Frau mit ZettelLängst hat die Informationsflut das Vermögen unserer Gehirne weggespült. Längst gurgeln wir in Semantik-Wortstrudeln mögliche Bedeutungen und verschlucken uns daran. Wie bei George Orwell haben – diesmal rechtslastige – Demagogen weltweit, vor allem aber in westlichen Demokratien, Begriffe umgedeutet und informationelles Chaos verbreitet. Zu jeder seriösen These gibt es eine alternative Lügenthese. Wie immer ist uns Amerika weit voraus. Der Irrsinn pflanzt sich von dort seismisch nach Europa fort.

Versucht Donald Trump (geb. 1946) mit möglicherweise kriminellen Mitteln 2020 die amerikanische Wahl zu stehlen, behauptet er danach, Joe Biden hätte es getan; fällt seine Familie durch möglicherweise kriminelles Verhalten auf, propagandiert er, die Biden-Familie sei definitiv kriminell. Donald Trump ist das Aushängeschild dieser Kontradiktion als politische Tendenz, längst sind Lügengeschichten ein internationaler Exportschlager.

Angst als politische Absicht

So sind europäische Länder vom Fake-Info-Virus betroffen, natürlich auch Deutschland. Die AfD kultiviert das Gaga-Neusprech und CDU-Politiker Friedrich Merz (geb. 1955) sondiert für sich, wie man mit Sprache umgehen sollte: nämlich so wie immer, nichts Neues wagen, nichts verändern. Gendersprache sei schlecht und gefährlich, meint er. Er adaptiert damit, was ihm Amerikaner wie Ron DeSantis (geb. 1978), dem auch mal die CSU einen Besuch abgestattet hat, vorgesagt haben und bildet damit das Dilemma konservativer Parteien ab, die an den Rezepten vergangener Zeiten festhalten und in jeder Veränderung einen Angriff auf ihr Wohlbefinden sehen. Menschen, die nichts ändern wollen, haben Angst. Sie werden panisch, weil sie die Gegenwart nicht verstehen. Alles, was unkontrolliert auf sie einprasselt, macht sie orientierungslos und aggressiv.

Populismus als die Kunst der Verwirrung

Das gilt insbesondere für die Wähler in den Demokratien, deren ökonomisches System erlahmt ist; denn Politiker wissen seit jeher, dass ängstliche Wähler besser zu manipulieren und damit zu steuern sind. Das Rezept lautet daher:

„Ängstige die Wähler“
+
„Verbreite informationelles Chaos“
=
„Die Wählerschaft wird zur ängstlichen Schwungmasse.“

Seit jeher wird „Zuwanderung“ zum Killerthema, das die AfD aufgepumpt hat oder auch die FDP unter ihrem damaligen Vorsitzenden Jürgen Möllemann (1945-2003), der mit ausländerfeindlichen Parolen um Wählerstimmen gebuhlt hatte, lanciert hat – die CDU/CSU sowieso. Andere Themen werden von Demagogen negiert: Klimawandel? Was für ein Klimawandel? Corona? Was für eine Corona? Sklaverei und Rassismus? Hä? Den Sklaven unter der weißen amerikanischen Herrschaft ging es doch gut, wie der amerikanische republikanische Präsidentschafts-Anwärter Ron DeSantis in seinem Buch schreibt. Russlands Angriffskrieg? Selbstverschuldet von der Nato. Populistische Antworten auf komplexe Fragen, die Dummheit und Unrecht im Roulette-haften Wechselspiel befördern.

Jordan Peterson als Vaterfigur orientierungsloser Männlichkeit

Auch Jordan Peterson (geb. 1962), ein kanadischer Social-Media-Demagoge der hasserfüllten Töne, der in Amerika zum Prominenten geworden ist, zehrt von Ressentiments gegen Minderheiten und Andersartige. Die psychologische Mechanik seiner Thesen ist simpel: Peterson überhöht sich selbst, indem er andere öffentlich erniedrigt. Er ist der reichweitenstarke Fürsprecher der unter die Räder geratenen Männlichkeit geworden. Wer nicht seiner Meinung ist, ist in seinen Augen ein radikaler postmoderner Marxist, er spricht von „Cultural Marxism“/„Kultur-Marxismus“, ein Begriff den er der nationalsozialistischen Propaganda unter Adolf Hitler entlehnt hat, die alles, was ihr nicht passte, als „Kulturbolschewismus“ bezeichnete. Von Jordan Peterson stammt der Satz: „You have to admire Hitler, that’s the thing, because he was an organizational Genius“ (übersetzt etwa: „Man muss Hitler bewundern, das ist das eigentlich Interessante, denn er war ein Organisationsgenie“).
Zu den favorisierten Opfern von Jordan Peterson gehören vor allem Ausgegrenzte wie Transgender-Menschen aber auch emanzipierte Frauen und liberale Demokraten.

