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Über das Vorläufige und das Endgültige in der Kunst

Unendliche Geschichte
Die Genese eines Künstlers und seines Werkes sind im Spannungsfeld zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Unbewusstheit/Versenkung und Bewusstsein oder auch zwischen Tun und Beurteilen zu sehen. Denn das Bild mag unbewusst entstehen, danach sieht es die Künstlerin aber an und beurteilt es. Und von dieser Einschätzung kann ihr nächstes Bild beeinflusst werden. Es kann auch sein, dass ihr das Ergebnis nicht gefällt und sie das Bild neu malt.

Verstand und Gefühl – zwei Arten, das Kunstwerk zu betrachten aber auch zwei unterschiedliche Arten es werden zu lassen. Denn ob der Schaffensaugenblick der Moment der Vorläufigkeit oder der Endgültigkeit ist, hat einen großen Einfluß auf das künstlerische Endergebnis. Was bedeuten Vorläufigkeit oder Endgültigkeit überhaupt in diesem Zusammenhang?

Zwei Formen des künstlerischen Ausdrucks

Wenn eine Zeichnerin eine visuelle Eingebung hat – beispielsweise sieht sie vor ihrem geistigen Auge das Profil eines Mannes und ist von dieser Vorstellung inspiriert, es zu Papier zu bringen – hat sie zwei Möglichkeiten: Erstens, sie zeichnet mit einem Stift, der sich nicht korrigieren lässt, z.B. einem Filzstift, direkt, was sie innerlich fühlt und sieht. Es ist die unmittelbare Überführung des visuellen Impulses in eine skizzenhafte schnelle grafische Form. Eine Art „Seelenzustandsabbild“ oder „Gefühlskopie“. Das, was sie impulsgesteuert zu Papier bringt, ist aus dem Augenblick erwachsen. Es ist das Ergebnis eines unmittelbares Eindruckes und kaum direkter zu materialisieren. Der nicht wegzuradierende Filzstift ist das Bekenntnis zur Endgültigkeit diesen künstlerischen Ausdrucks. Zum zweiten könnte die Künstlerin die Vision im Kopf behalten oder mental in eine Art Konzept überführen, also als Ziel nicht die Abbildung des Augenblicks im Kopf zu haben, sondern die gefühlsdurchdrungene visuelle Vorstellung reifen und prozesshaft Gestalt werden zu lassen.

Prozesshaftigkeit in der künstlerischen Zeichnung oder Malerei

Was heisst „prozesshaft“? Damit ist gemeint, dass beim zweiten Beispiel die Zeichnung zunächst mit einem Bleistift gezeichnet wird. Der Bleistiftstrich kann wegradiert und umfangreich korrigiert werden, um dann u.U. mit Tusche überzeichnet und damit weiter interpretiert zu werden. Im Falle eines Ölbildes würde eine erste Schicht aufgetragen und dann mehrfach immer und immer wieder übermalt werden, bis die angestrebte Form realisiert worden ist. Diese zweite Möglichkeit ist nicht nur prozesshafter unf komplexer in ihrer Entstehung, sie ist auch planvoller und nicht mehr nur Teil einer gefühlsmässigen Entstehung sondern ebenso einer verstandesmässigen, weil der Künstler nicht mehr nur Schaffender ist, sondern auch Beurteilender und Einschätzender sowie Korrigierender von jeweils vorläufigen Zwischen-Ergebnissen. Sofern eine künstlerische Arbeit so entsteht, ersetzt der Künstler die Endgültigkeit des spontanen Ausdrucks durch Vorläufigkeit und akzeptiert dadurch den Beginn eines von der Ratio beeinflussten künstlerischen Wahrnehmungs- und Umsetzungsprozesses.

Die skizzenhafte Endgültigkeit

Eine schnelle, unmittelbare und skizzenhafte Endgültigkeit erfordert das Bekenntnis zur Unmittelbarkeit des Augenblicks, es erfordert auch Mut, weil das, was in einem Augenblick entsteht, gut oder schlecht sein kann – ohne die Möglichkeit, dies beeinflussen zu können. Augenblickskunst wird immer wieder kollosal scheitern. Sie wird auch schwerlich über eine gewisse inhaltliche Oberflächlichkeit hinaus kommen. Ihr Vorteil liegt im Ausdruck und in ihrer Intensität, in ihrem Bekenntnis zu Unvollständigkeit und Fehlerhaftigkeit, was Lebendigkeit und Expressivität zeitigt und dem Zufall als künstlerischem Faktor Raum gibt.

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