arbeitende Künstlerin Ilma Gore hatte den Kandidaten nackt gemalt und das Bild „Make America Great Again“ genannt – was dem Wahlkampfslogan von Donald Trump entspricht. Am Bild, das in Amerika inzwischen nicht öffentlich gezeigt werden darf und wegen dem die Künstlerin Morddrohungen erhalten hat, ist wieder bemerkenswert, dass der Politiker nackt dargestellt wird und dass sein primäres Geschlechtsorgan klein ist. Das Bild trägt im Gegensatz dazu einen Titel, der von vermeintlich neuer Größe des Landes kündet. Die Künstlerin stellt in einem Interview die Frage, warum sie zensiert wird, Trump aber sagen kann, was er will – und sei es noch so „verrückt“. Tatsächlich hat Trump Widersacher beschimpft und verunglimpft und damit ebenfalls öffentlich an den Pranger gestellt.

Kanye West: „Famous“-Musik-Video

Trump ist jüngst, im Juni 2016, ein weiteres Mal nackt abgebildet worden. Allerdings nicht im Rahmen eines Kunstwerkes sondern in dem Musikvideo „Famous“ von Kanye West. Dort ist der Rapper in einem Breitleinwandbett neben seiner Frau mit zahlreichen anderen nackten Prominenten zu sehen, darunter George W. Bush und eben auch Donald Trump. Alle sind völlig unbekleidet, und bis auf Kanye West selbst sollen alle Dargestellten sehr realistische Wachsfiguren sein (Produktionspreis der Figuren: 750.000 Dollar). Unabhängig von der vordergründigen, medienträchtigen Provokation und den üblichen Rap-Manierismen im Text kombiniert die Motivik metaphorisch Doppelgängertum und Berühmtheit. Die Metapher ist allerdings keine Eigenkreation, sondern dem Gemälde „Sleep“ von Vincent Desiderio sehr direkt nachempfunden. Vincent Desiderio schreibt hier über das Zusammentreffen mit Kanye West.

Die Kunst-Kabarett-Karikatur

Auffällig ist die Ähnlichkeit in der Motivik der Plastiken im öffentlichen Raum und des Bildes von Ilma Gore: beides Mal Trump nackt mit kleinen Genitalien. Der Mann, der sich auf der Medienbühne als omnipotent inszeniert wird mit künstlerischen Darstellungsweisen als augenscheinlich wenig potent wohl auf Unter-Lebensgröße geschrumpft. In der Direktheit dieser Herangehensweise liegt wenig Künstlerisches, man könnte es als Verunglimpfung betrachten, und selbst wenn man das nicht täte, läge inhaltlich nicht sehr viel in dieser Aussage, die wie eine Vorlage für eine dann medial potenzierte Provokation wirkt oder eine bildhafte Karikatur, wie sie das Kabarett mit Worten zeichnen könnte. In dieser karikaturenhaften Darstellungsweise liegt eine gewisse Eindimensionalität auf Penälerniveau: Wenn ich gegen meinen Lehrer oder Vorgesetzten nichts machen kann, kritzel ich ihn nackt auf ein Blatt Papier. Längst geht es bei solchen Kunstwerken wie im Falle Trump aber eher um den Kampf um die Medienhoheit. Denn Trump hat seit dem Vorwahlkampf die Medien dermaßen beherrscht, dass eine Gegenreaktion im Medienzirkus härter als gewohnt ausfallen musste.

Nacktheit als Metapher

Dass auch bei Kanye West der nackte Trump ein Thema ist, könnte aber über die konkreten Beweggründe der Medienschaffenden hinaus erahnen lassen, dass es hier übergeordnet um mehr gehen mag als nur Verunglimpfung. Die Darstellung von Trump ist eine zynische Entzauberung einer exaltierten Medienwirklichkeit rund um Trump. Der hat mit seinen aberwitzigen Behauptungen gestützt von einer breiten medialen Aufmerksamkeit viele Wahlmüde und vor allem Wähler zu seiner Zielgruppe gemacht, die sich vom politischen Establishment verraten fühlen und im Trumpschen Irrwitz das erblicken, was es ist: politisch unkalkulierbare Anarchie. Immer, wenn ein Kritiker Trump etwas nachgewiesen hat, wie das zum Beispiel bei der Journalistin Megyn Kelly der Fall gewesen ist, erfindet sich Trump medial neu, sagt das Gegenteil dessen, was er zuvor behauptet hat, relativiert oder dreht den Spieß um. Trump ist oft argumentativ nicht zu packen. Dies scheint ein kollektives Bedürfnis erzeugt zu haben, zu wissen, wer dieser Trump ist, bzw. ihn unverstellt zu zeigen, wie er sein mag: nackt und damit vom Sockel der inszenierten Aufmerksamkeit gestoßen.