Lob der Rechtsgerichtetheit

Der autoritär auftretende Peterson lobt Ungarns nationalistischen Premierminister Viktor Orban (geb. 1963) und versteht, dass Wladimir Putin (geb. 1952) Krieg gegen die Ukraine führt, den er als Krieg gegen „Wokeness“ und westliche Verweichlichung interpretiert. Kein Wunder, dass er den kanadischen Premierminister Justin Trudeau (geb. 1971) als einen „Diktator“ bezeichnet. In einer Podiumsdiskussion wurde Jordan Peterson von Philosoph Slavoj Žižek (geb. 1949) gefragt, wer denn die von Peterson so oft allgemein genannten radikalen Marxisten an amerikanischen Hochschulen seien – Peterson konnte nicht einen einzigen Namen nennen und räumte kleinlaut ein, es würde doch gesagt, dass es solche gäbe. Auch nach dieser Veranstaltung, in der er mit seiner eigenen Demagogie konfrontiert war, fuhr er in vielen seiner Videos fort, das moderne akademische Amerika sei von „radikalen Linken“, von „Postmodernen“ und „Marxisten“ unterwandert – einen Beleg für seine These ist er schuldig geblieben. Es mehrt sich zudem der Verdacht, dass er bezüglich postmoderner Philosophie kaum mehr als über Wikipedia-Wissen verfügt, also nicht wirklich weiß, worüber er bezüglich des Zusammenhangs zwischen postmoderner Philosophie und Marxismus redet.

Information im Gewand des Populismus

Wer seine Informationen aus den Sozialen Medien bezieht, begegnet oft realitätsfern verdichteten, nuancenlosen Meinungen, die sich als „Fakten“ oder als „Wahrheit“ ausgeben. Der Psychologe und Akademiker Jordan Peterson hat zu vielen aktuellen, relevanten Themen eine Meinung, die immer im Dienst einer rechtsgerichteten Politik steht. Zunehmend hat er eine klare Argumentationslinie durch die immer gleichen Schlagworte ersetzt und nutzt anstatt nachvollziehbarer Darstellungen bzw. der Nennung von Fakten schwammige Begriffe. Sein Bestreben ist nicht Erkenntnis durch Auseinandersetzung – zumal mit Neuem, etwa im Hinblick auf Geschlechterrollen – sondern Zementierung seiner Meinung. Jordan Peterson ist ein Paradebeispiel in den sozialen Medien, komplexe Wirklichkeit all ihrer Nuancen zu berauben und das eigene Meinungsbild im Mantel der Wissenschaft als Wahrheit darzustellen. Man kann das auch „Demagogie“ und „Desinformation“ nennen, gerade wenn es speziell an junge Männer gerichtet ist, die Orientierung suchen. Wer Peterson einmal reden hört, sieht, dass es ihm nicht um einen Konsens geht, nicht um Austausch sondern um Meinungs-Dominanz. Man könnte einwenden, dass Peterson eben ein politischer Aktivist ist, der mit harten Bandagen arbeitet oder vielleicht nicht in der Lage ist, zwischen einem persönlichen Gespräch im kleinen Kreis und der Weltbühne des Internet zu unterscheiden. Sein Bashing von Transmenschen oder Übergewichtigen auf Twi/X/tter, seine Paranoia, bei berechtigter Kritik böswillige Linke zu wittern, lässt ihn wie einen Trump wirken, der mehr Begriffe kennt.