Zweifelhaftes Selbstwertgefühl

Die Nacktheit wird somit als letzte Instanz einer Unverstelltheit, die man wie man mag politisch oder menschlich interpretieren kann. Die Nacktheit, so zynisch und beleidigend sie sein mag – selbst wenn man einem Kandidaten wie Trump dies aus Schadenfreude gönnt – hat als verbindendes Element, die Ehrlichkeit in der Politik. Es geht um das Unverstellte, das Klarheit bringt. Ein Kandidat, der sich überlebensgroß medial aufbläht, wird auf sein Gegenteil reduziert. Künstlerisch gesehen wird Omnipotenz zur Impotenz, Macht zur Ohnmacht und Größenwahn zum Minderwertigkeitskomplex.

Politische Kultur in Amerika

Donald Trump ist zum Symbol einer unkalkulierbaren Politik geworden, die auf der Unzufriedenheit basiert, die durch soziale Ungerechtigkeit und auf zu ungleich verteilten Finanzmitteln beruht. Doch Trump ist nur die Spitze des Eisberges. Die Tendenz in Amerika, den Wahlkampf zu inszenieren und zu einer choreografierten Show zu machen, musste früher oder später einen Kandidaten hervorbringen, wie Trump einer ist: Seine Strategie basiert nicht auf Solidarität sondern auf Polarisierung durch Diffamierung. Polarisierung ist in der politischen Wirklichkeit, die auf Kooperation angewiesen ist, wenig tauglich. In den Medien jedoch wirkt Polarisierung spannend und unterhaltsam. Die jüngste amerikanische Geschichte wirkt mit Blick auf das politische Personal auch von Trump abgesehen fast schon surreal oder ganz real kabaretthafter als das Kabarett selbst.

Der Schauspieler Ronald Reagan wird Präsident

Als Ronald Reagan 1981 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden war und das bis 1989 bleiben sollte, konnten viele Beobachter nicht glauben, dass ein Schauspieler das schaffen kann. Man mochte stellenweise meinen, dass Reagan den Präsidenten nur spielte aber keiner war. Denn die auch heute noch unter den Republikanern hoch verehrte Politik Reagans (Reaganomics) wimmelte vor Widersprüchen. Reagan hatte in seiner Amtszeit ein Rekord-Staatsdefinzit zu verantworten, obwohl er angetreten war, um zu sparen. Sein neoliberales Konzept war es, die Märkte zu liberalisieren und dadurch mehr wirtschaftlichen Schwung zu generieren. Das Ergebnis war jedoch, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klaffte. Außerdem hatte er sich auf die Fahnen geschrieben, die Steuern zu senken, tatsächlich hat er sie insgesamt erhöht, nur für die Großverdiener jedoch partiell reduziert. Man mag mutmaßen, dass Reagan in den Medien bestimmte Ziele kommunikativ geschickt und dazu religiös verbrämt kommuniziert und schauspielerisch vermittelt hat, während der politische Alltag gemessen an seinen selbst formulierten Zielen von ihm nicht zu bewältigen gewesen war.

Der Schauspieler Arnold Schwarzenegger wird Gouverneur

Reagan kam nicht aus dem Nichts. Vor seiner Präsidentschaft war er zwischen 1967-1975 Gouverneur von Kalifornien gewesen. 2003-2011 war ein weiterer Schauspieler Gouverneur dieses Bundesstaates geworden: Arnold Schwarzenegger. Und wieder konnte man es nicht so recht glauben: Nach Ronald Reagan, der in B-Movies auch Bösewichte verkörpert hatte, nun Arnold Schwarzenegger, der als Terminator wortkarg gehandelt hatte, anstatt zu diskutieren. In nie gekannter Weise, war die Traumwelt Hollywoods mit der Realität verschmolzen, und es war schwer zu entscheiden, ob man deswegen lachen oder weinen sollte.

Die Tea-Party tritt auf den Plan

Beide Schauspielpolitiker waren Republikaner, also Vertreter des rechten politischen Establishments. Nachdem 2009 die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung entstanden und später partiell Teil der republikanischen Partei geworden war, geriet das konservative politische Esteablishment zusehends unter Druck. Es sollte sich einiges ändern, denn die Tea Party brachte mehr Paranoia und Unvernunft in die Politik, fühlte sich vom eigenen Präsidenten Barack Obama unterwandert, bezeichnete ihn mal als Kommunisten und mal als muslimischen Nicht-Amerikaner, der mit dem internationalen Terrorismus gemeinsame Sache mache – eine Behauptung übrigens, die Trump in seinem Wahkampf wiederholte. Dahinter steckte die tief verwurzelte Angst des weißen Amerika, im eigenen Land nicht mehr die Majorität zu haben. Die politischen Veränderungen, die sich dadurch ergeben haben, haben einen Präsidentschaftskandidaten wie Trump, der kein Programm hat und seine Inhalte auf Zuruf improvisiert, erst möglich gemacht.