Businessmodell „populistische Fake News“

Neben der Instrumentalisierung der Verbreitung von aggressiv vorgetragenen Meinungen, Fake News und Lügen im Sinne einer rechtsgerichteten Politik ist Demagogie weltweit ein Geschäftsmodell geworden. Politische Lügengeschichten als alternative Wahrheit haben Konjunktur. Wer die provokantesten Thesen, die dreistesten Lügen verbreitet und sich immer weiter radikalisiert, kann via Social-Media-Werbeeinnahmen, Redner-Honoraren und über Spenden zum Millionär werden oder wie Donald Trump seine Millionen dadurch aufstocken. Das ist verlockend. Zumal in den USA Politik durch die republikanischen „MAGA“-„Make-America-Great-Again“-Politiker vielerorts zum Kasperle-Theater verkommen ist. Deutschland hat bisher einer radikalisierten mehrheitsfähigen Politik widerstanden, Frankreich steht vielleicht am Kipp-Punkt und Italien, Polen sowie Ungarn sind längst in diese Richtung abgerutscht.

Internetsüchtig in aufgepeitschten Zeiten

Das zusätzlich Schlimme an den Desinformationskampagnen von Demagogen wie Jordan Peterson ist ihre Frequenz. Die algorithmische Web-Logistik liefert deren Inhalte im Stakkato-Takt. Etwa auf Twitter, wenn Meinungsmache und Desinformation mit den ewig gleichen verkürzten Botschaften für Orientierungslosigkeit und Chaos sorgen. Die vergleichsweise differenzierten Reden des frühen Jordan Peterson gelegentlich zu hören, mag bereichernd sein. Die des zunehmend radikalisierten Petersons sind kaum zu ertragen, weil sie kaum Substanz haben und gerade auf Twitter medienbedingt extrem verkürzt sind. Die Tendenz, dass Social-Media-Aktivisten abhängig vom Zuspruch ihrer ebenso radikalisierten Zuhörerschaft werden, mündet in eine riesige Blase des immer Gleichen und verstellt den Blick auf die facettenreiche Wirklichkeit. Internetsucht wie bei Donald Trump, Elon Musk oder Jordan Peterson macht die Sache nicht besser.

Aufpeitschung durch Social Media

Dieser Vorgang, wie Peterson stündlich mehrfach zu twittern und ständig online zu kommunizieren, mündet in ein Zuviel: Zu viel an Meinung, zu viel an Shitstorming, zu viel an Radikalisierung. Zu viel zu tun, ist ein Kardinalfehler in vielen Bereichen. Könnte man sich vorstellen, dass ein reichweitenstarker Social-Media-Aktivist etwa nur einmal im Monat einen Tweet auf dem ausge-x-ten Twitter veröffentlicht? Oder alle paar Monate ein YouTube-Video? Kaum denkbar, wenn man von den erregten Reaktionen seiner Zuhörerschaft abhängig ist. Social Media lebt von Rhythmus und Frequenz. Ist die nicht engmaschig genug, reißt der Faden zum schnelleren Herzschlag der Fans.

Ben Shapiros geframtes Denken

Aber für die Social-Media-Publisher stellt sich die Frage nach den Inhalten. Die Filmrezensionen von Peterson-Buddy Ben Shapiro (geb. 1984) auf „Daily Wire“ etwa, einer rechtsgerichteten Videoplattform, künden von Unverständnis der Materie. Der religiös Orthodoxe Shapiro zeigt sich in einem Podcast tief verunsichert, weil im Oscar-prämierten Film von Guillermo del Toro, „The Shape of Water“, die weibliche Hauptfigur Sex mit, wie sich Shapiro ausdrückt, „einem Fisch“ habe. Tatsächlich hat sie ein Liebesverhältnis mit einem amphibischen Mann, der im Wasser lebt. Allein dieser Umstand disqualifiziert den Film in den Augen Ben Shapiros. Andererseits lobt er Christopher Nolans „Oppenheimer“-Film, aber aus den falschen Gründen. Er versteht den Film gar nicht. Denn darin zeigt Nolan neben den Geschehnissen rund um den Bau der Atombombe, die im äußeren Weltkrieg eingesetzt werden soll, vor allem den inneren Krieg zwischen Militär und Wissenschafts-Community rund um den Kommunismus vieler jener Wissenschaftler, die die Bombe bauen. Nolan zeigt einen internen Krieg des mangelnden Vertrauens, des Verrats und der Intrigen. Überträgt man das auf die USA heute könnte man sagen, es gibt die großen Aufgaben, die jeder Politiker zu bewältigen hat oder hätte, und es gibt das Kleinklein und den internen Hickhack des zurzeit tobenden Kulturkampfes, der durch Social-Media-Kommunikation angeheizt wird. In „Oppenheimer“ geht es also weder um die Biografie eines Mannes, noch um die Darstellung des Baus der Atombomben, es geht um die politischen Grabenkämpfe – Shapiro hätte davon etwas lernen können, wenn er es verstanden hätte.

Kulturkämpfer mit Opfermentalität

Jordan Peterson andererseits instrumentalisiert jedes neue Thema zum Abspulen der immer gleichen Thesen in einer Endlosschleife. Shapiro und Peterson erzählen wie Donald Trump in ihren Veröffentlichungen die im Grunde traurige Geschichte von sich selbst als Opfer. Jede Form von Auseinandersetzung ist für beide „Censorship“/„Zensur“, eingebettet in eine Verschwörung von Links. Und für Populismus-Mastermind Trump existiert noch nicht mal ein Rechtssystem, weil er in einem infantilen Ego-Käfig lebt, in dem nur er als Bewohner recht hat. Jeder Staatsanwalt, der ihn verklagt, sei – so kolportiert Trump es immer wieder – ein politisch gesteuerter Handlanger der „Eliten“, des „Systems“ oder der „Regierung“. Aber nicht nur er würde dadurch angegriffen, sondern das gesamte amerikanische Volk. Ein Tweet von einer Figur wie Trump pro Jahr wäre vielleicht witzig aber Jünger der Selbstliebe und Social-Media-Abhängige wie er müssen ständig etwas von sich geben – so kann man täglich hören, wie verbale Inflation klingt. Dabei sind die drei nicht so einfach zu vergleichen. Zwar sind Shapiro, Peterson und Trump von starker Selbstbezogenheit geprägt aber ihre Profile sind recht unterschiedlich:
Ben Shapiro ist ein religiös geprägter Hardcore-Konservativer, dem der orthodoxe jüdische Glaube schon an sich manches verbietet, etwa das Nachdenken über Geschlechterrollen und Sexualität. Allein Homosexualität zum Beispiel scheint ihm ein Gräuel zu sein, weil seine Orthodoxie ihm nur ein enges Weltbild gestattet. Wie Peterson versteht er die Hintergründe des kulturellen Wandels nicht, man könnte sagen: weil er von gestern ist. Er setzt sich für die Freiheit jedes Amerikaners ein, eine Waffe zu tragen und würde Abtreibung am liebsten ganz verbieten.
Jordan Peterson ist dem Michael-Kohlhaas-Komplex verfallen. Er hat sich bockig in eine monströse Antihaltung hineingesteigert, die ihn zur personifizierten Gekränktheit hat werden lassen. Man kann ihm unterstellen, dass er als intelligenter Intellektueller an der Welt und ihren von ihm als dumm empfundenen Auswüchsen leidet. Sicher ist er ein sehr hart kommunizierender Mensch, der allein dadurch polarisiert. Wie die beiden anderen Protagonisten des Populismus scheint er mitunter zusätzlich einem Messiaskomplex der Selbstüberhöhung anheimzufallen. Das mag eine Gefahr sein, wenn man durch sein Buch und seine Vorträge so viel Zuspruch erfährt.
Donald Trump ist ein narzisstischer Egomane, der ein Leben lang auf der Grenze zur Kriminalität gelebt zu haben scheint. Reich geboren hat er wohl darunter gelitten in den Augen seines Vaters ein Versager gewesen zu sein, der sich ständig klamm Geld leihen musste. Nun ist er unnachgiebig geworden, unfähig außer sich selbst etwas für wichtig zu halten, wohl auch, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass er sich als Millionär alles erlauben kann, wenn er nur gute Rechtsanwälte um sich schart. Vor seiner Präsidentschaft 2016 hatte Trump mit seinen Unternehmen sage und schreibe ca. 3.500 Gerichtsverfahren offen. Bisher ist das Konzept, den juristischen Weg zu gehen und damit alles auf die lange Bank zu schieben, aufgegangen, bis er jüngst als Sexualtäter verurteilt wurde und damit eine erste Schlappe in seinem Kampf gegen die Welt einstecken musste. Nun sieht er sich mit einer Reihe von weiteren Prozessen konfrontiert:

  1. Mal geht es darum, dass er Wahlbetrug begangen haben mag,
  2. mal darum, dass er geheime Dokumente veruntreut haben soll,
  3. mal darum, dass er seine Immobilien nach Gusto bewertet haben könnte, um Steuern zu sparen sowie Kredite und Versicherungsprämien günstiger zu bekommen,
  4. und schließlich wird juristisch geklärt, wie er in die Kapitol-Erstürmung am 6. Januar 2021 eingebunden ist.

Immerhin könnte er als jener amerikanische Präsident in die Geschichtsbücher eingehen, der versucht hat, die eigene Regierung zu stürzen.
Man sieht, dass zwar alle drei Social-Media-Prototypen hochgradig radikalisiert sind und toxisch-verbale Viren in die Websphäre absondern aber ihr Sitz im Leben und ihre Herkunft sind denkbar unterschiedlich.

Oberflächliches und Tiefgang

Was ist das eigentliche Problem? Die Inhalte oder die schiere Masse an verbreitetem Unsinn, der das limbische System als Sitz von Trieb und Emotion im Gehirn all der Leser, Zuhörer und Zuschauer von Social Media anspricht? Eigentlich beides aber die Dosis macht das Gift. Man findet diesen Umstand, dass Masse statt Klasse gepostet wird, oberflächliches Blabla anstatt Tiefgang, vorläufige Urteile anstatt durchdachter Analysen als Ergebnis eines Denkprozesses überall in Postings aus der Politik, überdeutlich vor allem in Amerika. Zuviel Zuviel kann in Irrsinn münden. Man sieht das besonders eindringlich am mäandernden Ex-Präsidenten Donald Trump.

Zuviel oder Zuwenig – wo ist die goldene Mitte?

„Zuviel“ kann aber auch zu viel des Guten sein. Denn Zuviel ist überall dort zuhause, wo kommuniziert wird. Die vernetzte Gesellschaft produziert zwangsläufig viel mehr kommunikative Inhalte als früher – die Technik macht es möglich. Das führt dazu, dass jeder jedem seine Meinung oder seine Befindlichkeit schreibt oder zeigt. Zuviel kann überfordern und liegt im Trend.
Ein Nachdenkbeispiel aus einem ganz anderen Bereich: Literatur-Kritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) hatte dem gefeierten Autor David Foster Wallace (1962-2008) bezüglich seines Romans „Unendlicher Spaß“ vorgeworfen, zu viel (Verzichtbares) geschrieben zu haben. Sein Buch hätte laut Reich-Ranicki gewonnen, wenn es ein paar hundert Seiten weniger umfangreich gewesen wäre. Ähnliches hat er über Robert Musils (1880-1942) Monumentalwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben und hier zum Entsetzen der Musil-Verehrer sogar angeregt, eine gekürzte Version zu veröffentlichen, die den Zugang zu diesem wesentlichen Werk der Weltliteratur erleichtern würde. Tatsächlich enthalten die genannten Werke der beiden – Wallace und Musil – vieles, das sich wiederholt oder eine klare Linie vermissen lässt. Beide Bücher erscheinen dem geneigten Leser stellenweise, als hätten sich ihre Autoren auf hohem Niveau verzettelt.

Zu viel „Unendlicher Spaß“

„Unendlicher Spaß“ wirkt, als habe David Foster Wallace mehrere Bücher angefangen und zu einem Werk verbunden. Als habe er also alles, was er in einer bestimmten Zeit geschrieben hatte, irgendwie im Buch unterbringen wollen. Es geht darin anschaulich um Drogenabhängigkeit und Drogenentzug aber gleichzeitig auch um die Zukunft Amerikas und Kanadas, weshalb „Unendlicher Spaß“ auch als Science-Fiction-Roman bezeichnet wird. Es geht immer wieder um das Thema „Film“, das Filmeschauen und das Film-Produzieren. In wesentlichen Teilen ist der Roman aber ein Buch über Tennis oder allgemeiner gesagt über die Anstrengung, den Sport zu betreiben und die darunterliegenden Mechanismen, etwas, das man gerne hobbymässig getan hat, zu einem disziplinierten Leistungssport auszubauen.
Unter diesen Themen, die lose verbunden sind, vollzieht sich eine Lebensgeschichte. Die eines Kindes, eines später Abhängigen, der von den Drogen loskommen will und es dann doch nicht schafft und eines Sportlers, der Spitzensportler werden möchte.
Es erfordert Beharrlichkeit, das Buch durchzulesen, im Deutschen hat es 1.547 Seiten Gesamtumfang. Der eigentliche Roman umfasst 1.410 Seiten, ganze 137 Seiten mit Anmerkungen hat David Foster Wallace hinzugefügt. Ein bisschen ist „Unendlicher Spaß“ allein durch seinen Umfang und die darin enthaltene Varianz der Textsorten, Perspektiven und Erzählstränge wie der Mount Everest der Literatur – kaum zu bezwingen. Wie auch immer man dies im Falle dieses Romans sehen mag, zumindest kann die Überlegung hilfreich sein, dass manchmal weniger mehr sein könnte, wenn man etwas aussagen will. Das kann sich auf die Kürze eines Informationsblocks beziehen, auf die Originalität der Einzelteile in Bezug auf ihre Redundanz oder auf die Segmentierung des Buches durch zu viele Erzählstränge.

David Foster Wallace verzettelt

So hätte man aus „Unendlicher Spaß“ theoretisch mehrere Bücher machen können.
Denn etwa die Kindheitsgeschichte eines Heranwachsenden, gekoppelt mit seinen drogeninduzierten Empfindungen und Lebensumständen und seiner langen Rekonvaleszenz sind eindringlich und anrührend.
Auch die Geschichte eines Jungen, der an der Uni angenommen werden soll – so beginnt das Buch – bis hin zu seinen Tennisambitionen könnten allein einen umfänglichen Roman bilden, womit aber nicht gesagt werden soll, dass diese Aufsplittung sinnvoll sein muss. Denn man kann argumentieren, dass das Spannungsverhältnis zwischen der Lust an etwas und der angestrebten Zielerreichung einerseits und dem Absturz, den die Orientierung am vermeintlichen Spaß bildet andererseits, sich erst im Panorama der komplizierten Gesamtschau ergibt – zumal im Science-Fiction-Teil des Buches Kanada zur Müllhalde der abgeschotteten amerikanischen Lebensweise verkommt und damit einen größeren Bezugsrahmen schafft.

Literarische Werke des „Zuviel“ von Musil und Foster Wallace?

Zusammengefasst sind beide Romane nicht nur bahnbrechende Kreativwerke sondern als schriftstellerische Fleißarbeiten eine Aneinanderreihung von sehr Vielem, vielleicht von zu Vielem. Man merkt den Werken an, wie ihre Autoren kämpften, um den Überblick zu behalten und ihre Aussagen zu stabilisieren. „Der Mann ohne Eigenschaften“ erschien in einem ersten Band, der zweite blieb unvollendet und danach bemühte man sich eine weitere Fortsetzung aus dem Nachlass zu rekonstruieren.
In der ernsthaften Literatur und noch mehr in der Philosophie ist das Ringen um die Wahrheit oder einen Erkenntnisgewinn ein zentrales Ziel von Sprache. Das kann philosophisch zu reduktionistischen Formen führen wie bei Ludwig Wittgenstein (1889-1951) oder zu ausufernden, die alle Bereiche der Wirklichkeit erfassen wollen, wie bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831).
Wer dauerhaft kommuniziert, wird aber fast zwangsläufig Opfer des eigenen Zuviels. Die Essenz von Jordan Peterson wäre mehr als genug. Sich auf ein Thema zu konzentrieren, wahrscheinlich am ehesten auf die Psychologie, hätte ihm gutgetan. Er redet viel, wenn der Tag lang ist, und bringt in keinem Bereich etwas Bleibendes zustande. Am ehesten hat das sein erstes Selbsthilfebuch erreicht, das Millionen orientierungsloser Männer motiviert hat, über Veränderung nachzudenken. Es liest sich wie das Buch eines strengen Vaters für seine chaotischen Söhne. Dadurch ist Peterson nachhaltig bekannt geworden. Man merkt dem Selbsthilfe-Ratgeber an, dass hier ein Psychologe über etwas geschrieben hat, mit dem er sich auskennt. Für die meisten anderen Themen, über die Peterson referiert, löst er diesen Anspruch nicht ein, sondern ersetzt Tiefgang durch Arroganz.

Konzentration auf gut Recherchiertes

„Kampf um Inhalte und deren adäquate Form“ – ein Anspruch, der in Social Media eher selten zu finden ist. Auf der politischen Ebene ist er durch die Formatlänge amerikanischer Fernsehsender gegeben, die oft 15 Minuten nicht übersteigen. Andererseits bieten gerade YouTube-Gesprächs-Langformate etwa von Lex Friedman (geb. 1983) oder Joe Rogan (geb. 1967) tiefere Einblicke in die Gedankenwelt ihrer Gesprächspartner. Der Irrsinn eines Alex Jones (geb. 1974) offenbart sich genauer, wenn man ihn stundenlang reden lässt. Auf den Punkt bei YouTube kommen aber ganz anders gelagerte Videoformate zum Beispiel aus Digital-Technik- und Gadget-Bereich wie bei den Profi-Videos von „MKBHD“/Marques Brownlee oder beim Smartphone-Zerstörer „JerryRigEverything“, der Gadgets auf Herz und Nieren testet. Beide Kanäle sind von Kürze, Klarheit und dem Weglassen von Überflüssigem geprägt – zumal sie sich sachgerecht mit ihren Inhalten auseinandersetzen. Man mag anmerken, dass in Literatur und Politik so einfach nicht geht. Dass es um Zwischentöne geht, bei der Politik zumal um die ständige Auseinandersetzung, die etwas zutage fördert oder einen Konsens erreicht. Doch seit es das Web gibt, muss jeder zu allem eine eigene Meinung verkünden, zumal eine gegenteilige, weil das mehr auffällt.

Willkommen: Das informationelle Burnout!

Was für Erkenntnisse kann man aus dem Social-Media-Overkill des Web ziehen, der mitgeholfen hat Donald Trump zur Kult-Figur zu stilisieren? Witzigerweise wurde er so auch zum Retter der politisch Unterdrückten. Nicht zu sprechen von Milliardärs-Cliquen um Elon Musk und Peter Thiel oder von Milliardärs-Pharma-Aktivist Vivek Ramaswamy, der jüngst als einer der amerikanischen Präsidentschafts-Kandidatur-Anwärter für Wirbel gesorgt hat. Gäbe es einen Populismus-Oscar für politische Strippenzieher, vielleicht hätte einer von ihnen ihn gewonnen. Wenn man die Atmosphäre politischer Desinformation mit aktuellen kulturellen Erscheinungen verbindet, etwa mit einer Film- und Serien-Streaming-Landschaft, die viel Hohles bietet, also meist ebenfalls Masse der Klasse vorzieht, ergibt sich ein gesellschaftliches Gesamtbild des informationellen Ausgebranntseins: Man wird überflutet von Eindrücken und Informationen und findet sich nicht mehr zurecht.

Informations-Ökonomie als Orientierunsgrundlage

Als Sinnbild lassen sich längst verstorbene Romanautoren wie David Foster Wallace und Robert Musil heranziehen, die bezogen auf den Umfang ihrer Werke den Rahmen des Üblichen weit überschreiten und einen Denkprozess darüber auslösen, welche Informationen man wie erfassen und rezipieren kann. David Foster Wallace und Robert Musil sind kulturelles „High-End“, sie sind Autoren mit Anspruch und sprachlichem Vermögen, während politische Aktivisten von AfD oder den US-Republikanern und anderen weit rechtsgerichteten Organisationen sprachliche Simpel sind, die gerne durch Verzerrungen und Lügen profitieren wollen.
Bei Information und Sprache geht um eine Ökonomie der Mittel, um ein Ende zu vieler Wiederholungen, die algorithmisch belohnt werden. Letztlich geht es um ein Nachdenken darüber, was einem Inhalt angemessen sein könnte – sofern es ihn gibt. Denn im Strudel des immer gleichen Jordan-Peterson-Talks oder des gebetsmühlenartig verbreiteten Trumpismus verschwinden die eigentlichen Wichtigkeiten und Relevanz nivelliert sich. Jordan Petersons Selbsthilfebuch trägt den Untertitel „Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“, wo aber Relevanz verschwindet, wird Orientierung schwierig, obwohl sie so notwendig wäre. Peterson als politischer Aktivist trägt wie Trump dazu bei – nur wortgewandter. In einer Welt der Vernetzung ist informationelle Ökonomie wichtig, weil Wahrhaftigkeit wie Sauerstoff ist und Informations-Überfrachtung einen ertrinken lässt.